Für die SG Flensburg-Handewitt ist eine Saison zu Ende gegangen, die trotz des Gewinns des Europapokals nicht den Ansprüchen des ambitionierten Handball-Clubs entsprach. Im „Hauptjob Bundesliga“ lief man der Musik ab Winter hinter, weil Unruhe im Verein, Verletzungspech und Auswärtsschwäche es verhinderten, in einen Flow zu kommen. Die Konkurrenten waren unter dem Strich klar besser.
21 Siege, fünf Unentschieden, acht Niederlagen - das bedeutet 47:21 Punkte und den fünften Platz. Eine gemessen an den Erwartungen durchwachsene Bilanz. Das gilt auch für die persönliche Erfolgsquote von Ales Pajovic, der seit Februar das Ruder führt. Der Slowene gewann als SG-Trainer 64 Prozent aller Pflichtspiele (16 von 25).
Hier eine Liste der „Baustellen“, die der Flensburger Coach bearbeiten muss, damit es eine erfolgreichere Saison 2025/26 wird:
Mentalität: Es bedarf eines anderen Mindsets besonders in Auswärtsspielen und gegen Teams aus der unteren Tabellenregion. Punktverluste gegen Clubs wie Göppingen, Hamburg oder Bietigheim tun doppelt weh, weil die SG eigentlich die bessere Truppe ist, aber nicht mit 100 Prozent Selbstverständnis zu Werke geht. Die Spieler müssen verstehen, dass sie nicht nur in Partien, wo es gegen Kiel, Berlin oder um einen Titel geht "all in“ gehen müssen.
Konstanz: Die längsten Siegesserien der SG in der Bundesliga betrugen jeweils vier Spiele. Das ist für ein Topteam zu wenig. Zum Vergleich: Magdeburg gewann zuletzt 14 Spiele in Folge. Und Meister Berlin feierte 14 Siege in seinen letzten 15 Bundesliga-Partien. Das Grundniveau der Flensburger war niedriger als das der direkten Konkurrenz.
Abwehr: Mit 1134 erzielten Toren (Schnitt: 33,4) ist der SG-Angriff der zweitstärkste der Liga. Nur Meister Berlin (1197) ist besser. Aber: In der Rubrik „Gegentore“ stehen die Flensburger kurz vor der Abstiegszone. 1028 kassierte Treffer (Schnitt: 30,2) bedeuten unter 18 Mannschaften Rang 14. Das ist auch unter Berücksichtigung einer hohen Angriffs- und Abwehrfrequenz bei SG-Spielen ein alarmierender Wert. Im Spruch „Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Meisterschaften“ steckt viel Wahrheit.
Auswärtsspiele: 29 29 von maximal 34 Punkten in 17 Heimspielen ist eine gute, wenn auch nicht sehr gute Bilanz. Das Flensburger Problem ist eher das Auftreten in der Fremde. 16 Punkte (sechs Niederlagen, vier Unentschieden) ließ die SG auswärts liegen. Damit gewinnt man in der stärksten Handball-Liga der Welt keinen Blumentopf.
Crunchtime: Daran trug eine Sache eine größere Teilschuld: schwache Leistungen und viele Fehler in der Crunchtime. In unschöner Regelmäßigkeit geriet die SG in den Schlussminuten ins Trudeln. Selbst eine Fünf-Tore-Führung fünf Minuten vor dem Abpfiff war kein Ruhekissen für die Fans, die häufig mitansehen mussten, wie eine nervenschwache SG durch unerklärliche Fehler einen oder gar zwei Punkte noch aus der Hand gab.
Hierarchie: In kritischen Phasen, in denen es auf dem Spielfeld nicht rund lief und es stressig wurde, vermisste man bei der SG teilweise einen absoluten Anführer. Einer, der vorangeht, der seine Mitspieler leitet, der das Kommando übernimmt. Pytlick? Zu lange verletzt. Golla? Zu oft mit sich selbst beschäftigt. Kevin Möller? Als Torwart zu weit weg. Mensah? Zu ruhig. Gottfridsson? Zu selten auf der Platte. Und mit dem Weggang vom Letztgenannten wird auch ein Wortführer abseits des Feldes fehlen. Eine Aufgabe von Pajovic wird es sein, Neuzugang Luca Witzke schnell in eine Führungsrolle zu hieven.
Holger Petersen