Barnie ist ganz aufgeregt. Ihn hält es kaum noch im Auto, er will endlich loslegen. Einige Momente muss er sich noch gedulden, dann ist es soweit. Er kriegt eine Tüte mit einer Stoffmaske unter die Nase gehalten, riecht dran und macht sich sofort auf den Weg. Barnie ist ein Border Collie-Mischling und zertifizierter Mantrailer oder auf Deutsch: Personenspürhund. Sein Einsatzgebiet ist Nordfriesland, hauptsächlich die Insel Sylt. Barnie ist Teil des Sylter Mantrailing-Teams von Simone Bahnsen. Dieses trifft sich regelmäßig zum Training an verschiedenen Orten auf Sylt. An einem milden Donnerstagnachmittag im November wird in Venningstedt trainiert. Treffpunkt ist um 15 Uhr die Westerstraße, von dort geht es weiter in Richtung Strandpromenade. Die Sylter Rundschau ist beim Mantrailing-Training live mit dabei.
Beim Training dient eine Person aus dem Team als „Lockstoff", die sich zunächst unentdeckt von der Gruppe entfernt und an einem Ort im Umkreis „versteckt", ehe sie wie bei einer Schnitzeljagd ausfindig gemacht oder in diesem Fall erschnüffelt werden muss. Der Lockstoff oder auch das Schnitzel ist an diesem Tag Team-Mitglied Ulrike. Sie entfernt sich einige hundert Meter von der Gruppe. Border Collie-Mischling Barnie bekommt später nur Ulrikes getragene Corona-Maske vor die Nase gehalten, um sich auf ihre Fährte zu begeben und ihren Aufenthaltsort zu erschnüffeln. Nur ein, zwei intensive Schnüffler an der Maske reichen, und Barnie nimmt die Fährte auf. Er zieht regelrecht an der Leine von Frauchen Selina Vandrey. Ganz wichtig dabei: Barnie muss den Weg vorgeben und sagen, wo es langgeht, sein Frauchen folgt ihm mit der Leine in der Hand.
Und Barnie ist in Top-Form an diesem Trainingstag. Nach nicht einmal zehn Minuten hat er Lockmittel Ulrike zwei Straßen weiter in einer Einbuchtung erschnüffelt. Weiter geht's. Wieder entfernt sich Ulrike von der Gruppe, zehn Minuten später schnüffelt Barnie wieder an der Maske, nimmt die Fährte auf und zieht los. Das Ergebnis ist das gleiche wie beim ersten Versuch: Nach wenigen Minuten hat er sein Ziel erreicht und die „vermisste Person" erschnüffelt. Das letzte Versteck von Ulrike befindet sich an der Strandpromenade gegenüber von Gosch. Sie steht ein bisschen geschützt am Rand, doch ist auch diese Aufgabe für Barnie kein Problem. Zügig und souverän erschnüffelt der Spürhund die Vermisste".


Barnies Trefferquote am Trainings-Donnerstag: 3/3. Frauchen Selina Vandrey und Trainerin Simone Bahnsen sind zufrieden. „Fein gemacht“, sagen Selina und Simone fast zeitgleich. Zur Belohnung gibt es für den energiegeladenen Mischlingshund Leckerlies. Damit ist die Trainingseinheit auch schon fast wieder vorbei.
Für Simone Bahnsen ist das Mantrailing-Team allerdings mehr als nur ein Hobby oder angenehmer Zeitvertreib. ,,Ich arbeite selbstständig als Mantrailing-Coach und bin Ausbilderin bei der Johanniter-Rettungshundestaffel Sylt", sagt die 49-jährige. „Ich liebe die Arbeit im Team und mit unseren Hunden. Das macht so viel Spaß und gibt mir so viel zurück.“ Simone Bahnsen stammt gebürtig aus Idar-Oberstein, wohnt aber bereits seit 1976 auf Sylt. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Westerland. Den Weg zur Rettungshundestaffel und zum Mantrailing fand sie eher durch Zufall. Es geschah vor sieben Jahren. 2015 war Simone Bahnsen mit ihrer Hündin Luna unterwegs auf einem Spaziergang, als sie von einem Fremden angesprochen wurde, ob sie nicht Lust hätte, bei der Rettungshundestaffel und beim Mantrailing mitzumachen. Dieser Fremde war niemand Geringeres als ihr heutiger Ehemann: Kay Bahnsen.
,,2016 wurde ich fester Bestandteil der Johanniter-Rettungshundestaffel, 2017 habe ich meine erste Mantrailerprüfung bei der JUH Köln absolviert, 2019 meine zweite bei der JUH Nordbrandenburg. Dazwischen habe ich meine Ausbildung zum zertifizierten Mantrailing-Coach abgeschlossen", sagt Bahnsen. „Seitdem bin ich Mantrailing Coach, Ausbilderin bei der Johanniter Rettungshundestaffel Sylt und bilde dort die Mantrailer aus.“
Ihr Einsatzgebiet mit den Spürhunden ist Sylt und der Rest des Kreises Nordfriesland. ,,Im Durchschnitt haben wir ungefähr 15 Einsätze im Jahr, 2022 hatten wir bislang acht Einsätze. Fordernd sei ihre Arbeit immer. ,,Aber das Gefühl, eine vermisste Person heil wieder zu finden und sie nach Hause zu bringen, entschädigt für alle Strapazen", sagt Bahnsen. Und für Geld macht sie ihre Arbeit sowieso nicht. „Wir als Mantrailing-Team Sylt arbeiten ehrenamtlich." Text: Nils Leifeld