Die Blätter rauschen im Wind, die Steine knirschen unter den Schuhen. In einem Moment bahnen sich die Sonnenstrahlen den Weg durch die Baumkronen, im nächsten ein paar Regentropfen. Das Wetter ist wechselhaft an diesem Juni-Tag - es entspricht der Gemütslage von Jim Gottfridsson. "Hier habe ich mit meiner Frau so viele Stunden verbracht, wir sind so viele Kilometer gegangen. Wir haben hier über alles geredet: die Kinder, den Alltag, unsere Probleme, die Zukunft“, sagt der Schwede und blickt in das satte Grün des Handewitter Walds, der für ihn eine Kraftquelle ist.
Die Zukunft sie löst in Gottfridsson - ambivalente Gefühle aus. Da ist die „riesige Vorfreude“, nach zwölf Jahren bei der SG Flensburg-Handewitt ab Sommer in Ungarn bei Pick Szeged etwas Neues zu erleben. Da ist aber auch eine große Portion Wehmut, den Ort hinter sich zu lassen, an dem er zu einem Weltklasse-Handballer wurde und er eine Familie gründete. "Ich, aber auch meine Frau und meine Kinder - wir werden immer mit Flensburg verbunden sein. Ich liebe den Verein und die Stadt“, sagt der 32-Jährige, der am Sonntag zum 500. und letzten Mal für die SG auf dem Feld stand. In die „Hölle Nord“ lief er gemeinsam mit Tochter Nellie und Sohn Milo ein: „Das war ein spezieller Moment für mich.“
Supercup 2013, Champions League 2014, Pokal 2015, Meisterschaft 2018 und 2019, Supercup 2019, European League 2024 und 2025 - nur Jan Holpert und Lars Christiansen gewannen in der stolzen SG-Geschichte ebenso viele Trophäen wie Gottfridsson. Er ist sich sicher: "Man wird sich an mich erinnern.“ Dafür dürfte ein übergroßes Foto von ihm sorgen, das in der Hall of Fame des Clubs hängen wird, „für den ich meinen Körper geopfert habe“. Zudem bekommt er ein Abschiedsspiel.
Ortswechsel. Auf die Frage, welche drei Orte in Flensburg und Umgebung ihm in all den Jahren besonders viel bedeutet hätten, hatte Gottfridsson neben dem Handewitter Wald die Hafenspitze und das Restaurant Macedonia genannt. „Hier fing alles an“, sagt der 32-Jährige, während er auf den Eingang zum Stammlokal vieler SG-Profis zeigt. „2012, nach meiner Vertragsunterschrift, habe ich hier meinen ersten Abend in Flensburg verbracht.“ Safet, der Wirt, sei damals zu ihm gekommen und habe gemeint: „Du bist die nächste SG-Legende.“ Und Gottfridsson, der aus Ystad in Südschweden stammt, ließ Taten folgen. Aus einem 20-jährigen Rohdiamanten wurde im Laufe der Jahre einer der besten, wenn nicht sogar der beste Mittelmann seiner Zeit. Und das, obwohl mehrere schwere Fußverletzungen die Karriere infrage stellten, als er noch nicht einmal Mitte 20 war.„Es gibt im Leben keinen geraden Weg“, meint der Handballer. "Wichtig ist, dass ich nach meinen Verletzungen immer stärker zurückgekommen bin.“
Auf dem Höhepunkt seines Schaffens wurde Gottfridsson 2021 als wertvollster Bundesliga-Spieler ausgezeichnet und führte Schweden 2022 zum Europameister-Titel. Den Erfolg garnierte die zweite„MVP“-Wahl bei einer EM nach 2018 - das hatten zuvor nur Nikola Karabatic und Ivano Balic geschafft, zwei strahlende Persönlichkeiten des Handballsports.
Veränderter Status nagt am Selbstverständnis
Als solche wird eines Tages auch Gottfridsson eingestuft werden - obwohl das Strahlen in seiner weiteren SG-Zeit ein wenig verblasste. Ein im April 2022 in Schweden veröffentlichtes Interview, in dem er die SG unter Druck setzte und für das er sich später entschuldigte, kostete Kredit im Club und bei den Anhängern.
Vor allem aber zehrte die Entwicklung des Handballs an Gottfridssons Status. Das immer schnellere Spiel verlangte zusehends andere Qualitäten als die des genialen Strippenziehers, der von Saison zu Saison seltener gefragt war. Zudem setzte der Körper Gottfridsson nach all den Jahren in der Knochenmühle Bundesliga häufiger Grenzen. Der Mann, dessen Selbstbild ihn als Anführer einer Mannschaft zeigt, war ersetzbar geworden. „Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, war für mich schwer zu akzeptieren“, gesteht er. Umso größer war vor drei Wochen die Genugtuung, als Gottfridsson beim Europapokal-Triumph in Hamburg noch einmal eine große Rolle einnehmen durfte. „Ich habe gezeigt, dass ich noch große Spiele entscheiden kann“, sagt der Schwede. Ein achter Titel am Ende seiner SG-Ära - darauf hatte Gottfridsson so sehr gehofft, um noch größere Spuren in Flensburg zu hinterlassen.

Und das, so hofft er trotz seiner Ecken und Kanten, „nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch“. Für Trainer und Teamkollegen war es nicht immer leicht, den Rotschopf zu händeln. „Wenn man oben stehen will, herrscht nicht immer Sonnenschein“, meint Gottfridsson. Doch im normalen Leben gab und gibt er sich stets freundlich. Ein Typ, mit dem man auf Augenhöhe reden kann. Was seine Eltern ihm beibrachten, versuche er nun den Kindern zu vermitteln: „Sag' immer hallo, tschüss und danke.“
Die Umzugskartons füllen sich, am 20. Juni schließt Gottfridsson das Kapitel SG, Flensburg, Handewitt. „Ich sage nicht tschüss, sondern auf Wiedersehen“, betont er - davon träumend, irgendwann als Trainer oder in anderer Funktion zurückzukehren. Mindestens Urlaub will er dort machen, wo er als Handballer und Mensch gewachsen ist. „Dann“, sagt er, „gehen wir im Wald spazieren“. Um Kraft zu tanken und zu reden: über die Gegenwart und die Zukunft.
Jannik Schappert