Der Seitenraddampfer „Freya“ zählt zu den bekanntesten Fahrzeugen auf dem Nord-Ostsee-Kanal. Der liebevoll restaurierte Seitenraddampfer blickt dabei auf eine spannende Geschichte zurück. Das Schiff, das einst abgewrackt werden sollte, hat Menschenleben gerettet.
Was für ein prächtiges Schiff! Wenn sich die „Freya“ nähert, bleiben Spaziergänger am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals stehen und staunen. Vorbeifahrende Segler winken von ihren Booten, mächtige Containerschiffe grüßen mit dem Typhon. Schiffe wie die „Freya“ gibt es heute nur noch wenige. Das fast 120 Jahre alte Schiff weckt Emotionen und wird heute man manchem Kanalfan als „maritimer Botschafter des NOK“ betrachtet. Dabei ist es erst seit knapp 23 Jahren zwischen Kiel und Brunsbüttel unterwegs. Wir haben die spannende Geschichte des Schiffes chronologisch nachgezeichnet.
DIE UNGEWÖHNLICHE GESCHICHTE
1904: Die damaligen Auftraggeber für den Bau des Raddampfers legen Wert auf eine gediegene Ausstattung – für die Inneneinrichtung der Ersten Klasse ist nur poliertes Teakholz vorgesehen. An einem anderen Punkt zeigen sich die Bauherren weniger großzügig. Für die „Westerschelde“, wie das neue Schiff getauft wird, ist im Notfall nicht für jeden Passagier und jedes Besatzungsmitglied eine Schwimmweste vorhanden. Darüber beginnen Reeder und Regierungen erst nach dem Untergang der „Titanic“ 1912 zu diskutieren. Und so sind beim Bauantrag für den neuen Raddampfer nur 20 Rettungsgürtel vorgesehen – zehn für die Erste Klasse, zehn für die Zweite.
EIN KÖNIGSPAAR KOMMT AN BORD
1907: Als die niederländische Königin Wilhelmina (1880 bis 1962) und ihr Gemahl Prinz Hendrik (1876 bis 1934) im September zu einem Besuch in die Provinz Zeeland im äußersten Südwesten der Niederlande kommen, wird der fast neue und für seine Zeit sehr moderne Raddampfer für drei Tage zum königlichen Repräsentations-Schiff. Die Geschäfte haben geschlossen, die Kinder schulfrei, und die Zeitung schildert, wie sich die „Westerschelde“ mit der Königin an Bord in weißem Kleid mit weißem Hut unter den Hochrufen der Menschen und der Besatzungen aller Fischerboote der Küste nähert. Prinz Hendrik (geboren als Heinrich zu Mecklenburg-Schwerin) glänzt in der Uniform eines Admirals.


VON DEN AUTOS VERDRÄNGT
1916: Im Ersten Weltkrieg bringt die „Westerschelde“ Flüchtlinge aus dem von deutschen Truppen besetzten Belgien an sichere Orte in die neutralen Niederlande. In späteren Jahren wird der Raddampfer wegen des zunehmenden Autoverkehrs auf seinen angestammten Routen nicht mehr benötigt und 1933 an eine Abwrackwerft verkauft. Bereits zwei Jahre später kann er jedoch weiterveräußert werden. Unter dem Namen „De Zwaan“ (Der Schwan) wird das Schiff als erstes Bunker- und Versorgungsschiff auf dem neu gebauten Juliana-Kanal eingesetzt.
GEHEIMES FLÜCHTLINGS-QUARTIER
Mai 1940: Auf dem Schiff lebt der Eigner-Sohn Kees Zwaans, der die Schiffertochter Elisabeth, genannt Lieske, heiratet. Der Einmarsch deutscher Truppen im Mai 1940 bedeutet für die Niederlande einen tiefen Einschnitt. Jan Zwaans: „Mein Bruder Kees ist von Anfang an in der Widerstandsbewegung engagiert. Er hat mit seiner Frau Lieske Flüchtlingen, verfolgten Juden, abgeschossenen britischen Piloten oder holländischen Jungen, die nicht zum deutschen Arbeitsdienst wollten, geholfen.“
EIN „DOKTOR“ IST DER VERRÄTER
1944: Vierzehn verfolgte Juden versteckt Kees Zwaans im Frühsommer auf seinem Schiff. Tagelang wird zuvor daran gearbeitet, den kalten und lichtlosen Raum im Heck („Het Achteronder“) herzurichten. Lieske Zwaans arbeitet Tag und Nacht daran, für ihre „Gäste“ Mahlzeiten zu kochen, Brote zu backen, Wäsche zu waschen. Neben den Neuankömmlingen sind noch neun Menschen im Bugraum („Het Vooronder“) versteckt, dessen Zugang unter einer schwenkbaren Toilettenschüssel verborgen ist. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ist den Widerstandskämpfern die falsche Identität eines „Doktor de Jong“ entgangen. Der Mann nimmt im Sommer 1944 als angeblich Verfolgter Kontakt zu Kees Zwaans auf, der ihm für zwei Tage auf dem Schiff Unterschlupf bietet. So erfährt der falsche „Doktor“ alle Geheimnisse. Erst als er es wieder verlassen hat – mit einem Fahrrad und einer Armbanduhr als Geschenk – erhält Kees Zwaans die Nachricht, dass es sich um einen vom Widerstand gesuchten Verräter handelt. Es dauert genau zwei Tage, nachdem „Dr. de Jong“ das Schiff verlassen hat, bis eine Razzia deutscher Soldaten stattfindet.



