Klein aber oho: Die Rote Straße in Flensburg, die früher Teil des berühmten Ochsenweges von Dänemark nach Altona war, ist nur etwa 200 Meter lang, aber trotzdem so beliebt wie wohl keine andere Straße in Flensburg. Nicht zuletzt wegen des malerischen Ambiente, den sechs Innenhöfen und vielen inhabergeführten Geschäften. Zwei, die sich in der Roten Straße besonders gut auskennen, sind Joachim Güstrau und Lothar Hoppe. Bis Ende August bieten die beiden Führungen durch die Rote Straße an und haben dabei viele Geschichten im Gepäck. Fünf davon stellen sie hier vor.
STREIT MIT EINEM ZIGARETTENKONZERN

Wer vom Südermarkt in die Rote Straße abbiegen möchte, wird von zwei Flaggen in Empfang genommen. Darauf zu sehen ist ein roter Punkt auf weißem Grund und mit schwarzem Rand - das Logo der beliebten Straße. Günther Kruse, der als „Vater der Roten Straße“ gilt und langjähriger Inhaber der Galerie Kruse und somit auch des Kruse-Hofes war, hatte es damals entworfen.
Im Jahr 2005 sorgte es allerdings für einen Streit vor Gericht: Der Zigarettenkonzern British American Tobacco wollte, dass es verboten wird. Es würde dem Logo der Zigarettenmarke „Lucky Strike“ zu sehr ähneln. Lothar Hoppe schlägt seine Mappe auf und zeigt ein Foto davon. „Da muss man schon sehr viel Fantasie haben“, sagt Güstrau neben ihm. Auch das Gericht entschied damals, dass keine Verwechslungsgefahr besteht.
Kruse sei nach eigenen Angaben bei dem Logo ohnehin durch etwas anderes inspiriert worden, erzählt Hoppe - nämlich die Malereien des spanischen Künstlers Joan Miró. Mittlerweile ist das Thema aber ein für allemal vom Tisch; seit 2013 hat die Zigarettenmarke ein neues Logo.
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Joachim Güstrau und Lothar Hoppe stellen sich vor
Joachim Güstrau (69) lebt mittlerweile zwar in Süderbrarup, kennt die Rote Straße in Flensburg aber wahrscheinlich trotzdem in- und auswendig: Früher leitete er dort drei verschiedene gastronomische Betriebe - die Fischmanufaktur, den Roten Hof und das „Viva“.
Lothar Hoppe (70) wollte nach seiner Pension „etwas für Kopf und Beine“ machen und bekam mit, dass die Stadt Flensburg Gästeführer suchte. Er gibt auch weitere Führungen durch die Innenstadt, aber die in der Roten Straße sei die schönste, sagt er.
KATASTROPHENFALL IN DER ROTEN STRASSE
Am Vormittag des 13. September 1960 kam es in der Roten Straße laut Hoppe zum größten Verkehrsunfall Flensburgs: Ein dänischer Kühllastzug durchbrach die Hauswand eines am Südermarkt gelegenen Röntgen-Instituts - dort, wo sich heute der Eingang zur Nikolai-Apotheke befindet. Der Fahrer hatte die Kontrolle über den mit Stahlplatten beladenen Lastzug verloren, weil die Bremse versagt hatte. Der LKW prallte direkt gegen die Außenwand des Wartezimmers der Praxis. Es gab drei Tote und 16 Schwerverletzte.


„Ich hatte den Eindruck, als wenn eine Atombombe explodiert sei“, sagte der Inhaber des Röntgen-Instituts damals. Hoppe zeigt einen Artikel des Flensburger Tageblatts am Tag des Unglücks, in dem dieser zitiert wird. Sofort sei der Katastrophenalarm ausgelöst und neben den Unfallwagen der Berufsfeuerwehr auch Ambulanzen der Bundeswehr eingesetzt worden, berichtet der Gästeführer. Noch am späten Nachmittag, als die Unglücksstelle bereits mit einer Bretterwand verkleidet war, drängten viele Menschen zum Südermarkt, um sich einen Eindruck von dem Geschehen zu machen.
ÜBERBLEIBSEL AUS DER ZEIT DER PFERDEFUHRWERKE
„Schon mal etwas von einem Prellstein gehört?“, fragt Lothar Hoppe. Wer genau hinsieht, findet an den Gebäudeecken in der Roten Straße den einen oder anderen. „Ein Prellstein ist etwa so wie eine Leitplanke auf der Autobahn“, sagt Güstrau. Zu der Zeit, als die Prellsteine gebaut wurden, bewegten sich die Menschen noch mit Pferd und Kutsche fort. Wer die Kurve zu eng genommen hatte, lief Gefahr, aufgrund der vorstehenden Radnabe die Einfahrt zu beschädigen. Hier kommt der Prellstein ins Spiel: Er hat den Wagen nach innen gedrückt und Schlimmeres verhindert.
EIN GANZ BESONDERES STRASSENSCHILD
Ein weiteres Zeugnis aus vergangenen Zeiten ist ein dänisch-englisches Straßenschild im Braasch-Hof. Es handelt sich dabei um ein Duplikat - das Original befindet sich in Charlotte Amalie, dem Hauptort der Amerikanischen Jungferninseln. Seit Ende des 17. Jahrhunderts war Dänemark Kolonialmacht in der Karibik, betrieb Zuckerrohrplantagen und ließ Sklaven schuften. Auf dem Schild, das jetzt in Flensburg hängt, steht oben „Dronningens Gade“ und unten „The Queen's Street“ (dt. Straße der Königin) - gemeint war die Ehefrau des dänischen Königs Frederik V. (17231766).
WIE DIE ROTE STRASSE ZU IHREM NAMEN KAM
Die wichtigste Frage zum Schluss: „Warum heißt die Rote Straße eigentlich. Rote Straße?“ Der Name komme nicht etwa daher, dass es hier besonders viele rote Häuser gibt oder ein Rotlichtmilieu ansässig war, erklärt Güstrau. Der Name: hat mit der Rodung des einstigen Baumbestandes zu tun, weshalb die Straße früher „Rudestraat“ hieß. Daher kommt auch der Name des Flensburger Stadtbezirks „Rude“.
// Kristin Finke
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Führung durch die Rote Straße
An jedem Dienstag im Juli und August bieten Joachim Güstrau und Lothar Führungen durch die Rote Straße an. Die Tour startet um 15 Uhr vor der Nikolai-Apotheke (Ecke Südermarkt/Rote Straße) und dauert 90 Minuten. Kinder bis einschließlich 14 Jahren zahlen 3,50 Euro, alle anderen 7 Euro. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.