Sie hat Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie studiert. Acht Jahre lang war Dorit Stenke Staatssekretärin und ist seit fast einem halben Jahr Ministerin für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein. Die Redaktion von Mein Ausbildungsstart hat sich mit der Ministerin über die Ausbildung heute und morgen in Schleswig-Holstein unterhalten.
Frau Stenke, Sie sind seit Mai Bildungsministerin des Landes Schleswig-Holstein. Wie fühlen Sie sich in Ihrem neuen Amt?
Das Amt bringt viele Herausforderungen mit sich, wie erwartet. Ich wusste von Anfang an, dass es nicht einfach sein würde. Die aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen erfordern Sparmaßnahmen, auch im Bildungsbereich. Ich bin dennoch guter Dinge, dass wir kreative und neue Wege finden, um den Bildungssektor voranzubringen.
Das Thema Ausbildung ist in diesem Monat gerade besonders aktuell. Wie schätzen Sie die momentane Ausbildungssituation im Land ein?



Die Ausbildungslandschaft ist vielfältig und wir sehen nach wie vor eine gute Nachfrage. Wir schaffen es, junge Menschen für Berufe zu interessieren, insbesondere wenn sie in direkten Kontakt mit den Betrieben kommen. Es ist jedoch nach wie vor so, dass einige Ausbildungsbetriebe ihre Stellen aus Mangel an Bewerbern nicht besetzen können. Einige Branchen, vorwiegend solche mit herausfordernden Arbeitszeiten oder körperlicher Arbeit, stehen vor größeren Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Unser Ziel ist es, diese Lücke zu schließen, zum Beispiel durch gezielte Information und praktische Erfahrungen in den Betrieben.
Welche Maßnahmen werden denn konkret ergriffen, um Ausbildungsberufe attraktiver für junge Menschen zu machen?
Ich möchte das einmal am Thema Pflege beantworten. Wir beobachten, dass sich der Beruf in den letzten Jahren sehr zum Positiven verändert hat, um attraktiver für junge Menschen zu werden. Ein wesentlicher Punkt ist die Generalisierung der Pflegeausbildung, die es den Auszubildenden ermöglicht, in verschiedenen Pflegebereichen wie Kinderkrankenpflege, Intensivmedizin und Altenpflege Erfahrungen zu sammeln, bevor sie sich spezialisieren müssen. Dies entspricht dem Wunsch vieler Jugendlicher nach Flexibilität und der Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und potenziell neu zu orientieren. Das UKSH beispielsweise setzt auf den Einsatz moderner Technologien, wie VR-Brillen und digitale Medien, um die Ausbildung abwechslungsreich und zeitgemäß zu gestalten. Diese Innovationen tragen dazu bei, das Interesse an der Pflegeausbildung zu erhöhen. Ich sehe es als eine unserer Aufgaben an, jungen Menschen die Vielfalt und Dynamik moderner Berufsbilder näherzubringen und ihnen zu zeigen, dass ihre Karrierewege ebenso flexibel und wandelbar sind wie die Welt, in der wir heute leben.
Wie unterstützt das Bildungsministerium die Ausbildung im Land?

Das Ministerium unterstützt die berufliche Orientierung durch eine Vielzahl von Strategien und Programmen. Wir haben seit Jahrzehnten bewährte Konzepte entwickelt, die wir kontinuierlich anpassen und erweitern. Zum Beispiel haben wir berufliche Orientierung direkt in den Unterricht integriert und dafür spezielle Unterrichtsstunden vorgesehen. Das entlastet die Lehrkräfte und ermöglicht es ihnen, sich auf diese wichtigen Prozesse zu konzentrieren. Eine neue Entwicklung sind die Potenzialanalysen, die wir gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit durchgeführt haben. Dabei mussten wir feststellen, dass die Rückmeldungen für Schülerinnen und Schüler der siebten oder achten Klasse oft noch nicht zielführend genug in ihrer beruflichen Orientierung waren. Daher haben wir das Konzept weiterentwickelt und verstärkt Berufscoaches eingebunden, die Jugendliche bei der Ausbildungsplatzsuche und beim Übergang von der Schule in das Berufsleben unterstützen. Wir fördern auch außerschulische Bildungsträger und haben das Angebot freiwilliger Jahre ausgebaut, um jungen Menschen mehr Möglichkeiten zu bieten, sich auszuprobieren und berufliche Erfahrungen zu sammeln. Dazu gehören freiwillige Jahre in sozialen und kulturellen Einrichtungen sowie in Schulen. Zusätzlich haben wir das „Freiwillige Handwerksjahr“ etabliert, das Jugendlichen eine praktische Orientierung bietet. Unser Landeskonzept zur beruflichen Orientierung umfasst zudem Entrepreneurship Education, wo Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, unternehmerische Erfahrungen zu sammeln. Diese Initiativen sind. Teil eines umfassenden Ansatzes, um jungen Menschen eine fundierte Berufsentscheidung zu erleichtern.
Was raten Sie Betrieben, um sich besser bei jungen Menschen zu präsentieren?
Der Schlüssel liegt darin, den Nachwuchs einzuladen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Berufe hautnah zu erleben. Erlebnisse vor Ort, wie Praktika oder Schnuppertage, sind von großem Wert. Unsere Plattform „Praktikums-SH“ dient beispielsweise dazu, Schüler und Betriebe einfacher zusammenzubringen und Hürden abzubauen. Zudem müssen Betriebe den jungen Menschen echte, greifbare Einblicke in ihre Arbeitswelt geben und die Vielfalt und Chancen ihrer Berufe aktiv vermitteln. Also mein Tipp an die Betriebe: Proaktiv sein, das ist, glaube ich, das Wichtigste.
Was denken Sie, ist jungen Menschen heute bei der Berufswahl besonders wichtig?
Viele junge Menschen wünschen sich einen sinnstiftenden Beruf und eine gesunde Work-Life-Balance. Sie möchten etwas bewirken, sei es im Umweltschutz, in der sozialen Arbeit oder in anderen Bereichen, die ihnen wichtig sind. Gleichzeitig sehen wir den Wunsch nach Flexibilität und dem Erhalt persönlicher Freiräume. Berufe, die diese Wünsche berücksichtigen, haben gute Chancen, in Zukunft besonders attraktiv zu sein. Junge Menschen wollen die Welt mitgestalten und daran teilhaben.
Sie haben vorhin über die Herausforderungen gesprochen. Wie sehen Sie die Zukunft der Ausbildung und der Karrieremöglichkeiten für junge Menschen in Schleswig-Holstein?

Ich bin optimistisch. Mit den richtigen Strategien und einer Anpassungsfähigkeit sowohl von Seiten der Ausbildungseinrichtungen als auch der Betriebe können wir die Ausbildung in Schleswig-Holstein auf ein neues Level heben. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Ausbildungswege finden können, die nicht nur den Bedürfnissen der Wirtschaft gerecht werden, sondern auch den individuellen Wünschen und Ambitionen unserer jungen Erwachsenen.
Zum Abschluss: Gibt es einen persönlichen Gedanken, den Sie jungen Menschen heute mit auf den Weg geben möchten?
Ich möchte allen ans Herz legen, dass sie keine Angst davor haben, ihre Grenzen zu erweitern und neue Erfahrungen zu sammeln. Eine Berufswahl muss nicht endgültig sein, und man sollte nie den Mut verlieren, auch ungewohnte Wege zu gehen. Die Zukunft ist formbar, und jeder hat die Chance, aktiv daran mitzuwirken.
//Interview: Julia Voigt