Gerade erst haben mehrere hundert Einsatzkräfte aus dem Kreisgebiet bei einer großen Katastrophenübung einen Eindruck von ihrer Leistungsfähigkeit gegeben. Doch wie wäre die Situation bei einem Ernstfall? In einer Studie hat die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) herausgefunden, dass nur rund ein Drittel der ehrenamtlichen Einsatzkräfte jederzeit verfügbar wären.
Viele Einsatzkräfte arbeiten in Doppelrollen
"Deutschland verlässt sich Katastrophenfall auf über 1,7 Millionen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer - doch wenn es ernst wird, bleibt von dieser beeindruckenden Zahl schreckend wenig übrig“, befürchtet die DGKM. Diese Sorge jedoch teilen die Verantwortlichen im Kreis Pinneberg nicht, wie Uwe Koltzau, der für die Sicherheit zuständige Fachdienstleiter bei der Kreisverwaltung, betont.
In ihrer Studie hat die DGKM die Verfügbarkeit ziviler Einsatzkräfte im Katastrophenfall untersucht. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei Menschen mit Doppelrollen, die zum Beispiel in Berufen der kritischen Infrastruktur oder ehrenamtlich in unterschiedlichen Organisationen für den Bevölkerungsschutz aktiv sind.
Zur kritischen Infrastruktur zählen beispielsweise Bereiche wie Leitstellen, Energie, Wasser, Ernährung, Gesundheit und Transport. In der Untersuchung stellte sich heraus, dass mehr als die Hälfte der 3681 Befragten in derartigen Einrichtungen angestellt sind. Ein Fünftel der Befragten hatte mehr als nur ein Ehrenamt.
3546 Personen engagieren sich im Kreis Pinneberg
Ferner ergab sich, dass 30 Prozent der Ehrenamtlichen bei einer Katastrophe jederzeit, 65 Prozent nur eingeschränkt und fünf Prozent überhaupt nicht verfügbar wären. Als Hauptgründe für die Nichtverfügbarkeit wurde deren berufliche Tätigkeit angegeben. Deutschlandweit, so schließt daraus die DGKM, wären nur etwa 757 140 der 1,7 Millionen im Katastrophenschutz registrierten Ehrenamtlichen verfügbar.
Im Kreis Pinneberg sind nach Angaben der Kreisverwaltung 3546 Ehrenamtler bei den Katastrophenschutzorganisationen registriert: 2850 bei den Freiwilligen Feuerwehren, 66 beim Löschzug „Gefahrgut“, 49 bei der Technischen Einsatzleitung, 295 beim DRK, 68 bei der DLRG, 170 beim THW, 12 bei der Information und Kommunikation des THW sowie 36 Deichläufer.
Auch im Kreis gibt es doppelte Mitgliedschaften
Zusätzlich gibt es noch eine Schnell-Einsatzgruppe (SEG), die bei rettungsdienstlichen Großschadenslagen von Einsatzkräften des DRK besetzt wird. Hinzu kommt die 12. Brandschutzbereitschaft des Landes, besetzt durch die Kreise Pinneberg und Steinburg, eine Medizinische Task Force mit Einsatzkräften des DRK sowie Elektrofachkräfte von THW und Feuerwehren.
Fachdienstleiter Uwe Koltzau räumt ein, dass es in den verschiedenen Einheiten doppelte Mitgliedschaften gibt. „Ich glaube aber, dass das ein beherrschbares Problem ist“, sagt er. Statistische Zahlen dazu gebe es aber beim Kreis nicht. Zur Sicherheit seien die wichtigen Funktionen mehrfach besetzt. "Im Stab zum Beispiel wird jede Funktion fünfmal besetzt. Wenn dann zum Beispiel zwei nicht verfügbar sind, weil sie im Urlaub, krank oder in einer anderen Funktion tätig sind, dann habe ich immer noch drei und kann einen Schichtbetrieb aufrechterhalten“, so Koltzau weiter.
Forderung nach bundesweitem Register
Um das Problem zu lösen, sprechen sich die Vereinigung zur Förderung des Brandschutzes Deutschen (vfdb) und der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) für ein zentrales, bundesweites Register für alle Akteure im Zivilschutz aus. Damit müsse im Krisenfall sofort ein Überblick über die tatsächlich verfügbaren personellen Ressourcen zu erhalten sein, sagte vfdb-Präsident Dirk Aschenbrenner. Der Bevölkerungsschutz in Deutschland funktioniere maßgeblich durch ehrenamtliches Engagement. Umso wichtiger sei die Information, wer an welcher Stelle und in welcher Organisation im Ernstfall zur Verfügung stehe.
Um ein solches Register zu schaffen, sei unverzüglich eine weitreichende Gesetzesänderung auf allen Ebenen erforderlich. Auch müssten die kommunalen Feuerwehren verpflichtet werden, ihre Daten zur Verfügung zu stellen. Ähnlich äußerte sich DFV-Präsident Karl-Heinz Banse. In einem noz.de-Interview wies auch er darauf hin, dass die Zahl der Ehrenamtlichen auf dem Papier von der real verfügbaren Stärke abweiche.
Wolfgang Duveneck