Im Jahre 1922 türmte sich gewaltiges Packeis im Wattenmeer - so dick, dass einige Sylter die Gelegenheit zu einem Spaziergang der besonderen Art nutzen und hinüber zum Festland stiefeln. Am 5. Februar war Johanna Ruhsert aus Morsum mit Freunden nach Niebüll gewandert, um dort ihren Sohn zu besuchen. Für den nächsten Mittag hatte man sich zur Rückkehr verabredet. Doch Johanna Ruhsert erreichte den Treffpunkt mit geringfügiger Verspätung. Was ihr dann widerfuhr, hat sie selbst aufgeschrieben:
,,Vom Deich aus sah ich, dass die anderen bereits auf dem Eis angelangt waren. Na, die konnte ich noch leicht einholen, aber zuerst musste ich eine Tasse Kaffee haben. Als ich wenig später vom Deich hinunter ging, verschwanden meine Reisegenossen gerade in den Eisbergen. Aber ich hatte ja ihre Spur.
Endlich erreichte auch ich die Eisberge, doch wo war die Spur? Die Sonne hatte das Eis ein wenig angetaut, so dass die Fußabdrücke verschwunden waren. Ein seltsames Geräusch vernahm ich. Das waren die Tropfen, die von den Eisklötzen ins Wasser fielen. Rüstig schritt ich voran, ich wollte die anderen doch lieber bald erreichen! Jetzt sprang ich von einem Eisblock herab und saß mit dem rechten Bein bis übers Knie im Wasser. Kurz darauf saß ich wieder im Wasser, diesmal mit dem linken Bein. Und bald darauf schon wieder, diesmal mit beiden Beinen zugleich. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich war allein in der großen Eiswüste. Zitternd kletterte ich auf den nächsten Eisberg. Nichts von Land zu sehen, weit und breit immer nur Berg und Tal aus Eis. Herrgott erbarme dich, ich bin doch nicht irre gegangen? Nur schnell, Johanna, ehe die Nacht kommt! Ich lief, so schnell es ging, doch ich brach ein, tiefer und immer öfter.

Plötzlich sah ich einen Seehund. Das bedeutete: Offenes Wasser. Ich machte kehrt, sprang von Scholle zu Scholle. Ein quälender Durst plagte mich. Ich steckte ein Stück Eis in den Mund, aber auch das half nichts. Der Mond schien schon klar vom Himmel herab, und ich sah am Horizont einen ziemlich großen Stern, der alle Augenblicke verschwand. Es musste wohl der Leuchtturm von Kampen sein und ich lief drauflos. Aber schon wieder war ich eingebrochen, diesmal bis zur Hüfte. Da fand ich Worte zum Gebet und flehte zu Gott um mein Leben. Ich lief weiter auf den großen Stern zu. Ich wusste, einbrechen durfte ich nicht wieder, ich hätte keine Kraft mehr gehabt, wieder heraus zu kommen. Die Zunge war mir vor Durst geschwollen, die steif gefrorenen Kleider hingen wie eine Tonne an mir, meine Glieder waren taub.
Da, auf einmal, was war das? Erst vier helle Schläge, dann zwölf dunkle. Eine Uhr, eine Kirchenuhr! Ich lief weiter und weiter. Dann spürte ich auf einmal Steinpflaster unter meinen Füßen. Land hatte ich, festes Land! Geweint habe ich, geweint wie noch nie! Nun nach Hause mit letzter Kraft!
Zwei Tage und Nächte konnte ich nicht schlafen, wollte immer reden und reden und erzählen! Die Nerven aber streikten noch nach einem Jahre. Und in jeder Nacht, wenn die Leuchtfeuer blinken, steht die furchtbare Reise in all ihren Einzelheiten klar und lebendig vor meinem geistigen Auge, und ich kann es nicht fassen und begreifen, diese wunderbare Errettung aus größter Not. Frank Deppe