In den 1970er Jahren waren die Machtblöcke innerhalb Europas klar definiert. In Westeuropa standen die Nato-Verbündeten mit entsprechenden Truppenstärken dem Warschauer Pakt in Mittel- und Osteuropa entgegen. Die Teilung Deutschlands in BRD und DDR war längst zu einem Status Quo geworden, an dessen Überwindung in der Zeit des damaligen Wettrüstens nur mit viel Phantasie und historisch-visionärem Weitblick zu denken war.
In diesem Kräftefeld der zwei sich argwöhnisch-feindlich gegenüberstehenden Machtblöcke wurden regelmäßig länderübergreifende Bedrohungsszenarien entworfen und in großen Manöverübungen durchgespielt. Viele von uns können sich noch an derartige Ereignisse erinnern, als das zivile Leben in Schleswig-Holstein durch NATO-Einheiten über Tage und auch Wochen massiven Einschränkungen unterlag.
GROSSMANÖVER „BOLD GUARD“
Im September 1974 fand erstmals die multinationale Großmanöverserie der Nato unter der Bezeichnung „Bold Guard“ (zu deutsch „Kühne Wacht“) im Raum Schleswig-Holstein und Dänemark statt. Diese sollte in der Folge im Rhythmus von vier Jahren jeweils im Herbst wiederholt werden. 1986 dann zum letzten Mal - vier Jahre später hatte sich die politische Großwetterlage gedreht, Deutschland befand sich im Prozess der Wiedervereinigung, der Warschauer Pakt zeigte Auflösungserscheinungen. Für den Verteidigungsfall und für diese Übungen war dem Korps Landjut die 6. Panzergrenadierdivision und die dänische Jütland-Division unterstellt.
Ausgangslage für das Nato-Manöver in den ersten Septemberwochen 1974 war die Annahme, dass der Warschauer Pakt das dänische Jütland und Norddeutschland mit starken Panzerverbänden attackiert. In diesem Szenario war es das wichtigste strategische Ziel der Angreifer, den Nord-Ostsee-Kanal und seine Brücken zu besetzen und über Hamburg dann weiter vorzurücken. Bei dem Manöver sollten dabei in erster Linie die Operationsarten Verzögerung, Verteidigung und Gegenangriff geübt werden.


40.000 SOLDATEN MOBILISIERT
In der Zeit vom 10. bis 13. September 1974 lief das Großmanöver in ganz Schleswig-Holstein. Die Ortschaften Flintbek, Hademarschen, Kellinghusen, Schmalfeld, Bad Segeberg und Damsdorf befanden sich dabei im „Ballungsraum“ der freilaufenden Truppenübung. Der Angriff von „Orange“ - also der Truppen des Warschauer Pakts gegen deutsche, dänische und britische Verbände erfolgte aus dem Raum Pinneberg, Ahrensburg, Ratzeburg und Lübeck. Im weiteren Manöververlauf wurde von „Orange“ die Höhe Schmalfeld, Bad Segeberg und Bosau erreicht. Teilweise gegen den Widerstand der Landbevölkerung, die einige Straßen mit Traktoren sperrte. In sieben Stunden ereigneten sich insgesamt 17 Verkehrsunfälle, dabei gab es drei Schwerverletzte. Für 40.000 Soldaten standen lediglich 28 Ärzte zur Verfügung. Zu den teilnehmenden Nationen gehörten Deutschland, Großbritannien, USA und Dänemark, die allesamt unter dem Oberkommando von Generalleutnant Heinrich Schwiethal standen.
Dies war der Rahmen für eine Tragödie, die das Leben von sechs jungen schottischen Fallschirmjägern forderte und im kollektiven Gedächtnis des Ortes Sehestedt und in der betroffenen Einheit in Schottland bis heute fest verankert ist.
