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Zu Gast bei Theodor Storm

Die gute Stube von Theodor Storm. Fotos: Marc Dimpfel

Führung durch das Haus des Schriftstellers in Husum: In der alten Wirkungsstätte warten private Geschichten und Lyrik

Mit schöner Regelmäßigkeit werden in den Husumer Nachrichten Führungen durch das Storm-Haus angekündigt. Ein Grund mehr einmal darüber zu berichten. Theodor Storm 21 1I1 3 war übrigens unter den Lesern der ersten Ausgaben der HN.

Ein großer Name hat große Strahlkraft, überstrahlt aber bisweilen den Menschen dahinter. Theodor Storm ist so ein großer Name, der Größte seiner Geburtsstadt Husum. Denen, die dem Menschen Storm näherkommen möchten, steht sein Wohnhaus in der Wasserreihe 31 offen, das Gebäude, in dem der Dichter 14 Jahre gelebt hat.

Storm, der Botaniker und Storm, der Lyriker

„Storm-Haus und Garten“ heißt eine der zahlreichen, von der Storm-Gesellschaft offerierten Führungen, und sie beginnt zwischen Rosen und Lilien, Liebe und Trauer. Storm, der Botaniker, und Storm, der Lyriker; sie gehen Hand in Hand. Obgleich Ambivalenzen, das erfährt man hier, Storms Leben durchziehen: Privilegien und Schicksalsschläge, Ehebruch und leidenschaftliche Liebe, Erwartungen an die Welt und ihr Zustand. Als Realist wusste Storm, die Zerrissenheit in Poesie zu übersetzen.

Storm sei ein privilegiertes Kind gewesen, „vielleicht das Privilegierteste von ganz Husum“, sagt Fremdenführer Jörg Hartmann in Anbetracht des gutsituierten Elternhauses und erntet einige Lacher. Immer wieder bricht er mit dem Pathos, den die Figur Storm mitunter umgibt.

Die eigene Mutter habe Storm als „staubtrockene Frau“ bezeichnet, weil sie der Gärtnerei nichts abgewinnen konnte. „Stellen Sie sich vor, sie würden sowas über Ihre Mutter sagen?“

In seiner Jugend sei Storm ein Schürzenjäger gewesen, ein echter Tannhäuser“. Zugleich musste er dem Beispiel des Vaters folgen und ebenfalls Jurist werden. Eine Arbeit, die er zeitlebens ausübte, wobei seine wahre Leidenschaft der Poesie galt.

Ausstellung mit originalen Gegenständen

Das Haus macht Storms Leben und Werk greifbar. Über eine enge Holztreppe erreicht man die geräumige, teils mit originalen Möbeln ausgestattete Stube. Von 1866 bis 1880 saß die Familie hier zu Tisch. Von der Decke hängen zwei Kronleuchter, die heute aber künstlich leuchten, statt dass dort Kerzen flackern. Andere der insgesamt 14 Räume sind zum Museum umfunktioniert. An der Wand stehen Begleittexte, in Vitrinen sind Alltagsgegenstände der Familie Storm ausgestellt.

Porträtfotografien zeigen Storms Frauen und die sieben Kinder. Seiner ersten Ehefrau Constanze war er untreu, nach ihrem Tod heiratete er seine frühere Geliebte Doris Jensen. Mit der erneuten Trauung überwand Storm auch eine seiner härtesten Lebensprüfungen, in der ihn als Witwer Existenzängste plagten, alleine mit sieben Kindern.

Hans, sein Ältestes und Liebstes, verfiel dem Alkohol und starb vor dem Vater. Der kam im hellen Sommeranzug zur Totenmesse, erzählt Hartmann, als Protest gegen die Kirche. Storm, der Unbequeme, der Adel und Klerus ablehnte - als Hemmnisse des Fortschritts.

Nebst Anekdoten trägt Hartmann Gedichte des Meisters vor, seine Zuhörer sind angehalten, die Augen zu schließen. Mancher Vortrag ruft beim Publikum leises Gekicher hervor, etwa wenn es um Storms poetische Abstecher in die Erotik geht. Andere sorgen wiederum für Rührung, auch dank Hartmanns eindringlicher Darbietung. Seit Schulzeiten begleite ihn eine Leidenschaft für Storm, sagt er. Rund 50 Gedichte könne er auswendig.

Sein Herz hing an seiner Heimatstadt

Im Gedicht „Die Stadt“ liegt ein Schleier über Husum, es ist wohl derselbe wie über der Seele Storms. Zum Zeitpunkt der Niederschrift hatte man ihm gerade die Advokatur entzogen. „Doch hängt mein ganzes Herz an dir, Du graue Stadt am Meer“ die meisten Husumer dürften diese Zeilen kennen.

Einst scherzte Theodor Fontane gar über die ewige „Husumerei“ seines Freundes. Bis heute gilt: Storm hat Husum zum Stoff großer Lyrik gemacht. Die Storm-Gesellschaft bewahrt dafür sein Andenken. Eine Führung durch das Storm-Haus bringt kein Überhöhen, mehr ein Aufhellen, eine durchaus heitere Begegnung mit Theodor Storm, dem Husumer. Marc Dimpfel

Theodor Storm

Theodor Storm im Alter Foto: Storm-Archiv
Theodor Storm im Alter Foto: Storm-Archiv

Der Dichter Theodor Storm (1817-1888) ist der bekannteste Sohn der Stadt Husum. Gar keine Frage, dass die Husumer Nachrichten regelmäßig über ihn und neueste Forschungsergebnisse zu seinem Leben und Werk berichten. Zum Beispiel über das 125Jahr-Jubiläum der Storm-Büste im Schlosspark oder die Veranstaltungen der renommierten Stormgesellschaft, die ihre jährlichen Tagungen in Husum abhält. Aber auch die Spuren, die die nordfriesische Landschaft in den Werken Storms hinterlassen hat, sind einen Artikel wert. Ganz klar: Eine Zeitung aus der Storm-Stadt ohne Theodor Storm - das geht nicht.


