
HUSUM Den ganzen September verbringt die neue Storm-Schreiberin Felicitas Hoppe in Husum. Sie ist nach Christiane Neudecker und Marion Poschmann die dritte Inhaberin des 2019 zum ersten Mal vergebenen Stipendiums. Hoppe gehört zu den renommiertesten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. 2012 wurde sie von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Das Storm-Schreiber-Stipendium ist mit 5000 Euro dotiert und umfasst neben der Fördersumme einen vierwöchigen Aufenthalt auf dem Dreiseithof der Stifterin Dr. Annemarie Hansen in Husum-Rödemis, fußläufig zur Storm-Landschaft der Südermarsch gelegen.
Verpflichtungen gibt es nur wenige: Hierzu gehören eine Lesung auf der Storm-Tagung im September und eine Lesung in der Schule. Mit der Vergabe des Stipendiums an einen Autor der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist die Hoffnung verbunden, dass die Begegnung mit Storms Landschaft eine literarisch produktive Begegnung werden könne.
Was bedeutet Theodor Storm für Sie?
Viel! In unserer Familie wurde gern vorgelesen, und die Texte von Storm waren immer dabei: zum Beispiel „Die Regentrude“ und „Bulemanns Haus“; und natürlich „Der kleine Häwelmann“. Märchen, Sagen und Anekdoten spielen auch in meiner Heimat, dem Weserbergland, eine große Rolle. Alles, was mit Spuk und Geistern zu tun hat, regt meine Phantasie bis heute ungemein an. Aber natürlich geht Storm weit darüber hinaus. Hinzu kommt die Faszination an der norddeutschen Landschaft, die sehr eigene und besondere Atmosphäre, die Storm nicht nur in seiner Lyrik, sondern auch in seinen Novellen aufruft. Last but not least haben wir in der Schule natürlich den Schimmelreiter“ gelesen, den ich bis heute alle paar Jahre wiederlese- und immer wieder entdecke ich Neues!
Warum ist Theodor Storm heute noch aktuell?
Bleiben wir, der Einfachheit halber, beim „Schimmelreiter“, der auf erstaunliche Weise alles aufruft, was auch uns bis heute so heftig umtreibt. Storm ist ja weniger „Spökenkieker“ als ein hochpolitischer Autor; und es ist natürlich kein Zufall, dass Hauke Haien, der Protagonist der Geschichte, zu einem weltliterarischen Helden geworden ist, der in den politischen Mühlen zwischen Tradition, Naturzerstörung und Fortschritt, zwischen Zukunfts- und Aberglauben, unwiderruflich zerrieben wird. Prototyp eines Außenseiters, der zum Opfer einer Gemeinschaft wird, die nicht nach vorn, sondern nach hinten denkt. Eine hoch aktuelle Verschwörungserzählung, die allerdings ohne jedes Schwarz-Weiß-Denken auskommt, weil Storm sich, als lebenserfahrener Autor, Zeit für differenzierte Charakterstudien nimnmt.
Was können wir von Theodor Storm lernen?
Mindestens dreierlei: Genaue Beobachtung. Menschenkenntnis und Menschenliebe. Und Und Humor. Wer die Lebensgeschichte von Storm studiert, geht nachträglich in dieselbe Schule. Und die lehrt uns, dass man nur schreiben kann, wenn man ein Herz für Menschen hat und für die Dinge, die sie alltäglich umtreiben. Das schließt leisen Spott und humoristische Schärfe selbstverständlich nicht aus. Gemütlich oder behaglich wird es bei Theodor Storm allerdings nie; dazu hat er zu genau hingesehen und mehr als treffende Bilder gefunden. Wie dieses zum Beispiel, mein Stormsches Lieblingszitat, das ich seiner Erzählung „Eine Halligfahrt“ entnehme, in der ein Vetter einen kleinen Vogel mit einem Menschen vergleicht: „Sie wissen, der Sperling gleicht dem Menschen; an sich ist er ohne Wert, aber er trägt die Möglichkeit zu allem Großen in sich.“ Das ist nicht nur literarisch, sondern höchst philosophisch und zeigt, dass wir es mit einem Autor zu tun haben, dessen Werk noch lange nicht auserzählt ist. Marc Dimpfel