VERTEIDIGUNG DES NORD-OSTSEE-KANALS
Am 8. September 1974 werden Reservisten und Soldaten der 16. Schottischen Fallschirmjägerbrigade für die Teilnahme am „Bold Guard“-Manöver in ihrem Stützpunkt in Westdown/Schottland zusammengezogen. Einen Tag später - am 9. September erfolgt der simulierte Angriff von - „Orange“ auf das Nato-Territorium - eine sowjetische Panzerarmee landet an der Nordostküste Schleswig-Holsteins. In der Folge und zur Abwehr sollen unverzüglich Nato-Einheiten an den Nord-Ostsee-Kanal gebracht werden, um den Vormarsch Vormarsch der feindlichen Truppen zu stoppen. Und die Fallschirmjäger aus Schottland rüsten sich und machen sich startklar, können jedoch aufgrund widriger Witterungsverhältnisse Bodennebel im Absprunggebiet - erst am 11. September um 18.30 Uhr Ortszeit mit ihren insgesamt 36 viermotorigen Transportflugzeugen Hercules C-130 in Richtung Manövergebiet starten. Dabei tragen 23 Maschinen die abzuwerfenden Lasten (Fahrzeuge und Bewaffnung) und 13 Maschinen die Mannschaften.
DAS GESCHAH IN DER SCHICKSALSNACHT
Die Ereignisse in der Chronologie: Um 21 Uhr erreichen die Flugzeuge das Zielgebiet am Nord-Ostsee-Kanal. Das Wetter ist schlechter als die Vorhersage, die Sicht ist denkbar schlecht. Dennoch werden erste Soldaten abgesetzt - und wenige Minuten später stellen die bereits gelandeten Kameraden mit Erschrecken fest, dass etwas nicht stimmt: Die Beleuchtung der Straßen und des Kanals sind identisch! Hektisch werden rote Leuchtkugeln abgeschossen. Sie sorgen dafür, dass die letzten fünf im Anflug befindlichen Hercules-Maschinen beidrehen und auf dem nahegelegenen Flugplatz in Hohn landen.
Doch das Drama ist nicht mehr aufzuhalten und nimmt seinen Lauf. Die Sehestedter Sirenen geben Katastrophenalarm - und um 21.07 Uhr meldet der Kanalllotse Stoye auf dem zu überführenden Frachter SWI 176, dass auf Höhe westlich Kilometer 76 einige Fallschirmspringer im Wasser gelandet seien. Der Kanal schwimme voller Fallschirme, Hilferufe gellen durch die zunehmende Dunkelheit. Der Kanalbetrieb wird auf ganzer Länge gestoppt, die Schiffe steuern die Weichen an. Und nicht nur Soldaten, sondern auch Militärfahrzeuge landen an ihren Fallschirmen hängend im Kanalbett.
Die an Land abgesetzten Soldaten suchen verzweifelt in den umliegenden Uferböschungen, Feldern und Wäldern nach versprengten Kameraden, sind dabei jedoch erfolglos. Erschwert wird zudem die Suche und Bergung der im Kanal treibenden Fallschirmspringer durch den kompletten Ausfall der Kanalbeleuchtung zwischen Landwehr und Sehestedt, da mehrere Soldaten samt Gepäck in den Lichtleitungen hängen, jedoch unversehrt geblieben sind.
In den frühen Morgenstunden des 12. September suchen Hubschrauber-Besatzungen, Mannschaften sowie zahlreiche Sehestedter nach den Vermissten – als erster Toter wird Captain Gerard Miur aus dem Kanal geborgen, dicht gefolgt von einem weiteren Toten. Am Nachmittag des folgenden Tages werden drei weitere Leichen geborgen, und am 18. September entdeckt die Besatzung des deutschen Schnellboots „Puma“ das sechste Opfer im Kanal treibend.
EINE EICHE FÜR JEDEN GESTORBENEN SOLDATEN
In Sehestedt erinnert heute ein Gedenkstein - der sogenannte „Schottenstein“ an die tragischen Ereignisse am Abend und in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1974. Er wurde am 27. Juli 1975 auf der Dorf-Südseite enthüllt. Zudem wurde eine Eiche für jeden verstorbenen Soldaten gepflanzt. Erinnert wird damit an Captain Gerard Muir (Lehrer), Kadett James Cooper (Student), Sergeant Elliot Campbell Leask (Postbeamter), Soldat Edward Beach (Maurer), Corporal Brian John Bett (Mechaniker) sowie Sergeant Richard Lawson Tomkins (Ingenieur) - alle zwischen 21 und 33 Jahre alt. // Dr. Martin Westphal