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Sparkassen-Vorstände, Dr. Sören Abendroth und Bernd Jäger, raten: Auf die Rente allein sollte man sich nicht verlassen

Vorstandsvorsitzender Dr. Sören Abendroth und Vorstandskollege Bernd Jäger (rechts): Sie empfehlen, sich frühzeitig über eine private Altersvorsorge Gedanken zu machen. FOTOS: PATRICK SUN

Nur jeder dritte Deutsche hat fürs Alter zusätzlich zur Rente vorgesorgt. Die Vorstände der Sparkasse Mittelholstein AG, Dr. Sören Abendroth und Bernd Jäger, empfehlen, sich mit einer Zusatzversorgung für den Ruhestand schon beim Start in die Karriere zu befassen. Sie sind der Meinung, dass das deutsche Rentensystem einen gravierenden Webfehler hat.

Sie empfehlen, sich frühzeitig über eine private Altersvorsorge Gedanken zu machen.

Herr Dr. Abendroth, Herr Jäger, wie bewerten Sie unser Rentensystem im internationalen Vergleich?
 Sören Abendroth:
Im Vergleich der führenden Industrienationen liegen wir mit der Mindestrente von 48 Prozent des Durchschnittsverdienstes im unteren Drittel. Die Beiträge hingegen, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer ins System einzahlen, liegen deutlich in der oberen. Hälfte. Zusammengefasst: Wir haben ein vergleichsweise teures Rentensystem, bei dem wenig herauskommt.
Bernd Jäger: Das liegt daran, dass das Rentensystem umlagefinanziert ist, also auf einem Generationenvertrag basiert. Dieses Konstrukt ist sehr anfällig für eine sinkende oder niedrige Geburtenrate, wie wir sie seit vielen Jahren erleben. Auf der anderen Seite gibt es eine alternde Bevölkerung, also viele Beitragsempfänger.

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Wie viele Arbeitnehmer finanzieren derzeit einen Rentner?
Abendroth:
Aktuell liegen wir bei etwa 1,7 Arbeitnehmern - und wenn wir auf das Jahr 2050 blicken, dann sind wir bei 1,3. In den sechziger Jahren wurde ein Rentner von sechs Arbeitnehmern finanziert. Im Jahr 2020 lagen wir bei 1,8 Arbeitnehmern. Das macht klar, dass dieses Konstrukt ziemlich unter Stress ist. Das alles ist aber nicht überraschend. Man weiß seit 30 Jahren, wie sich die Demografie entwickelt. Aber keine Regierung hat das Thema grundlegend angefasst.

Bisher galt eine Mindestrente von 48 Prozent als gesetzt. Rentenexperten gehen allerdings von 45 Prozent im Jahr 2035 aus. Realistisch?
Abendroth:
Die 45 Prozent werden ohne Veränderungen am Rentenkonstrukt aller Voraussicht nach nicht das Ende der Fahnenstange sein. Blicken wir auf die Rentenbezugsdauer: Männer, die 1960 in den Ruhestand gegangen sind, haben durchschnittlich 9,6 Jahre Rente bekommen, bei Frauen waren es 10,6 Jahre. Im Jahr 2022 waren es bei Männern 18,8 Jahre und bei Frauen 22,2 Jahre.

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"RENTE AB 70 EIN NAHELIEGENDES SZENARIO"

Über die gestiegene Lebenserwartung freuen wir uns, aber wie reagiert die Rentenkasse?
 Abendroth:
Die Wirtschaftsweisen haben sich zur deutlich gestiegenen Lebenserwartung geäußert. Wir können die gewonnene Zeit nicht eins zu eins in eine Verlängerung der Rentenbezugsdauer investieren. Die Wirtschaftsweisen schlagen vor: Wir müssen zwei Drittel der gewonnenen Lebensdauer in eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit investieren und ein Drittel in die Rente. Die Rente ab 70 ist daher ein naheliegendes Szenario. Aber selbst dann müssen wir sagen: Es wird äußert schwierig, wenn sich jemand bei der Finanzierung seines Ruhestands ausschließlich auf die gesetzliche Rente verlässt. Davon müssen wir uns verabschieden.

Wie viele Bürger haben das Problem erkannt und sorgen für die eigene Rente vor?
Jäger:
Man kann generell sagen, dass etwa jeder Dritte vorgesorgt hat, sei es durch eine eigene Immobilie, eine private Rentenversicherung oder durch Aktiensparpläne oder eine betriebliche Altersvorsorge. Ein weiteres Drittel beschäftigt sich grundsätzlich mit diesem Thema, verfolgt es aber aus verschiedenen Gründen nicht konsequent - etwa weil sie sich zu jung fühlen. 

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Ein weiteres Drittel umfasst die Menschen, die zu einer privaten Vorsorge gar nicht in der Lage sind, zum Beispiel weil sie schon heute im Sozialsystem stecken oder sich das Einkommen auf einem zu niedrigen Niveau befindet. Ich sage aber auch: Nicht allein die Bürger müssen sich hier um Lösungen bemühen. Der Staat ist ebenso in der Pflicht. Einen kleinen Teil des Problems könnte man lösen durch eine gezielte und strukturierte Zuwanderung von Facharbeitern, die in das Rentensystem einzahlen.

