Die Fermate. Ein Punkt und darüber ein Halbkreis. In der Musik ein Zeichen dafür die Note, über die es geschrieben steht, länger auszuhalten, als der Takt es vorgibt. Die Fermate bedeutet einen Bruch im Rhythmus.
Für Ina Brodersen bedeutet sie ein Innehalten - auch im übertragenen Sinn. Eine bewusste Pause, um einmal in sich hinein zu horchen, ob der gewohnte Takt noch zum eigenen Leben passt und um beim Wiedereinsetzen der Musik vielleicht Geschwindigkeit oder Rhythmus zu ändern. Brodersen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen, die alleine nicht mehr weiterwissen, dieses Innehalten zu ermöglichen. Ihnen zu helfen, die eigenen Stärken wieder zu erkennen, das treibt die gebürtige Schleswig-Holsteinerin an.
Es gibt viele Steine, die die Mühle des Alltags ins Stocken bringen können: eine Kündigung, eine Krankheit, die bohrende Frage: Soll das jetzt schon alles gewesen sein? „Es ist so schön zu sehen, wie jemand durch so ein persönliches Nadelöhr hindurchgeht“, sagt sie, „und dann auf der anderen Seite wieder heraustritt mit einem ganz neuen Blick auf das Leben“. Und immer öfter denkst sie auch: Eigentlich müssten viel mehr Menschen diese ganzen Geschichten hören. Das würde Mut machen.
Irgendwann stößt ein Freund, die Mediatorin auf das Projekt eines Dänen: Ronni Abergel publiziert Menschen als offene Bücher. ‚Human Library“ heißt die Bücherei, die er um das Jahr 2000 herum in Kopenhagen eröffnet hat und in der sich Besucher freiwillige menschliche Bücher ausleihen können, die ihnen ihre Geschichte erzählen. Die Idee: durch direkten Austausch Diskriminierung und soziale Ausgrenzung abbauen. Dort erzählt zum Beispiel Ivan seine Geschichte, der zu seinen Höchstzeiten 165 Kilogramm wog und regelmäßig mit Vorurteilen zu kämpfen hat. Auch einen Ex-Häftling oder eine junge Frau kann man dort für ein Gespräch buchen, die erzählt, wie es ist, mit einem drogenabhängigem Vater zu leben. Inzwischen gibt es ähnliche Konzepte bereits in über 80 Ländern und 100 Städten weltweit. Seit 2022 ist Eckernförde nun eine davon.
Ina Brodersen ist begeistert und stürzt sich in die Recherchearbeit. Für sie sind es vor allem zwei Aspekte, die das Format so stark machen: zum einen die Horizonterweiterung - die Auseinandersetzung mit Themen, über die jeder und jede „sofort eine Meinung hat, aber eigentlich gar nichts weiß“, wie Brodersen es sagt. Oder anders gesagt: viele haben eine Meinung von Frauen, die ihre Kinder verlassen. Was tatsächlich dahinter steht, wissen die wenigsten. Der zweite Aspekt ist das Mutmachen. Hautnah von Menschen zu hören, die Krisen gemeistert haben, sei etwas ganz anderes, als nur davon zu lesen. Brodersens „Büchern“ können die Lesenden Fragen stellen - und bekommen sogar Antwort. Wie genau das Konzept umgesetzt werden kann, blieb lange vage - bis Brodersen in Andrea Born, Leiterin der Stadtbücherei Eckernförde, eine Verbündete findet. Gemeinsam stellten die beiden Frauen eine Veranstaltungsreihe auf die Beine und riefen die Eckernförder Version der „Human Library“ während der „,4 langen Nächte“ im November 2022 ins Leben.
Zur ersten Veranstaltung brachte Brodersen für etwa zehn Zuhörende noch fünf „Bücher“ zur Auswahl mit. Später waren es zwei Bücher, das Publikum wuchs. Schnell war klar: Es braucht die Auswahl nicht. Jede einzelne Geschichte ist es wert, gehört zu werden. Als sehr besonders beschreibt die Initiatorin die Stimmung in dem kleinen Raum der Bibliothek, in dem bis zu 45 Menschen Platz finden und der Frau zuhören, die Mann und Kinder verlässt oder Britta Flaig, die mit Anfang 50 an Alzheimer-Demenzerkrankte und seitdem mit der Gewissheit lebt, ihre Erinnerungen zu verlieren. Die „Bücher“ sind so vielfältig wie persönlich. Einmal war eine professionelle Aufräumerin zu Gast, ein anderes Mal ein Mann, der beinahe an einer Sepsis gestorben wäre, und mehr als einmal schon boten die Geschichten auf irgendeine Weise den benötigten Anstoß, um eine eigene Herausforderung zu meistern. Eine gute Stunde lang dauert eine Lesung in der „Human Library“, eine Stunde, die sich wie eine Reise anfühlt, von der man ein Stück weit verändert zurückkehrt. Mit ihrer „Human Library“ schenkt Ina Brodersen Mut und Perspektivwechsel. Sowohl dem Publikum als auch den “Büchern„ die ihre Leben vor Fremden öffnen. Zuerst sei da die Aufregung, später Dankbarkeit für das Interesse und die Wertschätzung am eigenen Leben. Einzige Regel: Diskutiert wird nicht. Es geht ums Zuhören.
Die nächste Veranstaltung findet am 1. Juli um 18.30 Uhr in der Stadtbücherei Eckernförde statt. Die Geschichte: Eine 36-jährige Frauenärztin macht sich mit ihrem Pferd Graziano zu Fuß auf den Weg von Bamberg durch ganz Deutschland nach Eckernförde an der Ostsee. Der Eintritt ist frei, maximal 45 Personen haben Einlass.
brodersen@fermate-beratung.de