Herr Prof. Dr. Gille, kommen wir gleich zum Thema: Was sind typische Beschwerden oder "Alterskrankheiten“ an Knochen und Gelenken?
Wenn wir über Erkrankungen am muskuloskelettalen System sprechen - also an Knochen, Gelenke, Sehnen und Muskulatur -, dann fallen zwei Begriffe besonders häufig: Osteoporose und Arthrose. Darüber hinaus treten häufig Beschwerden durch Muskelabbau, Gleichgewichtsprobleme oder Veränderungen an der Wirbelsäule auf. Alterungsprozesse betreffen zwar den ganzen Körper, aber im orthopädisch-unfallchirurgischen Alltag zeigen sich jedoch vor allem mit Probleme an den Gelenken, der Knochensubstanz und der Wirbelsäule sowie durch die Folgen von Stürzen.
Worin besteht der Unterschied zwischen Osteoporose und Arthrose?
Ganz vereinfacht: Osteoporose ist eine Erkrankung des Knochens - oft auch als "Knochenschwund“ bezeichnet. Der Knochen wird porös, sodass es leichter zu Brüchen kommt. Arthrose ist eine Erkrankung des Gelenks, genauer des Gelenkknorpels. Wenn der Knorpel verschleißt und sich „abreibt“, reibt am Ende Knochen auf Knochen - das ist Arthrose.
Woran merkt man Osteoporose im Alltag? Gibt es frühe Warnsignale?
Das Tückische an der Osteoporose ist: Sie entwickelt sich schleichend und oft schmerzfrei. Viele Betroffene bemerken zunächst nichts und die Diagnose wird häufig erst nach einem Knochenbruch gestellt. Deshalb ist es sinnvoll, ab einem gewissen. Alter einmal die Knochendichte bestimmen zu lassen, um einen Ausgangswert zu haben.
Ist Osteoporose schmerzhaft?
Die Osteoporose selbst verursacht meist lange keine starken Schmerzen. Ein Knochenbruch hingegen tut weh - und zwar immer. Manchmal reicht bei fortgeschrittener Osteoporose schon ein sehr leichter Sturz, ein Stolpern oder nur eine unglückliche Bewegung Absacken, um einen Bruch auszulösen.
Kann man Osteoporose aufhalten oder sogar rückgängig machen?
Man kann viel tun - am besten früh. Es geht einerseits um Prävention: Bewegung, Muskelaufbau, gute Ernährung, ausreichend Calcium und besonders Vitamin D. Gerade in Norddeutschland sind viele Menschen mit letzterem unterversorgt. Es fehlt an ausreichend Sonneneinstrahlung, der Körper bildet zu wenig Vitamin D. Wenn Osteoporose diagnostiziert ist, gibt es außerdem Medikamente, die den Knochenstoffwechsel so beeinflussen und die Stabilität der Knochen verbessern, so dass das Risiko für weitere Brüche sinkt. Wie alle Medikamente können sie Nebenwirkungen haben. Aber unbehandelt ist das Risiko hoch, nach einem ersten Bruch weitere zu erleiden.
Wie fängt Arthrose typischerweise an?
Klassisch ist ein schleichender Beginn: Nach längerer Belastung, etwa Gartenarbeit, treten zwei, drei Tage Schmerzen auf, die wieder abklingen. Viele denken: "War wohl nur eine Überlastung." Aber die Arthrose verläuft oft wellenförmig mit guten Phasen und schlechten Phasen. Im Verlauf werden die schlechten Phasen länger, die guten kürzer - bis hin zu Ruhe- und Nachtschmerz. Spätestens dann ist die Lebensqualität oft massiv eingeschränkt.
Welche Gelenke sind hier am häufigsten betroffen?
Häufig sind die tragenden Gelenke betroffen: Knie, Hüfte und das Sprunggelenk. Aber auch die Schulter ist oft ein Thema. Bei bestimmten Grunderkrankungen wie Rheuma können auch Fingergelenke häufiger betroffen sein.
Viele nennen Arthrose "Verschleiß". Dann müsste doch weniger Bewegung helfen?
Das klingt logisch, stimmt aber so nicht. Bewegung ist nicht schädlich, sie wirkt eher präventiv. Entscheidend ist auch die Muskulatur um das Gelenk: Gut trainierte Muskeln stabilisieren und entlasten das Gelenk. Wer sich schont, baut Muskulatur ab - und das kann Beschwerden sogar verstärken. Hinzu kommt: Koordinations- und Gleichgewichtstrainings senken das Sturzrisiko.