Schleswig-Holsteinische Besonderheit: Bei der Sparkasse Mittelholstein handelt es sich um eine Aktiengesellschaft. Die drei größten Aktionäre sind die Haspa Finanzholding mit 49,9 Prozent, der Zweckverband Sparkasse Hennstedt-Wesselburen (20,21 Prozent) und die Stiftung Spar- und Leihkasse in Rendsburg (14,8 Prozent). FOTO: PATRICK SUN
Schleswig-Holsteinische Besonderheit: Bei der Sparkasse Mittelholstein handelt es sich um eine Aktiengesellschaft. Die drei größten Aktionäre sind die Haspa Finanzholding mit 49,9 Prozent, der Zweckverband Sparkasse Hennstedt-Wesselburen (20,21 Prozent) und die Stiftung Spar- und Leihkasse in Rendsburg (14,8 Prozent). FOTO: PATRICK SUN

LÄNDER WIE NORWEGEN UND SCHWEDEN SETZEN AUF AKTIENFONDS

Welche Länder machen das laut einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) besser als wir?
Abendroth:
Ein Paradebeispiel sind Länder wie Schweden und Norwegen. Die haben frühzeitig ein zumindest teilweise kapitalgedecktes System aufgebaut. Die Renten sind nicht nur umlagefinanziert, stattdessen wurden die Beiträge auch am Kapitalmarkt angelegt. Wenn man damit rechtzeitig beginnt, erreicht man zwei positive Effekte: Wertschwankungen der Aktien bekommt man gut über die Zeit heraus nivelliert, und man erreicht auch ein hohes Niveau an Verzinsung, wobei auch der Zinseszinseffekt hier über die Jahre sehr stark ins Gewicht fällt.

Wir hätten also vor 30 Jahren damit beginnen sollen, unser Rentensystem umzustellen. Lässt sich dieser Fehler noch korrigieren?
Jäger:
Es hilft nichts, über die Vergangenheit zu lamentieren. Wichtiger ist, jetzt das Richtige zu tun. Und da sind die Norweger schon ein Vorbild darin, dass sie ihr Geld nicht zur Gänze in die Sozialsysteme gesteckt haben, sondern unter anderem in Unternehmensbeteiligungen. Bei keiner anderen Anlage ist die Rendite über die Jahrzehnte gesehen so hoch. 

Jeder hat es ja selbst in der Hand, privat vorsorgen und die Chancen am Aktienmarkt zu nutzen. Wann sollte man anfangen?
Jäger:
Gleich, wenn man in den Beruf startet. Mir ist völlig klar, dass junge Leute an alles Mögliche denken, aber nicht an die Rente. Das ging mir früher genauso. Aber es lohnt sich, beispielsweise 100 Euro pro Monat zurückzulegen. Dadurch werden nach 50 Jahren gigantische Summen (siehe Infokasten).

Wie alt sind die Kunden tatsächlich, die mit Ihren Mitarbeitern über die Altersvorsorge sprechen wollen?
Jäger:
Die jüngsten Kunden, die sich dafür aktiv interessieren, sind um die 25 Jahre alt, die meisten aber um die 35 Jahre. 

Welche Möglichkeiten gibt es für den Einzelnen?
Jäger:
Das eine ist die betriebliche Altersvorsorge. Die Arbeitgeber sind verpflichtet, mindestens 15 Prozent der Beiträge dazuzugeben. Das ist in der Einzahlungsphase sozialversicherungs- und steuerfrei. Da kann man also mit 50 Euro Netto-Einzahlung einen Beitrag von 115 Euro generieren. Beliebt ist das Aktiensparen über eine Lebensversicherung, weil man auch da Steuervorteile hat. Oder der klassische Wertpapiersparplan. Diese Anlageform hat einen großen Aufschwung genommen. Der Zuwachs an Verträgen beträgt jährlich fünf bis zehn Prozent. Die junge Generation ist neugierig auf Aktien. Von 1994 bis 2024 gab es eine jährliche Rendite beim Aktiensparen von 7,1 Prozent. Ich schätze, dass man sein persönliches Rentenniveau damit von 48 Prozent auf über 60 Prozent steigern kann.

Wie viel Risiko sollte man eingehen?
Abendroth:
Je jünger man startet, umso mehr Risiko kann man eingehen. Das bedeutet: 100 Prozent auf Aktien. Die Aktie schlägt beim Zeitraum „Zehn Jahre plus X“ tendenziell alle anderen Anlageformen. Heißt aber auch: Je später man einsteigt, umso weniger Risiko ist angesagt. Sind es nur noch zehn Jahre bis zur Rente, würde ich den Aktienanteil deutlich verringern, denn sollte es mal zu einem Crash kommen, wäre der Zeitraum zu kurz, um die Verluste wieder auszugleichen.

