Als Maurer-Azubi einmal für ein paar Wochen in Griechenland beim Bau eines Bürogebäudes mitanpacken oder in Island die Elektrik in einem Einfamilienhaus verlegen? Das Projekt „Berufsbildung ohne Grenzen“ unterstützt jedes Jahr den Handwerkernachwuchs mit einem Stipendium, um für ein paar Wochen im Ausland über den Tellerrand sehen zu können.
Im Studium macht fast jeder ein Auslandssemester, während der Ausbildung ist das eher selten. Genau das will das Projekt „Berufsbildung ohne Grenzen“* seit ein paar Jahren ändern. Celina Niehoff ist Mobilitätsberaterin der Handwerkskammer Flensburg und Projekt-Koordinatorin für Azubis aus dem hohen Norden. In ganz Europa und weit darüber hinaus finden sich Partner des Projekts, darunter Berufs- und Hochschulen. Anlagenmechatroniker, Tischler, Dachdecker und viele weitere Auszubildende der über 150 verschiedenen Handwerksberufe können so Werkstattluft weit weg von zu Hause schnuppern. Ebenso für seltene. Ausbildungsberufe, wie beispielsweise den Keramiker, findet Celina Niehoff einen Platz irgendwo auf der Welt.




„Entweder ist man allein unterwegs oder als Gruppe“, erklärt sie. Die Finanzierung läuft über Erasmus+. Jeder Teilnehmer erhält dafür einen Tagessatz, der sich nach den Lebenshaltungskosten des Ziellandes richtet, sowie einen Kilometerzuschuss. Wer nicht fliegt, sondern mit Bus oder Bahn unterwegsist oder sich ein Auto teilt, der kann zudem die „Green Travel Pauschale“ beantragen. Azubis, die noch keine 18 Jahre alt sind, bekommen eine besondere Betreuung. Wer volljährig ist, macht sich auf eigene Faust auf den Weg.„Wir helfen jedoch bei der Planung und kümmern uns mit um eine Unterkunft.“ Oft werden die Gast-Azubis in Wohnheimen der Partner untergebracht, doch auch bei der Suche nach Ferienwohnungen und Zimmern hilft Celina Niehoff. Einzige Voraussetzung: Teilnehmer müssen mindestens schon im zweiten Lehrjahr sein. Meist sind es die Auszubildenden selbst, die bei der Mobilitätsberaterin anfragen - per Telefon, E-Mail oder SMS.„Hin und wieder kommen die Betriebe auf uns zu. So steigern sie auch die Attraktivität ihres Ausbildungsangebotes“, weiß Celina Niehoff. Für gewöhnlich werden. zwei bis vier Wochen eingeplant, für die der Azubi vom Lehrbetrieb freigestellt wird. „Mit Urlaub hat das allerdings nichts zu tun. Man arbeitet wie zu Hause auch den ganzen Tag. In Spanien beispielsweise kann das bedeuten, dass man erst um 20 Uhr Feierabend hat“, weiß Celina Niehoff.
Angefangen hat das Projekt für die Handwerkskammer Flensburg vor gut fünf Jahren mit einer Handvoll junger Menschen. „Dieses Jahr hoffen wir, die 120-Marke zu knacken“, freut sich die Koordinatorin über die steigende Nachfrage. Die Auszubildenden aus Deutschland lernen, wie unterschiedlich Sicherheitsstandards sein können. Sie erfahren, welche Arbeitsweisen und auch Arbeitszeiten in anderen Ländern üblich sind. Ebenso Sprachbarrieren heißt es zu überwinden. „Da werden Hände und Füße gebraucht“, sagt Celina Niehoff. Auch ihr eigenes Wissen können die Azubis in ihrem Auslandspraktikum weitergeben. „Wir hatten das erst vor kurzem, dass einer unserer Zimmerer-Azubis, der in Norwegen war, eine Technik für weniger Verschnitt zeigen konnte. Der Chef hat das gleich übernommen“, erzählt die Mobilitätsberaterin.
Zukunftspläne für das Projekt „Berufsbildung ohne Grenzen“ gibt es jede Menge, dazu gehört der Aufbau von Kooperationen außerhalb Europas, wie etwa mit Kanada.„Jeder unserer Teilnehmer ist danach wirklich stolz auf das, was er geschafft hat und kommt selbstbewusster und motivierter wieder.“
*„Berufsbildung ohne Grenzen“ ist ein bundesweites Netzwerk zur Förderung von Auslandspraktika in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Gefördert wird die Initiative vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) und dem EU-Bildungsprogramm Erasmus+.