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Rendsburg: Erst strapaziös, dann atemberaubend

Zwei Wahrzeichen der Stadt Rendsburg, die einfach zusammengehören: die Schwebefähre, die an der Eisenbahnhochbrücke hängt. FOTOS: MICHAEL RUFF (3), ADOBESTOCK (1)

Stadtführer Joachim Bergami führt die Besucher 178 Stufen hinauf zum Wahrzeichen der Stadt, der Eisenbahnhochbrücke, die 42 Meter über dem Kanal liegt.

Die Hamburger haben ihre Elbphilharmonie, die Rendsburger die Eisenbahnhochbrücke. Beide Bauwerke sind Wahrzeichen der Städte. Und sie haben etwas gemeinsam. Was genau, das erfahren Besucher bei einer Brückenführung hoch über dem Nord-Ostsee-Kanal. 

Joachim Bergami (66) fragt: „Sind alle fit? Sind alle Knie heil?“ und setzt sich einen gelben Helm auf. Zur Sicherheit. Auch die Besucher bekommen einen. Der ist zwar blau, aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind verziert mit der „Eisernen Lady“. 

Die Eisenbahnhochbrücke: Sie ist das Wahrzeichen von Rendsburg, der ganze Stolz der Stadt. 178 Stufen führen nach oben. 42 Meter über dem Nord-Ostsee-Kanal liegt die Besucherplattform, das Ziel. „Ich wohne in der Schleife und sehe täglich das imposante Bauwerk“, erzählt er. Seit 2016 ist er Stadtführer. „Von Anfang an war ich an der Brücke interessiert, habe aber erst vor zwei Jahren die Chance bekommen, mich zum Brückenführer ausbilden zu lassen.“ Seitdem blickt er nicht nur auf die Stahlkonstruktion, er schaut auch von oben herunter. 

Höhenangst kann er dabei natürlich nicht gebrauchen. Und auch die Besucher sollten schwindelfrei sein. Denn die Stufen sind ein Gitter, der Blick nach unten wird mit jedem Schritt beängstigender. „Immer schön nach oben gucken“, rät Joachim Bergami. Und wem das nicht hilft, der kann sich darauf konzentrieren, was der Hochbrückenexperte alles zu erzählen hat. Und das ist eine ganze Menge. 

Da sind natürlich allerhand Fakten: Von 1911 bis 1913 wurde die Brücke gebaut, entworfen und geplant von Ingenieur Friedrich Voß. 350 Männer haben Tag und Nacht an der Brücke gearbeitet, 50 von ihnen verletzten sich schwer dabei, sieben sind verstorben, davon fünf durch einen Sturz von der Brücke. Inklusive des Damms ist die Brücke viereinhalb Kilometer lang, davon entfallen exakt 2486,25 Meter auf die Stahlkonstruktion. Die höchste Spitze liegt 66,7 Meter über dem Nord-Ostsee-Kanal. Vom Treppenturm im Norden auf der Rendsburger Kanalseite bis zum Treppenturm im Süden auf Osterrönfelder Gebiet ist die Brücke 317,60 Meter lang. Aber Joachim Bergami hat auch einige besondere Zahlen abseits der klassischen Informationen parat. „Infolge einiger Aufbauten wiegt die Brücke heute 18.000 Tonnen, das sind etwa 3.600 Elefanten.“ Exakt die Menge an Stahl, die in der Elbphilharmonie verbaut wurde. 3,2 Millionen Niete brauchten die Brückenbauer, einige wurden mittlerweile bereits durch Schraubverbindungen ersetzt. Und natürlich musste die Konstruktion auch angemalt werden. „24 Hektar beträgt die Oberfläche, das sind etwas mehr als 34 Fußballfelder“, so Bergami. Dafür wurde eine Menge Farbe benötigt, etwa 100.000 Kilo. Gekostet hat das Bauwerk damals 13,4 Millionen Goldmark. Umgerechnet sind das heute etwa 685.131,12 Euro. 

178 Stufen später sind die Strapazen des Aufstiegs schnell vergessen. Zu atemberaubend ist der Ausblick von der Plattform. Damit jeder Besucher diesen ungestört genießen kann, sind kleine Löcher in das hohe Gitter eingelassen – je nach Körpergröße auf unterschiedlicher Höhe. „Bei gutem Wetter kann man den Wikingturm in Schleswig sehen, und der liegt etwa 26 Kilometer entfernt von uns“, erzählt Joachim Bergami. 

