Wenn Wiebke Wimmer die Schranktüren öffnet, leuchten ihre Augen. Wie bei Kindern, wenn sie ein Geschenk auspacken. Oder bei Erwachsenen, die in eine Pralinenschachtel schauen. Wiebke freut sich aus einem anderen Grund:
Vor ihr befinden sich vier Regalbretter, dicht gefüllt mit Büchern, die nur darauf warten, gelesen zu werden. „Ein richtiger Bücherschrank, das hat in Negenharrie noch gefehlt“, sagt sie und wischt mit einem Staubtuch die Regelbretter sauber. Der Schrank steht in der Dorfmitte, direkt neben der Bushaltestelle. Jede und jeder kann hier stöbern, sich kostenlos etwas zum Lesen mitnehmen – und ausgelesene Schätze für andere hierlassen. „Das ist ein schöner Treffpunkt fürs Dorf und ein Ort, an dem man sich inspirieren lassen kann – gerade jetzt für die Urlaubslektüre“, meint Wiebke. Der Schrank Eigenbau – massiv, Marke – war ein Geschenk. „In Bokhorst hatte jemand seinen Bücherschrank aufgegeben und uns angeboten“, erzählt Negenharries Bürgermeisterin Susanne Rocksien. Das schwere Teil auf den Anhänger und wieder runter zu bekommen, war die erste Herausforderung, erinnert sie sich. „Dann musste der Schrank natürlich noch aufgearbeitet werden.“
Mit anderen Frauen aus dem Dorf schliff und pinselte die Bürgermeisterin, bis der Schrank aussah wie neu. „Von den Vorbesitzern haben wir obendrein zwei Wäschekörbe voller Bücher bekommen – die habe ich erstmal durchgesehen und aussortiert“, erzählt Wiebke Wimmer, die seitdem die Bücherschrankbeauftragte ist. Eine Rolle, die perfekt zu ihr passt, denn die gebürtige Sylterin hat Literaturwissenschaften studiert und schreibt selbst Bücher. Ihr Ziel: das Angebot des Schranks soll ansprechend sein. Vielfältige Inhalte und Bücher in gutem Zustand. „Das soll kein Ort sein, an dem jemand seine 10-teilige Lexikonreihe von 1975 entsorgt“, sagt Wiebke und sortiert neue Bücher ein. Krimis stehen ganz oben – Jugendbücher hat sie auf dem untersten Regalbrett platziert. Sie selbst liest am liebsten Coming-of-Age-Romane, die den Übergang von der Jugend in das Erwachsenenleben behandeln, manchmal sei aber auch ein historischer Schinken dabei. „Wenn die Bücher kostenlos sind, lassen sich Menschen eher darauf ein, etwas Neues auszuprobieren“, ist die Autorin überzeugt. Die ein oder andere „Lücke“ hat Wiebke im Schrank schon entdeckt. „Es ist keine Voraussetzung, dass Bücher eins zu eins getauscht werden. „Hauptsache, die Menschen lesen und haben Freude daran“, sagt sie. In Zukunft möchte Wiebke auf Klebezetteln kleine Rezensionen und Empfehlungen an einzelne Bücher anbringen. „Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht in diesen Schrank hineinsteigere“, lacht Wiebke. Doch das, räumt sie ein, ist wahrscheinlich längst passiert.