Seit Jahrzehnten im Fokus der Husumer Nachrichten ist die Tourismushochburg St. Peter-Ording: Nirgendwo sonst an der Festlands-Westküste machen so viele Menschen Urlaub wie hier an der der Westspitze Eiderstedts. Vom einstigen Armenhaus wurde es dank der Touristen zum Wirtschaftsmotor der Region. Der Bruttoumsatz laut Tourismusentwicklungskonzept SPO beläuft sich auf gut 220 Millionen Euro, knapp 5000 Arbeitsplätze hängen direkt am Tourismus.
Vor rund 180 Jahren war noch nicht die Rede von Ferien in St. Peter und Ording - bis 1967 waren es zwei eigenständige Gemeinden. Damals drohten beide Orte ständig vom Flugsand, der vom Strand ins Land geweht wurde, begraben zu werden. Die Einwohner ernährten sich vom vom Sammeln von Bernstein und Strandgut, von Fischfang sowie Seehundjagd und von der Landwirtschaft.
Die beiden kleinen Dörfer am Ende der Halbinsel Eiderstedt waren abgeschieden. Die Straßenverhältnisse waren schlecht, zum heutigen St. Peter-Ording führten nur kleinere Wege. Die Chaussee von Tönning nach Garding wurde erst 1848/49 gebaut. Das führte zwar dazu, dass 1853 in der „Beschreibung der Landschaft Eiderstedt“ über erste Besucher in Böhl und Badegäste in Ording berichtet wird. Doch für einen großen Tourismusboom war vielen der Weg von Garding zu weit.
Ein Pastor machte den Anfang
Wie so oft kam die Initiative von außen: Pastor Ludwig Henning, der seit 1847 in Ording und ab 1863 in St. Peter tätig war, erkannte das Potenzial der beiden Dörfer mit dem großen Strand für den Badeurlaub, der seit Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr in Mode kam. Er setzte sich unermüdlich dafür ein, ein Seebad einzurichten, auch wenn viele Einwohner das sehr skeptisch sahen.


Die ersten Gäste wurden in Privathäusern untergebracht. Doch bald war klar, dass St. Peter ein Hotel benötigte. 1877 wurde eine Aktiengesellschaft zum Bau eines Strandhotels gegründet. Dieses wurde die Keimzelle des Ortsteils Bad. Heute steht an seiner Stelle das Appartmenthaus Luv un Lee. Weitere Hotels folgten bald.


Zum Aufschwung des Ortes trug außerdem eine schlimme Krankheit bei: Die Cholera-Epidemie, die in wütete. 1892 in Hamburg Wer es sich leisten konnte, brachte seine Familie außerhalb der Stadt unter, eben auch in St. Peter. Das wurde auch dadurch erleichtert, dass die 1854 eröffnete Bahnstrecke Husum-Tönning 1892 bis Garding verlängert wurde, damit bestand somit auch der Anschluss des westlichen Eiderstedts an die Marschbahn nach Hamburg. Erst mit dem deutlichen Aufschwung der Badegäste in den 1920er und 1930er Jahren kam die Bahn 1932 dann nach St. Peter und Ording.


