Die Holmer Fischer sind eine lebende Legende - auch wenn es nur noch drei aktive Fischer im - Haupterwerb gibt. Der Holm ist eine Keimzelle der Stadt Schleswig, hier wird seit Hunderten von Jahren gelebt, gefischt und gesungen. Darüber hat die Holm-Bewohnerin und Fischer-Tochter Marlies Jensen-Leier jetzt ein Buch geschrieben, das Schleswigs Bürgervorsteherin Susanne Ross eine „liebevolle Spurensuche und kulturelle Schatzhebung“ nannte.
Mit 240 Seiten im quadratischen Format, Hardcover, zahlreichen Noten und Liedtexten, sehr vielen alten Fotos, einer DVD und einer CD ist es ein mächtiges, Respekt einflößendes Werk geworden. Man könnte auch sagen„ein dicker Fisch“. Der poetische Titel „Die hier gesungen haben“ gibt einen ersten Hinweis darauf, dass Emotionen eine nicht unerhebliche Rolle bei der Erstellung gespielt haben.
Die Autorin, die zuletzt mit ihrem Buch über das Schleswiger Nachtleben in den 60er Jahren von sich reden machte, stellte ihr neues Werk in der Kirche des St. Johannisklosters vor - nur von ein paar Steinwürfe ihrem Haus und den Häusern der Holmer Fischer entfernt. Für die fundierte Präsentation ihres Buches hatte sie sich den emeritierten Historiker Prof. Uwe Danker ausgesucht, "in alter sozialdemokratischer Verbundenheit“, wie sie in ihrer Rede leise hinzufügte. Vor Jahrzehnten hatte Jenssen-Leier im Büro des früheren SPD-Landesvorsitzenden Björn Engholm gearbeitet, Danker war eine Zeitlang Pressesprecher der SPD-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein.
Passend zur Location begann der Historiker mit dem Schleswig-Holstein-Lied, das in Schleswig komponiert und getextet worden war. Der Komponist Carl Gottlieb Bellmann liegt in Hörweite direkt vor dem Eingang der Kirche begraben. Von „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ spannte Danker den Bogen über den Sängerbund bis hin zum Holmer Sängerchor, dessen Banner im Original aus dem Jahr 1907 hinter ihm stand.
Er verdeutlichte, dass die Sänger und ihr Liedgut im 19. Jahrhundert stark national geprägt waren und sich später schnell und unaufgefordert von den NS-Ideologen vereinnahmen ließen. Das galt auch für die Holmer Fischer, so Danker. Die sangen 1935 live im Radio beim Reichssender Hamburg und 1937 noch einmal in Berlin.
Die Autorin begann poetisch: "Die hier gesungen haben, die vor uns hier lebendig waren, weißt du noch ihren alten Sang, der um das Lindenrund erklang?“ Anlass für dieses Buch sei das bevorstehende 375-Jahr-Jubiläum der Holmer Beliebung, die 1650 nach der Pest gegründet worden war. Natürlich wurde auch schon vor 1904 auf dem Holm gesungen, aber in jenem Jahr wurde der Holmer Sängerchor gegründet. Ein Foto aus dem Jahr 1909 zeigt die „Bannerweihe“. Man sieht nur Männer und liest alle ihre Namen samt den Holmtypischen Ökelnamen, darunter auch ein Heinrich Jensen (Leier). Auch die Autorin hat schon vor langer Zeit ihrem amtlichen Namen den Ökelnamen Leier ihres Vaters (und Großvaters) hinzugefügt.
Man erfährt von der Gründung des Holmer Frauenchors 1950 und dessen schneller Auflösung nur neun Jahre später. Auch der Holmer Häkelbüdelclub wird vorgestellt. Ausführlich schildert Jensen-Leier Gründung, Auflösung und Neugründung der „Stichlinge“, eine Art Holmer Jugendchor, der bis heute existiert, wovon ein Foto der „Stichlinge“ aus dem Jahr 2019 zeugt. Auch die Tänze spielten bei den diversen Feierlichkeiten der Holmer eine große Rolle und werden in dem Buch vorgestellt. So war und ist es Sitte, dass zu Ehren der Toten ein Menuett getanzt wird. Die Totengilde Holmer Beliebung, der Gesang, die Chöre, der Tanz, die Feiern alles gehört zusammen auf dem Holm, und das wird in diesem Buch ganz wunderbar beschrieben. Und ebenso wunderbar passte es, dass die Buchvorstellung in der voll besetzen Kirche von Gesang begleitet wurde. Rechtzeitig zum Jubiläum der Beliebung hat sich der Projektchor „Holmer Sangesfreuden“ der Holmer Beliebung gegründet, und unter der Leitung von Ole Volder Nielsky sang der Chor drei Holmer Klassiker, nämlich „So heiß em op“, „Friedrich und Marie“ und „Fischer werft die Angeln“.
Etwa zwei Drittel des Buches nimmt die Vorstellung der Lieder samt Noten und Texte ein. Jedes Lied wird von der Autorin erläutert, und sie geht ausführlich auf spezielle Platt der das Holmer Fischer ein. Einen Teil ihrer Rede hielt sie sogar auf Platt.
Die beigefügte CD enthält neun Aufnahmen von Liedern sowie zwei Gespräche und eine NDR-Reportage von 1961 und fünf Musikaufnahmen von Tänzen. Die DVD enthält den Film „Die Fischer vom Holm“ aus dem Jahr 1963.
Und Marlies wäre nicht Jensen-Leier, wenn das Buch nicht auch eine dringende Botschaft zum Erhalt unseres Planeten und zur Beendigung aller Kriege enthielte. Anknüpfend an den Appell „Deutschland muss wieder kriegstüchtig werden“ des SPD (!)-Verteidigungsministers Boris Pistorius mahnt sie: „Wir haben weder Zeit noch Geld für Krieg! Wir brauchen all unsere Kräfte und Mittel, um den nachfolgenden Generationen eine lebbare Zukunft zu hinterlassen.“
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