Ältere Menschen sagen oft: Ich bewege mich doch genug - stimmt das aus Ihrer Sicht?
Es gibt dazu interessante Erhebungen, etwa von der WHO. Viele ältere Menschen schätzen sich als sehr aktiv ein. Legt man aber die offiziellen Empfehlungen zugrunde - etwa 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensivere Aktivität pro Woche - erreichen das tatsächlich deutlich weniger, teils unter 20 Prozent. Insgesamt gibt es in der Seniorengruppe häufig zu wenig regelmäßige Bewegung.
Kann man Arthrose operieren? Und Osteoporose?
Osteoporose behandelt man primär medikamentös - nicht operativ. Operiert wird allenfalls, wenn ein Bruch versorgt werden muss. Arthrose kann man operieren, häufig spricht man dann über den Einsatz eines Kunstgelenks (Endoprothese), besonders bei Hüfte und Knie.
Wann ist der Zeitpunkt für eine Prothese? Muss es immer "ganz schlimm“ sein?
Das ist eine individuelle Entscheidung, die Patient und Arzt gemeinsam treffen sollten. Entscheidend sind drei Dinge. Die Anamnese: Was erzählt der Patient, wie hoch ist der Leidensdruck? Die Bildgebung: Röntgen/MRT - wie sieht das Gelenk aus? Der klinische Befund: Was zeigt die Untersuchung? Wichtig: Es gibt nicht immer einem Zusammenhang zwischen "wie schlimm sieht der Befund auf dem Röntgenbild aus“ und "wie stark sind die Schmerzen". Deshalb gilt: Wir behandeln keine Röntgenbilder – wir behandeln Menschen.

Viele haben Angst vor so einer OP. Wie läuft diese ab, und wie lange dauert die Genesung?
Wer bei uns eine Hüft- oder Knieprothese erhält, kommt zunächst in die Sprechstunde. Dort wird der Befund und die bestmögliche Therapie besprochen. Ein Eingriff erfolgt nur bei klarer Indikation. Meist sind die Patientinnen und Patienten etwa vier Tage im Krankenhaus. Anschließend folgt je nach Situation eine ambulante Reha oder eine zwei- bis dreiwöchige stationäre Reha. Nach etwa vier Wochen ist in den meisten Fällen der Großteil des Heilverlaufs bereits geschafft.
Sie sprechen bei Gelenkersatz von "Gamechanger“. Warum?
Weil der Leidensdruck bei fortgeschrittener Arthrose enorm sein kann: Man schläft nachts kaum noch, Einkaufen wird zur Qual, jeder Schritt tut weh und oft weiß man nicht mehr, wie man überhaupt zum Auto zurückkommen soll. Wenn dann eine Operation mit Gelenkersatz die Beschwerden deutlich lindert, ist das für viele ein echter Sprung hin zu neuer Lebensqualität. Viele sagen im Nachhinein: "Warum habe ich das nicht früher gemacht?"
Was kann man konkret tun, um Stürze zu vermeiden?
Drei zentrale Punkte: Muskulatur aufbauen und erhalten. Koordination und Gleichgewicht trainieren und Stolperfallen zu Hause reduzieren: Teppichkanten, Türschwellen, schlechte Beleuchtung. Hilfsmittel wie Rollator oder Gehstock können Mobilität erhalten und Stürze verhindern.
Sind Arthrose oder Osteoporose "selbst gemacht“?
Es gibt Faktoren, die man beeinflussen kann: Rauchen und Alkohol fördern Osteoporose, Übergewicht belastet Gelenke. Bewegung und Krafttraining sind positiv. Ob und wie stark genetische Faktoren eine Rolle spielen, ist nicht in allen Details bewiesen. Aber es gibt es Familien, die besonders häufig betroffen sind.

Zum Schluss: Ihr wichtigster Rat an ältere Leserinnen und Leser?
Wenn Beschwerden da sind oder wenn sich die Mobilität sich spürbar verschlechtert, dann ist es ratsam, sich frühzeitig professionell beraten und helfen zu lassen. Also nicht erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Ein frühes Gespräch hilft, die Diagnose besser zu verstehen und mögliche Wege aufzuzeigen. In vielen Fällen können gezielte Therapien dazu beitragen, operative Eingriffe hinauszuzögern. Vor allem aber geht es darum, Lebensqualität und Selbstständigkeit so lange wie möglich zu erhalten.
// Interview: Julia Voigt