Weihnachten ohne Musik ist wie der Advent ohne Plätzchen: möglich, aber sinnlos. Aber mal Hand aufs Herz: Wer ist denn bei den ganzen Weihnachtsliedern so richtig textsicher? Die Melodie haben wir im Blut, aber bei den Texten lässt so mancher seine Fantasie mit sich durchgehen – meine Familie ist da keine Ausnahme. Dabei ist jeder Möchtegern-Pavarotti der festen Überzeugung, seine Variante sei die einzig wahre. Und das nicht nur bei den englischen Klassikern von Mariah Carey, bei denen die Sprachbarrieren noch als Notfall-Ausrede herhalten könnten. Auch die eigene Muttersprache bietet jede Menge Potenzial für kreative Neuschöpfungen lang überlieferter Weihnachtsklänge.
Einige Klassiker unserer Heiligabend-Setlist haben neben dem ein oder anderen Lacher noch einen Nebeneffekt: die Begrüßung temporärer Familienmitglieder, die sich jedes Jahr lediglich zum Fest der Liebe blicken lassen, um anschließend für knapp zwölf Monate wieder in der Versenkung zu verschwinden.
FREUDIGE BEGRÜSSUNG EINER UNBEKANNTEN
Zu Beginn eines jeden Weihnachtsfestes ist es der Nachwuchs, der weniger gebräuchliche Ausdrücke aus kindlicher Intuition heraus kreativ neu erfindet. So wird traditionell aus dem Halleluja ein „Hallo Julia“. Schmunzelnd wird dies zur Kenntnis genommen, aber insgeheim fragt sich mindestens einer nach dem ersten Glühwein schon, ob sich Romeos Geliebte irgendwo hinter dem Vorhang versteckt. Die Antwort bleiben wir ihm schuldig. Aber vielleicht schafft es ja im Laufe der kommenden Jahre doch einmal eine Julia in unsere Reihen, die dann zum Weihnachtsfest besonders freudig begrüßt wird.
Während Julia sich nicht so recht aus ihrem Versteck traut, rieselt draußen leise der Schnee und auch der See ruht still und starr. Dann klopft es plötzlich an der Tür. Erwartungsvoll schaut die gesamte Festtagsgesellschaft Richtung Eingang, aber es ist nicht Knecht Ruprecht, der von draußen vom Walde herkommt und die Geschenke in seinem Sack dabei hat. Stattdessen betritt ein entfernter Verwandter die Szenerie. Für die eine Hälfte ist bereits klar: Bald ist heilige Nacht. In der Konsequenz bedeutet dies, dass „Kurt, der Engel erwacht“ und sich unserer Runde anschließen möchte. Der andere Teil der sangesfreudigen Gesellschaft versucht zwar, ihn gekonnt zu ignorieren und hält mit Blick ins Gesangbuch stur daran fest, dass es der Chor der Engel sei, der nun erwache. Aber kaum sind die letzten Töne der dritten Strophe verstummt, geben auch die letzten klein bei und begrüßen Kurt in unseren Reihen.
Nach Julia und Kurt tritt kurz darauf ein weiteres, mittlerweile liebgewonnenes Mitglied unserem Chor bei. Während vor dem geistigen Auge der Großeltern bei der ersten Strophe von „Stille Nacht, heilige Nacht“ noch immer ein holder Knabe neben das traute hochheilige Paar auf die Bühne tritt, ist es nach dem mittlerweile zweiten oder dritten Punsch Knabe Holger, dessen lockiges Haar ihm eine ganz besondere Aura verleiht. Auch ihn begrüßt die Familie immer wieder aufs Neue herzlich in der Runde.
Mit Julia, Holger und Kurt wird es im Laufe des Abends immer kuscheliger unterm Weihnachtsbaum. Über die Jahre haben sie sich aber gut in unsere Familie integriert und wir würden sie an Heiligabend schmerzlich vermissen. Während im Hintergrund noch immer „Stille Nacht, heilige Nacht“ läuft, warten auch sie mit Beginn der zweiten Strophe sehnlichst darauf, dass der letzte Gast uns mit seiner Gegenwart beglückt: Gottes Sohn, oder besser gesagt einer von ihnen.
EIN MYSTERIÖSER GAST LACHT UNS AN
Denn es handelt sich bei dem angekündigten Besucher nicht etwa um den kleinen Jesus, sondern um seinen mysteriöser Bruder Owie, der in der Krippe liegt und lacht. Es kommt unweigerlich die Frage auf: Wo kommt Owie eigentlich her? Die bibelfesten Familienmitglieder sind sich sicher, dass er an keiner Stelle erwähnt wird. Ist er wirklich Jesus' Bruder oder ein entfernter Cousin? Vielleicht ein Engel, der geschickt wurde, um die Hirten und die Tiere ein wenig zu unterhalten?
Wenn wir ehrlich sind, suchen wir nicht wirklich nach einer Antwort, sondern nehmen auch Owie herzlich in unsere Weihnachtsrunde auf. Denn insgeheim freuen wir uns doch einfach, wenn wir an Heiligabend ein volles Haus haben und zu den Festtagen alte Bekannte treffen, die wir - wenn überhaupt – einmal im Jahr sehen.
Jana Falk