„Man kann nur schreiben, wenn man ein Herz für Menschen hat“

Drei Fragen an Felicitas Hoppe: Die Autorin ist die dritte Storm-Schreiberin

Felicitas Hoppe ist Husums neue Storm-Schreiberin und stellt bei der Theodor-Storm-Tagung im September ihr eigenes literarisches Werk vor. Foto: Ekko von Schwichow
Felicitas Hoppe ist Husums neue Storm-Schreiberin und stellt bei der Theodor-Storm-Tagung im September ihr eigenes literarisches Werk vor. Foto: Ekko von Schwichow

HUSUM. Den ganzen September verbringt die neue Storm-Schreiberin Felicitas Hoppe in Husum. Sie ist nach Christiane Neudecker und Marion Poschmann die dritte Inhaberin des 2019 zum ersten Mal vergebenen Stipendiums. Hoppe gehört zu den renommiertesten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. 2012 wurde sie von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Das Storm-Schreiber-Stipendium ist mit 5000 Euro dotiert und umfasst neben der Fördersumme einen vierwöchigen Aufenthalt auf dem Dreiseithof der Stifterin Dr. Annemarie Hansen in Husum-Rödemis, fußläufig zur Storm-Landschaft der Südermarsch gelegen.

Verpflichtungen gibt es nur wenige: Hierzu gehören eine Lesung auf der Storm-Tagung im September und eine Lesung in der Schule. Mit der Vergabe des Stipendiums an einen Autor der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist die Hoffnung verbunden, dass die Begegnung mit Storms Landschaft eine literarisch produktive Begegnung werden könne.

Was bedeutet Theodor Storm für Sie?
Viel! In unserer Familie wurde gern vorgelesen, und die Texte von Storm waren immer dabei: zum Beispiel „Die Regentrude“ und „Bulemanns Haus“; und natürlich „Der kleine Häwelmann“. Märchen, Sagen und Anekdoten spielen auch in meiner Heimat, dem Weserbergland, eine große Rolle. Alles, was mit Spuk und Geistern zu tun hat, regt meine Phantasie bis heute ungemein an. Aber natürlich geht Storm weit darüber hinaus. Hinzu kommt die Faszination an der norddeutschen Landschaft, die sehr eigene und besondere Atmosphäre, die Storm nicht nur in seiner Lyrik, sondern auch in seinen Novellen aufruft. Last but not least haben wir in der Schule natürlich den Schimmelreiter“ gelesen, den ich bis heute alle paar Jahre wiederlese - und immer wieder entdecke ich Neues!

Warum ist Theodor Storm heute noch aktuell?
Bleiben wir, der Einfachheit halber, beim „Schimmelreiter“, der auf erstaunliche Weise alles aufruft, was auch uns bis heute so heftig umtreibt. Storm ist ja weniger „Spökenkieker“ als ein hochpolitischer Autor; und es ist natürlich kein Zufall, dass Hauke Haien, der Protagonist der Geschichte, zu einem weltliterarischen Helden geworden ist, der in den politischen Mühlen zwischen Tradition, Naturzerstörung und Fortschritt, zwischen Zukunfts- und Aberglauben, unwiderruflich zerrieben wird. Prototyp eines Außenseiters, der zum Opfer einer Gemeinschaft wird, die nicht nach vorn, sondern nach hinten denkt. Eine hoch aktuelle Verschwörungserzählung, die allerdings ohne jedes Schwarz-Weiß-Denken auskommt, weil Storm sich, als lebenserfahrener Autor, Zeit für differenzierte Charakterstudien nimnmt.

Was können wir von Theodor Storm lernen? Mindestens dreierlei: Genaue Beobachtung. Menschenkenntnis und Menschenliebe. Und Und Humor. Wer die Lebensgeschichte von Storm studiert, geht nachträglich in dieselbe Schule. Und die lehrt uns, dass man man nur schreiben kann, wenn man ein Herz für Menschen hat und für die Dinge, die sie alltäglich umtreiben. Das schließt leisen Spott und humoristische Schärfe selbstverständlich nicht aus. Gemütlich oder ʼn behaglich wird es bei Theodor Storm allerdings nie; dazu hat er zu genau hingesehen und mehr als treffende Bilder gefunden. Wie dieses zum Beispiel, mein Stormsches Lieblingszitat, das ich seiner Erzählung „Eine Halligfahrt“ entnehme, in der ein Vetter einen kleinen Vogel mit einem Menschen vergleicht: „Sie wissen, der Sperling gleicht dem Menschen; an sich ist er ohne Wert, aber er trägt die Möglichkeit zu allem Großen in sich.“ Das ist nicht nur literarisch, sondern höchst phit losophisch und zeigt, dass wir es mit einem Autor zu tun haben, dessen Werk noch lange nicht auserzählt ist. Marc Dimpfel

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