Der Blick auf vorbeiziehende Schiffe hat etwas Beruhigendes, ja gar Magisches. Peter Tamm, Hamburger Original, lange Jahre Chef des Springer-Verlages, Journalist und Schiffsliebhaber, erwarb eigens für den Ruhestand ein Domizil in Blankenese mit freiem Blick auf die Elbe und die vorbeiziehenden Dampfer. Und: Dies ist eine wahre, selbst erlebte Anekdote - das ein oder andere Mal winkte er den Vorbeiziehenden zu, wenn er auf dem Balkon stand, auf jeden Fall aber immer der „Cap San Diego“.
Aber man muss weder Hausbesitzer in Blankenese noch Medienmogul noch Mäzen einer Hansestadt sein, um bei uns am Kanal den ganz großen Pötten ganz nah zu kommen - und zwar auf Augenhöhe. Wer diesen Text bis zum Ende liest, der wird genau diesen Geheimtipp kennengelernt haben.

Der Beginn der Geschichte liegt mein halbes Leben zurück, schildert die Tochter Beeke Schade-Stuhr diesen Anfang. Es war die Zeit, als sich die Verantwortlichen der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes dazu entschieden, den Nord-Ostsee-Kanal zu verbreitern. Und das war die Zeit, da „standen hier am Kanalufer noch große Bäume“, erzählt Susanne Stuhr, die viele Jahre gemeinsam mit ihrem Mann Holger den Gasthof hier am Ufer betrieb, bevor Sohn Steffen das Zepter übernahm.
Da sah man, wenn nicht allzu viel Bewuchs an den Bäumen war, nur den Schriftzug eines großen Dampfers am Schornstein, der wie unwirklich durch die Landschaft gezogen wurde. Es war die Zeit, als das neue Jahrtausend gerade angebrochen und eine Frau erstmals Bundeskanzlerin geworden war. Noch ahnte niemand, dass in wenigen Jahren eine Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten das weltweite Finanzwesen nahezu in den Abgrund stürzen würde.

Viel ist passiert seitdem, viel Wasser am Gasthof vorbei durch den Kanal geflossen. Heute, 2026, ist der Kanal durch den Ausbau der Oststrecke mittlerweile rund 70 Meter dichter an das Gasthaus herangerückt. Ein Doppelhaus und ein Mehrfamilienhaus existieren nur noch auf Fotografien. Bäume stehen inzwischen, dank der Tatkraft aller Familienmitglieder, woanders. Die Terrasse ist deutlich größer, kein Baum versperrt mehr die Sicht auf den Kanal. Der Blick ist frei und kann den gesamten Kanal entlang bis zur nächsten Biegung schweifen.
Zieht ein Schiff vorbei, dann so dicht, dass ein Passagier vom Balkon seiner Kabine dem Neugierigen fast das Weinglas reichen könnte. Aber: Zunächst einmal war der Weg bis hierhin lang und „manchmal ein sehr zäher“, wie Seniorchef Holger Stuhr sich erinnert. Ein Weg, der mit Anekdoten gespickt ist. Anekdoten, die zur Zeit ihres Geschehens auch für das ein oder andere Kopfzerbrechen gesorgt haben. So rutschten beispielsweise über 1000 Kubikmeter Erde ungeplant die Böschung herunter, nachdem eine Drainage gelegt worden war.
Auf jeden Fall wird es sich lohnen, so nah an den Kanal heranzurücken. Wenn am Ende des Weges der Kanal breiter, der Umbau des Außengeländes der Gaststätte abgeschlossen ist. Wenn die Böschung sich in neuem pflanzlichen Zierat präsentiert. Wenn vielleicht die Stuhrs ihren Wunsch nach einer Aussichtsplattform umgesetzt und den Parkplatz mit Ladesäulen versehen haben. Und wenn, ja, wenn sie ihren Lindenkrug in Großkönigsförde damit zu einem wahren Geheimtipp für jeden Gourmet und Schiffsliebhaber gemacht haben werden, der es Peter Tamm gleichmachen und den Vorbeiziehenden zuwinken kann.
Schließlich sei es etwas sehr Besonderes, so Steffen Stuhr, wenn die „Cap San Diego“, das heutige Museumsschiff und der ehemalige Stückgutfrachter der Hamburg-Südamerika-Linie, hier vorbeiziehe. Krönen lässt sich dieses Erlebnis mit einem Mahl aus der Küche mit ausschließlich regionalen Produkten.
Nachhaltigkeit wird bei den Stuhrs großgeschrieben. Ihr über 100 Jahre altes Gebäude wird mit Strom aus der hauseigenen Solaranlage versorgt, für die Wärme im Winter sorgt das hauseigene Blockheizkraftwerk. Auch in dieser Hinsicht ist der Lindenkrug in Großkönigsförde ein echter Geheimtipp. So, wer bis hier gelesen hat, dem haben sich jetzt zwei Geheimtipps offenbart. Das dritte und endgültige Geheimnis aber wird sich nur dem lüften, der bei einem Besuch in Großkönigsförde der Wirtin nach der Hauptspeise folgendes Codewort zuflüstert: „Eistorte“.
Ausbau der NOK-Oststrecke
Im November 2025 wurde der erste Ausbauabschnitt der NOKOststrecke für den Verkehr freigegeben. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes lässt die Kanalsohle von aktuell 44 Metern auf mindestens 70 Meter verbreitern und die Radien enger Kurven vergrößern, damit die Schifffahrt diese leichter passieren kann. Die Oststrecke beginnt in Großkönigsförde und endet in Kiel-Holtenau.