Eine muntere Runde jeden findet sich Dienstag im Niebüller Geschichtsverein ein. Der Geschichtsverein hat fast 25 Jahre auf dem Buckel. Vor über 24 Jahren fanden sich Interessierte zusammen und gründeten am 22. Mai 2000 den „Verein für Niebüller Geschichte e.V.“
Viele Orte Nordfrieslands hatten Vereine oder Arbeitsgemeinschaften, die sich mit der eigenen Ortsgeschichte befassen. Vor allem ältere Bürger engagieren sich im Verein für Niebüller Stadtgeschichte. Sie wissen, welch wichtige Rolle die Stadt allgemein und im Besonderen spielt vor allem durch die Eisenbahn. Viele Neu-Niebüller sind mit der Bahn in Niebüll angekommen, so auch Wolfgang Raloff. Er hat im Norden sein Glück gefunden.
Wolfgang Raloff erinnert sich genau daran, dass er vor 40 Jahren seine erfolgreiche Bewerbung als FPS-Schulleiter abgegeben hat. Er blieb dann lange 21 Jahre Schulchef. „Die Wahl war am 20. Dezember 1984 im alten Niebüller Rathaus. Die Frist zur Arbeitsaufnahme war kurz: Es hieß: „Sie müssen bereits am 7. Januar antreten!“ Der dynamische „Auserwählte“ aus Pinneberg, wo er eigentlich noch einen Abikurs hatte, war tatsächlich um 10 Uhr anwesend, um sich im Lehrerzimmer vorzustellen. Die Aufnahme im Kollegenkreis war freundlich.
Der „neue Chef“ schaute sich wenig später im Haus um, sah die Stundenpläne an der Wand. Als er Rf entdeckte, glaubte Wolfgang Raloff sein Kürzel entdeckt zu haben.„Das bin ich wohl!“ Zwischendurch kam jedoch ein junger Mann daher und meinte „Ach, Sie auch, Sie sind auch Referendar. Wir müssen zusammenhalten!“ Wolfgang Raloff schmunzelt darüber, es machte ihn damals froh, dass er noch als Referendar „durchgehen“ konnte.
Es folgte eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Eine aufregende Zeit begann: „Die Schule ist in den folgenden Jahren immer größer geworden“, sagt der Pädagoge. „Die Raumnot war groẞ!“ Anhand der Geburtenzahlen der Gemeinden konnte Raloff dem Schulträger Kreis Nordfriesland vorrechnen, wie viele Schüler er in zehn Jahren haben werde. „Die Zahlen waren nachvollziehbar, das überzeugte!“ So gab es an der FPS Neubauten statt Container an der Marktstraße. Auch in Richtung Süden und Westen wurde gebaut.
„Es gab nach 1984 viele neue Dinge“, sagt er. „Wir konnten die Studienstufe gestalten. Der bilinguale Unterricht wurde in Erdkunde und Geschichte eingeführt. Mit Tondern gab es eine gemeinsame Europaklasse im Jahr.“ Der Grenzfall 1989 bescherte der FPS eine Partnerschule aus dem Osten der Republik. „Das Gymnasium Heringsdorf war zum Lehrer- und Schüleraustausch bereit.“ So gibt es viel zu erzählen. Wolfgang Raloff ist inzwischen Insider, schreibt viel beachtete Bücher und Beiträge über Niebüll. So über den Nationalsozialismus. „Die Generation meines Vaters hat darüber nicht sprechen wollen“, sagt Wolfgang Raloff. „Aber es ist an der Zeit, die Sache offenzulegen - wir haben ja noch ein paar Zeitzeugen.“ Wolfgang Raloff hatte die Zeit, zu rekonstruieren, was damals geschah. Gemeinsam mit den Aktiven vom „Verein für Niebüller Geschichte“ hat er sich daran gemacht, zu untersuchen, wie der National-Sozialismus ganz konkret in einer Kleinstadt wie Niebüll gewirkt hat. Zunächst hat der ehemalige Schulleiter drei Jahre lang die regionalen Zeitungen von 1933 bis 1945 recherchiert und dann sein Buch publiziert. Später gab es eine Ausstellung, die 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeigen soll, wie die Menschen in der Stadt diese Zeit erlebt haben.
Über die FPS konnte er jetzt noch ein weiteres Werk vorlegen. „Mein erstes Buch über die Entstehung des Gymnasiums war keine Chronik der Friedrich-Paulsen-Schule (FPS)“, sagt Buchautor Wolfgang Raloff. „Es will vielmehr die kulturellen und die politischen Gründe aufzeigen, die in Niebüll wenige Jahre nach der im Versailler Vertrag festgelegten Abstimmung im Herzogtum Schleswig zur Errichtung einer höheren Schule in Niebüll geführt haben.“
Das zweite Buch hat Wolfgang Raloff in vierjähriger Fleiẞarbeit kürzlich fertiggestellt. Das Niebüller Gymnasium wird im kommenden Jahr 100 Jahre alt. Zum Jubiläum erschien eine 430 Seiten starke Chronik, die die Schulgeschichte spannend und abwechslungsreich abbildet. Hauptautor ist der langjährige Schulleiter, der sich für die letzten beiden „Jahrneunte“ seine Nachfolger Manfred Wissel und Eckhard Kruse an Bord geholt hat. Neben Fakten über ständig wechselnde Schülerzahlen, Lehrerzu- und -abgänge, Wechsel an der Spitze wie auch in der Verwaltung des Hauses, oder aber Bautätigkeiten sind es besonders die Zeitläufe, die Einfluss auf das Schulgeschehen genommen haben. Das sind politische Entwicklungen, aber auch die Digitalisierung, die das Schulleben gravierend geändert haben. Das sehr lesenswerte Buch ist reich bebildert und für ehemalige FPSler ein Muss. Seine Ehefrau war 1984 übrigens nicht sehr begeistert, nach Niebüll zu ziehen. „Das hat sich längst geändert!“
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