Und während die Besucher staunend Richtung Norden, Osten, Süden und Westen schauen, berichtet der Hochbrückenexperte von den Anfängen des Bauwerkes. „Als der Nord-Ostsee-Kanal entstand, wurden nicht nur Dörfer, sondern auch die wichtigste Verbindung des Landes zerschnitten, die Bahnstrecke Hamburg - Flensburg. Sie verband Skandinavien mit dem südlichen Europa.“ Also wurden Drehbrücken gebaut, doch weil der Zugverkehr Anfang des 20. Jahrhunderts immer Vorfahrt hatte, mussten die Schiffe auf dem Kanal häufig warten, manchmal bis zu einer Stunde. „Admiral Tirpitz war noch vor dem Ersten Weltkrieg der Auffassung, dass die Drehbrücken im Kriegsfall ein ernstzunehmendes Hindernis seien und deshalb verschwinden müssen“, erzählt Joachim Bergami. 

Das war die Geburtsstunde der Eisenbahnhochbrücke. Drei Forderungen musste Ingenieur Friedrich Voß dabei erfüllen: 42 Meter Durchfahrtshöhe für die Schiffe, 120 Meter Mindestabstand zwischen den Brückenpfeilern am Kanal und keine Verlegung des Rendsburger Bahnhofes. Aus Pappe, Gips und Leim erschuf Voß ein erstes Modell. „Und er schaffte es durch die Verlängerung der Eisenbahnlinie, der Schleife, die 33 Höhenmeter zwischen Brücke und dem 600 Meter entfernten Bahnhof zu überwinden.“ 

Damals fuhren Dampflokomotiven über die Stahlkonstruktion, heute sind es Züge, die elektrisch oder mit Diesel angetrieben werden. „Wenn ein Zug über die Brücke fährt, biegt sie sich sieben Zentimeter durch“, erklärt Joachim Bergami, als sich wieder ein Güterzug nähert. „Ich weiß nicht genau, wann die Züge hier vorbeikommen, aber für die Schiffe auf dem Nord-Ostsee-Kanal habe ich eine App.“ 

Der ehemalige Soldat, der 40 Jahre Offizier bei der Bundeswehr war, ist froh, dass die Eisenbahnhochbrücke noch steht. „Denn am 18. März 1945 ordnete Adolf Hitler mit dem Nerobefehl an, alle Verkehrs-, Nachrichten- und Industrieanlagen, die in die Hand der Alliierten fallen könnten, zu zerstören“, erzählt Bergami. Dazu zählte auch die „Eiserne Lady“, auf der im Süden ein Flakscheinwerfer und im Norden Flakgeschütze angebracht waren. 

Rendsburgs Wahrzeichen scheint sich nicht unterkriegen zu lassen. Und auch die Besucher fühlen sich nach der Führung, als sie wieder festen Boden unter den Füßen haben, unbesiegbar. Sie haben wie die Brücke Standfestigkeit bewiesen und ihre mulmigen Gefühle im Magen beim Auf- und Abstieg besiegt. „Es musste übrigens noch kein Gast bei einer Führung von oben gerettet werden, auch wenn es dafür auf der Plattform extra einen besonderen Stuhl aus Stahl gibt“, erzählt Joachim Bergami. 

Eine kuriose Begebenheit hat der Brückenexperte zum Abschluss aber noch auf Lager. Und die hängt mit einem Verkehrsmittel zusammen, das den Rendsburgern regelmäßig Bauchschmerzen bereitet: die Schwebefähre. „Bei einer Führung hatten alle Gäste ihre Fahrräder und Autos auf der Nordseite abgestellt und sind mit der Schwebefähre über den Kanal gekommen“, erzählt Bergami. „Als wir auf der Plattform standen, kam ein Arbeiter vorbei und erzählte, dass die Schwebefähre ausfällt, weil ein Bauteil kaputt ist. Also mussten die Besucher zu Fuß durch den Fußgängertunnel zurück auf die andere Seite gehen.“ Zum Glück fragt Joachim Bergami vorher immer, ob alle fit und die Knie heil sind. Das ist nicht nur für einen Besuch auf der Eisenbahnhochbrücke wichtig. Christina Köhn

INFO

Führungen

Die Hochbrückenführungen finden jeden Sonntag von April bis November statt. Treffpunkt ist um 14 und um 15.30 Uhr an der Hochbrücke auf der Südseite des Kanals ins Osterrönfeld bei der Schwebefähre. Dort sind auch Parkplätze vorhanden. Maximal 14. Personen können zeitgleich an einer Führung teilnehmen. Kinder müssen mindestens 12 Jahre und 1,40 Meter groß sein. Anmeldungen in der Rendsburg-Information am Altstädter Markt oder unter Telefon 04331/6634566.

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