Es sind nicht nur die beliebten Kaufmannshöfe, die von Flensburgs Vergangenheit als wohlhabende Rumstadt erzählen. Auch heute noch gibt es in der Fördestadt einige wenige Rumhäuser. An einem kommen Touristen wie Einheimische zwangsläufig entlang, wenn sie am Rathaus vorbei in Richtung Innenstadt wollen: Seit Jahrzehnten ist hier das Rumhaus Braasch zu Hause.
Hinter den roten Mauern des historischen Gemäuers, das mit viel Liebe zum Detail saniert wurde, verbergen sich nicht nur Weine, verschiedene hochwertige Rumsorten und andere Spirituosen, sondern auch ein Stück Flensburg-Geschichte.
Ein kleines, für alle Besucher kostenloses Museum im Hinterhof erzählt, wie der Rum seinerzeit über die Dänisch-Westindienflotte von den karibischen Inseln nach Flensburg kam und hier von den Rumhändlern verschnitten wurde. Zu Hochzeiten soll es über 200 verschiedene Rum-Marken in der Fördestadt gegeben haben.


Wer von Flensburgs schillernder Vergangenheit als Rumstadt erzählt, kommt an einem dunklen Kapitel nicht vorbei - auch das findet in diesem Museum seinen Platz. Die Kolonialisierung und die Sklaverei zu verschweigen oder gar zu beschönigen, kam für Familie Braasch nie infrage. „Wir haben das von Anfang an thematisiert“, sagt Yvonne Braasch, die im Rumhaus unter anderem für das Marketing zuständig ist.
Nach einem kleinen Rundgang durch die Vergangenheit, können sich Besucher im Vorderhaus durch die Flensburger Rumgeschichte der Gegenwart schnuppern und probieren.
Den Grundstein dafür legte Seniorchef Walter Braasch, als er im Alter von 15 Jahren mehr durch Zufall in die Spirituosen-Fabrikation von Hermann C. Andresen kam. Er hatte sich eigentlich für einen Werdegang als Kaufmann im Lebensmittelbereich entschieden. Doch als ihm der damalige Rumhändler Andresen eine Ausbildung zum Destillateur anbot, sagte er nicht Nein – und absolvierte von 1970 bis - 1973 als einer der letzten die Lehre in diesem inzwischen eher selten gewordenen Ausbildungsberuf.
Ein mutiger Schritt: Schließlich befand sich der Spirituosenmarkt in den 1970-er Jahren nicht nur in Flensburg bereits im Umbruch. Genuss-Trinker gab es zumindest im Spirituosen-Bereich nur wenige, die meisten interessierten sich für günstigen Alkohol. Sich in so einer Zeit selbstständig zu machen, das sei herausfordernd gewesen, sagt Walter Braasch heute rückblickend.
Doch es gelang - allerdings zunächst als Weinhändler, nicht als Rum-Destiller. Das habe sich erst mit den Jahren entwickelt, sagt Walter Braasch. Viele kleine Firmen hatten damals Probleme, einen Nachfolger zu finden oder wurden aufgekauft. Die Gelegenheit für Walter Braasch, das eigene Rum-Angebot auszubauen. „Den klassischen Flensburger Rum hat es bis dahin nicht gegeben“, sagt Walter Braasch. Das sollte sich nun ändern. Es dauerte nicht lang, da waren die ersten 150 Flaschen verkauft. Und so nahm die Flensburger Rumgeschichte ihren Lauf.
Getragen durch die „Whiskey-Welle“ gab es mit der Zeit wieder mehr Menschen, die sich für hochwertige Spirituosen interessierten.
Und das schlug sich auch im Preis nieder: Während damals eine gewöhnliche Flasche Rum zwischen 12 und 17 Mark kostete, lag der Braasch-Rum bei rund 36 Mark. Gekauft wurde er trotzdem.


All das erlebte Junior Karsten Braasch bereits hautnah mit. In dem Betrieb groß geworden, war es trotzdem keine Selbstverständlichkeit, dass sein beruflicher Werdegang genau hier später Fahrt aufnahm. „Ursprünglich wollte ich Koch werden“, erzählt er. Doch für eine Lehre in Hamburg war er zu jung und als es mit dem Zivildienst zunächst nicht klappte, begann er zunächst nur als Überbrückung für ein Jahr eine Ausbildung im elterlichen Betrieb. „Und dann bin ich geblieben“, sagt Karsten Braasch. Heute ist er froh darüber.
Seit 1998 befindet sich das Rumhaus nun in der Roten Straße 26-28. Das größte Projekt der Gegenwart? Der Neubau der Lager- und Produktionshalle am Sophienhof. Hier sollen künftig Führungen für Besucher stattfinden, die dabei auch einen Blick in die Produktion erhaschen können. Denn obwohl der Rum schon immer in der Karibik destilliert wurde, entstehen viele Braasch-Produkte vor Ort.
Bei allen Neuentwicklungen ist es Walter und Karsten Braasch wichtig, nicht einem Trend hinterherzulaufen. Und so gab es den ersten Gin auch erst im Geschäft zu kaufen, als der Familienrat - zusätzlich bestehend aus Katharina und über den vollendeten Yvonne Braasch - Geschmack entschieden hatte.
Und überhaupt - ohne die Familie geht nichts, betonen sowohl Junior- als auch Seniorchef. Zu dieser zählen sie im Übrigen auch die 13 Mitarbeiter, die den Betrieb mit am Laufen halten.
Aber: „Unser bester nicht-menschlicher Mitarbeiter ist unser Museum“, sagt Karsten Braasch. Niedrigschwellig soll es sein und so, dass vor allem auch die Flensburger selbst davon profitieren können. Schließlich geht es hier um ein Stück. Flensburg-Geschichte. // Annika Kühl