Als klassische Altersvorsorge galt jahrzehntelang die eigene Immobilie. Ist das überholt?
Jäger:
Nein, das gilt weiterhin. Wenn Sie Miete zahlen, müssen Sie immer mit Mieterhöhungen rechnen. Die Kosten fürs Wohnen steigen also. Beim eigenen Haus ist es genau umgekehrt. Die Kreditzahlungen werden geringer. Idealerweise hat man die Immobilie spätestens mit dem Eintritt in die Rente abbezahlt.

KRITIK AN HOHER GRUNDERWERBSSTEUER

Immobilien sind in den vergangenen fünf Jahren stark im Preis gestiegen. Gleichzeitig gehören Kreditzinsen von unter einem Prozent der Vergangenheit an. Wie kann man sich denn heute ein Haus noch leisten?
Jäger:
Die aktuellen Kreditzinsen liegen derzeit bei 3,5 bis 4 Prozent. Im langjährigen Mittel ist das ein Durchschnittswert. Aber bei den Baukosten haben wir in der Tat erhebliche Steigerungen. Die Auflagen in Sachen Klima, Energie und Brandschutz sind so umfangreich geworden, dass sich die Baukosten um bis zu 50 Prozent erhöht haben. Natürlich darf man nicht vergessen, dass auch die Löhne gestiegen sind. Aber die Kombination aus höheren Preisen und teureren Zinsen wirkt sich erheblich aus. Wir stellen fest, dass sich der Markt deswegen gewandelt hat. Statt zu bauen, kaufen die Menschen lieber und sanieren dann energetisch.

Abendroth: Die alte Bundesregierung hatte sich ein erhebliches Wohnungsneubauprogramm vorgenommen. Von den Zielen aber sind wir Lichtjahre entfernt, weil zusätzlich zu den bautechnischen Anforderungen auch die aufwändigen und bisweilen langwierigen Planungs- und Genehmigungsverfahren die Projekte verteuern. Dann kommt noch hinzu, dass wir hier in Schleswig-Holstein mit 6,5 Prozent eine der höchsten Grunderwerbssteuern in Deutschland haben. Da muss etwas geändert werden. Generell muss man sagen: Die Steuer- und Abgabenlast der Bürger darf nicht weiter steigen. 

Was bedeutet das für einen Unternehmer, die etwa in Rendsburg Mietwohnungen bauen will?
 Jäger:
Bei den derzeitigen Baukosten und Zinsen kann das schnell eine Miete von 17 oder 18 Euro pro Quadratmeter sein. Da man das auf einem Markt wie Rendsburg nicht erwirtschaften kann, wird wenig gebaut.
Abendroth: Im Geschossneubau sind 4000 Euro pro Quadratmeter schon eher ein günstiger Preis. Bedeutet: eine 90-Quadratmeter-Wohnung, drei Zimmer, kostet 360.000 Euro. Rechnen wir jetzt mal mit einer hypothetischen Vollfinanzierung mit 3,5 Prozent Zinsen und 1,5 Prozent Abtrag, dann sind wir bei fünf Prozent Kapitaldienst. Für jeden Quadratmeter Wohnraum, den der Investor bauen würde, müsste er im Jahr 200 Euro Zins und Abtrag zahlen. Wenn man diese Summe durch zwölf teilt, haben Sie Mindestmietkosten pro Quadratmeter. Dan wären wir dann bei den 17 Euro im Monat. 

Was brauchen wir denn für Veränderungen, damit Bauen und Wohnen wieder erschwinglich wird?
 Abendroth:
Wir hören es von unseren Kunden immer wieder, dass sie sich von der Bürokratie gegängelt fühlen. Wir brauchen eine Verschlankung der Vorschriften. Und die Menschen brauchen mehr Netto vom Brutto. Aber es gibt noch ein anderes Phänomen. In der Niedrigzinsphase sind Häuser mit Quadratmeterzahlen entstanden, die wir vorher für Familien nicht kannten. Wir haben uns früher über Häuser mit 120 bis 140 Quadratmetern unterhalten, plötzlich ging es um 180 bis 200 Quadratmeter. Jeder sollte genau prüfen, was tatsächlich an Wohnraum gebraucht wird.



Autor: Dirk Jennert

INFO

So stark wirkt sich der Zinseszins aus
Aktiensparpläne können für die Altersvorsorge ein wichtiger Baustein sein. Die Sparkasse hat für uns die Wertentwicklung eines Dax-Sparplanes berechnet und dabei eine Rendite von sechs Prozent zugrunde gelegt. Dies entspricht der Durchschnittsrendite der vergangenen 40 Jahre. Angenommen wird eine kontinuierliche monatliche Einzahlung von 100 Euro.
Laufzeit 20 Jahre:
Einzahlung von 24.000 Euro,
Endergebnis: 45.565 Euro
Laufzeit 30 Jahre:
Einzahlung von 36.000 Euro,
Endergebnis: 97.926 Euro
Laufzeit 40 Jahre:
Einzahlung von 48.000 Euro,
Endergebnis 191.696 Euro.
Die Berechnung verdeutlicht die Bedeutung des Zinseszinseffektes. Während sich das Kapital nach 20 Jahren knapp verdoppelt hat, ist bei einer 40-jährigen Ansparzeit eine Vervierfachung der Auszahlungssumme zu erwarten.


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