Marcel Rochelt tanzt mit einer Konifere. Zumindest sieht es so aus, als er mit zwei Eisenhaken den entwurzelten Baum auf einen Anhänger wuchtet. Den Wurzelballen verpackt in Jute und Drahtkorb, die Spitze des Baums wackelt hin und her. Er ist nicht der erste Rochelt, der das macht. Seit vier Generationen, über hundert Jahre, führt seine Familie ihre Baumschule in Uetersen. Ihre 13 Hektar Land sind über die ganze Gemeinde verstreut, lokal verwurzelt. Marcel und seine Mitarbeiter sind stolz auf ihr Handwerk, draußen auf den Feldern, drinnen in Gewächshäusern. Baumschulen produzieren Pflanzen. Das erfordert Arbeit. Damit die Pflanzen optimal wachsen können, müssen sie „verschult“ werden. Die Gewächse werden nach einer gewissen Zeit umgepflanzt, je nach Größe und Bedarf. So wird aus ihnen ein hochwertiges Produkt. Nachdem sie dies einige Male durchlebt haben, kommen sie Pflanzen in den Verkauf. Baumschule ist Handarbeit.
ARBEIT MIT DEN SINNEN
Festes Schuhwerk, Handschuhe und Weste. Heute tragen wir das erste Mal Arbeitskleidung von Engelbert und Strauss. Auf dem weitläufigen Gelände stehen ein gutes dutzend Gewächshäuser. Drinnen schlägt uns dicke Luftfeuchtigkeit entgegen, Brillen beschlagen sofort, von der Decke tropft Kondenswasser. Unsere erste Aufgabe ist eine Übung. Marcel gibt uns einen Faden in die Hand, wir sollen „Zaubernüsse“ aufbinden. Das macht man für den Transport und Versand von fast allen Gewächsen, die sie verkaufen. Die hüfthohen Sträucher blühen gelb und riechen gut. Während wir den Faden um den unteren Teil der Zaubernuss wickeln, festziehen und verknoten, rätseln wir darüber, wonach die Pflanze eigentlich riecht. Zu einem Ergebnis kommen wir nicht.
 „Eiben riechen nach Pferd, Kirschlorbeer nach Marzipan, Nordmanntanne nach Weihnachten“, sagt Marcel. Arbeit mit den Sinnen. Draußen geht es weiter. Auf einem Platz vor den Gewächshäusern stehen Töpfe mit jungen Pflanzen. Sie haben Durst. Wir stecken Schläuche in die Töpfe. Ein präzises Bewässerungssystem. "Jetzt ist die Zeit, in der man auf allen Hochzeiten tanzt“, sagt Marcel. In ein paar Tagen beginnt der Frühling. Der Hochnebel vom Vormittag ist der Sonne gewichen, der Himmel ist jetzt blau. Es gibt Aufgaben, die Fingerspitzengefühl und Erfahrung erfordern. Um die Pflanzen besonders zu formen, nur die besten Teile zum Blühen zu bringen, müssen Äste abgeschnitten werden. Dann nimmt man einen anderen, besseren Ast und befestigt ihn an der Pflanze. Später wachsen sie zusammen. „Veredeln“ nennt man das. Bei Rochelt gibt es Pflanzen in allen Größen. Von kleinen Setzlingen bis zu fast ausgewachsenen Bäumen. Für jeden Kunden, jedes Bedürfnis ist etwas dabei. So unterschiedlich wie das Sortiment sind auch die Aufgaben.Â
Auf dem Vorplatz setzen sich zwei Traktoren in Bewegung, im Schlepptau ein kleiner Baumroder. Wir sollen mit und springen auf. Es geht zu einem Feld, etwa einen Kilometer entfernt. Ein Führerschein ist für die Ausbildung nicht unbedingt notwendig, aber von Vorteil. Das Bedienen dieser Maschinen ist wichtiger Bestandteil der Arbeit in den Baumschulen. Azubis können dabei Verantwortung übernehmen. Außerdem macht es Spaß, mit einem Traktor über die Felder Uetersens zu fahren. „Mit Sitzheizung“, wie Marcel betont. Nach kurzer Fahrt kommen wir an. Der trockene Boden ist mit breiten Reifenspuren durchzogen, dazwischen perfekte halbkugelförmige Löcher. Stünden hier nicht Koniferen in Reih und Glied, sähe es aus wie eine Mondlandschaft. Zwei Auszubildende hat Marcel aktuell, einer davon ist Christian, der von seinem Traktor steigt. Zwei Bäume wurden bestellt.