Stadtkinder werden an die See geschickt
Es entwickelte sich ein weiteres Standbein des Badeortes, das über viele Jahrzehnte eine große wirtschaftliche Bedeutung für St. Peter-Ording hatte: die Kinderkuren für kränkliche und geschwächte Stadtkinder. 1911 wurde das Kinderkurheim Köhlbrand am Strandweg in Ording errichtet. Es blieb bis 2012 in Betrieb, zuletzt als Mutter-Kind-Kurheim. Weitere Kinderheime kamen hinzu. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es rund 50 Kinderheime, so die AG Ortschronik.
Diese Kuren bescherten dem Nordseebad tausende treue Gäste: Wer St. Peter-Ording als Kind kennengelernt hatte und in den Heimen keine schlechten oder gar traumatischen Erfahrungen gemacht hatte, was es durchaus auch gegeben hat, der kam gerne wieder mit seinen eigenen Kindern. Mit dem massiven Einschnitt bei den Kinderkuren 1977 und dem „Pillenknick“ verdorrte dieser Wirtschaftszweig. Waren es 1976 noch 22 Kinderheime, so gab es 1997 nur noch vier. Das letzte Heim schloss 2008.
Auch für Erwachsene wurde St. Peter-Ording ein bedeutender Kurort, noch heute gibt es fünf Reha-Kliniken, die erheblich zu den Übernachtungszahlen beitragen. Und auch deren Patienten kommen oft gerne für einen Urlaub wieder nach St. Peter-Ording. Landkreise und Städte aus ganz Deutschland richteten Ferienheime ein.
Einwohner profitieren auf ihre Weise
St. Peter-Ording hatte sich langsam, aber stetig zu einer Tourismushochburg entwickelt. Die Einwohner profitierten auf ihre Weise davon:
Sie vermieteten Ferienzimmer. Oder finanzierten sich sogar den Bau des Eigenheims: Durch die Einnahmen aus Ferienzimmern oder Wohnungen, die mit eingeplant wurden. Die Gäste waren zufrieden: Der Strand bot Platz für die Sommerfrische. In den 1960er Jahren wurden Kuranlagen, Spazierwege, Spielplätze, Tennisplätze und eine Minigolfanlage geschaffen. Und als Alternative zur Nordsee, auch mit Blick auf Oster- und Herbstferien, wurde 1966 das Meerwasserwellenbad errichtet.
Umdenken war dann in den 1990er Jahren angesagt:
Der Ort in seinem Erscheinungsbild war in den 1970er Jahren stehen geblieben. Die Konkurrenz der Ostseebäder in Mecklenburg-Vorpommern nach der Wiedervereinigung war bei den Gästezahlen zu merken. Der Ort musste dringend modernisiert werden.
Eine ganze Reihe von Investitionen in Millionenhöhe wurden vorgenommen: Angefangen mit dem Umbau des Wellenbades zur Dünen-Therme 1997, dann 2005 die Errichtung des Gesundheits- und Wellnesszentrums anstelle des alten Kurmittelhauses und die Neugestaltung der Badbrücke. Es folgte 2008 die Neugestaltung der Buhne, bis dahin eine Asphaltpiste, und der Erlebnis-Promenade. Letzte Bausteine sind die Modernisierung der Dünen-Therme 2013 und der Weiterführung der Erlebnispromenade. Deren Schluss- und Glanzpunkt ist das Erlebnishus mit seiner Riesenrutsche.
Rekord bei den Übernachtungen
Durch diese Maßnahmen erlebte der Ort einen deutlichen Aufschwung, die Übernachtungszahlen stiegen: der Rekord 2022 mit 2,7 Millionen. Neue Hotels siedelten sich an, moderne Ferienapartments entstanden.
Kurzum aus dem schon etwas verschlafenen Familienbad wurde ein attraktiver Badeort, auch für Wasser- und Strandsportler. Jedes Jahr finden hier internationale Meisterschaften im Strandsegeln, Wind- und Kitesurfen statt. Die Möglichkeit, in Böhl und Ording mit dem Auto am Strand parken zu dürfen, macht St. Peter-Ording attraktiv besonders für Tagesgäste.
Heute ist St. Peter-Ording nur wieder an einem Wendepunkt: Nicht alle Einwohner empfinden den Boom noch als einen Segen: Die Immobilienpreise werden noch von Föhr und Sylt übertroffen, Mietwohnungen sind knapp, die Hunderttausenden Urlauber belasten die Infrastruktur, auf Straßen und Radwegen kann es eng werden. Verwaltung und Selbstverwaltung haben sich Gedanken gemacht und diese im Ortsentwicklungs- und Tourismuskonzept zu Papier gebracht. Tourismus und die Bedürfnisse der Bürger stärker in Einklang zu bringen: Das ist die Aufgabe der nächsten Jahre. Ilse Buchwald