Zu der Zeit sind noch neun Menschen an Bord der „De Zwaan“ versteckt, darunter sechs Mitglieder der jüdischen Familie Wijnperle aus Amsterdam. Die Familie rettet sich durch einen Sprung in einen knietief mit Öl gefüllten Tank im Unterboden des Schiff s vor den Deutschen. In diesem kalten und stickigen Raum, der auf dem Schiff die „Hölle“ genannt wird, harren sie einen ganzen Tag in Dunkelheit und großer Angst aus – sie bleiben unentdeckt.
EMPFANG IM WEISSEN HAUS
1981: Lieske Zwaans erhält von der ehemals auf dem Schiff Verborgenen, Manda Wijnperle, eine Einladung in die Vereinigten Staaten. Die Reise wird von einem Besuch im Weißen Haus und einem Empfang bei Präsident Ronald Reagan gekrönt.
UND WIEDER GERETTET
1986: Die „De Zwaan“ dient weiter als Bunkerschiff und schwimmender Verkaufsladen für Schiffsausrüstung. Bis das Schiff 1985/86 nach über 80 Dienstjahren an eine Abwrackwerft bei Rotterdam verkauft wird. Wijnand Key und sein Sohn Klemens aus Amsterdam, die seit Jahren auf der Suche nach einem historischen Raddampfer sind, hören von diesem Schiff und seiner großen Geschichte. Trotz des Durcheinanders an Bord sind sie begeistert, kaufen das Wrack und lassen auf einer Werft in Amsterdam aus dem Schiffsrumpf wieder einen schmucken Raddampfer entstehen.
KARRIERE ALS RESTAURANT-SCHIFF
1990: Der Raddampfer wird unter dem Namen „De Nederlander“ als Restaurantschiff in Dienst gestellt und zehn Jahre mit großem Erfolg als schwimmendes Restaurant oder zu Charterfahrten im Rotterdamer Hafen eingesetzt.


ALS „FREYA“ AN NORDUND OSTSEE
2000: Viel weiter im Norden, ist ein Reeder tätig, der ebenfalls ein großes Herz für Oldtimer besitzt. Sven Paulsen, Inhaber der Adler-Reederei auf Sylt, kauft im Dezember 1999 den niederländischen Raddampfer, um ihn an Nord- und Ostsee einzusetzen. Das Schiff wird im März 2000 zur Husumer Werft überführt, die es in den heutigen Zustand restauriert. Die feierliche Indienststellung unter neuem Namen findet am 20. April 2000 im Hafen von List auf Sylt statt. Seit dem 27. November 2000 legt die „Freya“ in Kiel ab – vor allem zu Fahrten auf dem Nord-Ostsee-Kanal.
FESTE MÜSSEN GEFEIERT WERDEN
2025: Raddampfer „Freya“ feiert im April 2025 seinen 120. Geburtstag, während die Reederei Adler-Schiffe zur gleichen Zeit 75 Jahre alt wird. Sven Paulsen: „Das wird gefeiert! Unsere Gäste können sich schon auf festliche Jubiläumsfahrten freuen.“ Stefan Lipsky
INFO
Die Freya in Zahlen
Baujahr: 1905
Bauwerft: J. & K. Smit, Kinderdijk
Abmessungen: Der Raddampfer ist 51,6 Meter lang, 11,5 Meter breit und hat einen Tiefgang von 2,3 Meter
Antrieb: 140-PS-Dampfmaschine (plus Dieselmotor)
Geschwindigkeit: 12,5 Knoten Maximal 200 Passagiere können mitfahren.
INFO
Die Geschichte der Reederei
Die Geschichte der Reederei Adler-Schiffe beginnt mit einem kleinen Holzboot. „Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hat mein Großvater Willy mit seinem Boot vor Amrum Gäste vom Hapag-Schiff „Adler“ abgeholt. Nach diesem Schiff benannte er später seinen Kutter,“ erinnert sich Reeder Sven Paulsen, heute Inhaber der Westerländer Reederei mit 450 Mitarbeitern, die mit 30 Fahrgast-Schiffen eines der größten Unternehmen dieser Art in Deutschland ist. Aber nicht nur mit Schiffen verdient die Reederei ihr Geld. Zum Portfolio zählt auch die Sylter Verkehrsgesellschaft (SVG) mit 35 Bussen, darunter sieben Elektrobusse. Zudem investiert Reeder Paulsen in Immobilien, vorzugsweise an den Küsten.