Marcel prüft die Bestellung, der Kunde hat Wunschgrößen angegeben. Währenddessen startet Christian den Baumroder. „Die beiden nehmen wir“, sagt Marcel und zeigt auf zwei Bäume. Für uns sehen sie gleich aus. Wir binden sie auf. Christian bringt sich in Stellung und bugsiert das kleine Kettenfahrzeug vorsichtig an einen der Bäume. Die große Klinge des Baumroders, sieht aus wie ein Eislöffel. Die Vibration geht in die Knie, der Boden wackelt, es riecht nach Schweröl. Christian setzt an. Das große Messer schneidet die Erde wie Butter. Der Baum hängt in der Luft, vorsichtig fährt Christian die entwurzelte Konifere zu einem Anhänger. Dort verpacken wir den exponierten Wurzelballen in Draht und Jute. Marcel schnappt sich die Eisenhaken. Sein Tanz beginnt.
"TAXUS GEHT IMMER"
Wir bringen die Bäume zurück auf das Werksgelände der Rochelts. Der Kunde holt sie selbst ab. Marcel und Christian wollen uns noch andere Arbeiten vorstellen. Wir steigen in ein Auto und fahren los. Wenn Christian und Marcel miteinander sprechen, kann es auch unverständlich werden. „Prunus Laurocerasus Caucasica“, „Hex Aquifolium Alaska“, oder „Taxus geht immer.“ Die lateinischen Bezeichnungen für Pflanzen gehören zu ihrem Alltag. Am Anfang hatte. Christian Schwierigkeiten mit den ganzen Begriffen, aber das lernt man, sagt er. Wir kommen auf einem großen Acker an. In einem überdachten Hangar steht eine Topfmaschine, die junge Pflanzen in Töpfe automatisch umtopft. Das ist Arbeit am Fließband und ein Kontrast zu den vielen Aufgaben, an der frischen Luft.


IM TAKT DER JAHRESZEITEN
Je nach Jahreszeit ticken die Uhren auf den Ackern anders: Im Frühling liegt der Fokus darauf, die Pflanzen nach dem Winter wieder ein wenig aufzupäppeln, während im Sommer vor allem die Vermehrung der Stecklinge im Vordergrund stehen. Wir wollen wissen, wann die Arbeit am wenigsten Spaß macht. Christian muss nicht lang nachdenken, Minus ein Grad und Schneeregen“, sagt er knapp. Der 19-Jährige ist mit 16 bei Marcel in die Lehre gegangen, direkt nach dem Hauptschulabschluss. Jeder, der anpacken kann, ist willkommen. Schlechtes Wetter ist aber eine gute Ausrede. Denn für die Auszubildenden und das restliche Team gilt: Bei Regen oder Bodenfrost bleiben sie zuhause und die Baumschule geschlossen.  Allerdings müssen sie die Regen- und Frosttage abarbeiten, wenn das Wetter wieder passt.Â
Wetter ist ein großes Thema. Auch weil es sich verändert, der Klimawandel ist für die Baumschule Chance und Herausforderung zugleich. „Wir haben dieses Jahr zum ersten mal Pflanzen eingekauft, die wir vorher nicht im Sortiment hatten. Auch um diesen Trend mitzugehen, um dem gewappnet zu sein“, sagt Marcel. Der vergangene Februar zum Beispiel, war sehr trocken. „Wir arbeiten mit der Natur, aber auch gegen sie. Wir haben viel zu nasse Winter, dadurch haben wir verluste auf den Flächen. Andererseits haben wir im Sommer auch extreme Trockenperioden. Wir haben auch einige Pflanzen, die darunter leiden“, erläutert er. Zwischen 2018 und 2022 war der Kreis Pinneberg im Schnitt fast sechs Monate im Jahr von Dürre betroffen. Aber auch diese Entwicklung hat Potenzial für Marcels Familienbetrieb. Einmal war Marcel zum Angeln in der Hafencity. Da war nichts grün, erinnert er sich. „Wir brauchen Dach- und Fassadenbegrünung. Der grüne Bunker, das ist der richtige Weg.“
Unser Tag in der Baumschule Rochelt ist zu Ende. Die Handschuhe schmutzig, in den Socken Staub. Am Ende sehen wir, was wir geschafft haben.
//Yvonne Wiemann und Jan Schneidereit