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Wissen schafft Zusammenhalt

Weidehaltung achtet das Tierwohl, denn auf der Weide können sie über weite Strecken grasen, auf trockenen, weichen Liegeflächen wiederkäuen und sich an Bäumen und Sträuchern scheuern.

Weidehaltung der Jersey-Rinder auf Gut Lindhof ist akademisch begleitet

Innerhalb wissenschaftlicher Diskussionen ist Gefühl selten anzutreffen. Nur vernünftige Überlegungen führen zu tragfähigen Lösungen, so die landläufige Überzeugung. Das geht auch anders! Auf dem Versuchsgut Lindhof, dem akademischen Hofbetrieb für ökologischen Landbau der Christian-Albrecht Universität zu Kiel, haben die Wissenschaftler einfühlsam die Bedürfnisse und Fähigkeiten von Pflanzen und Tieren beobachtet und wissenschaftlich dokumentiert. Ergebnis: die klimafreundliche Weidehaltung.

„Wir haben uns an altes Wissen erinnert“, erzählt Sabine Mues, Diplom Agraringenieurin und Leiterin vom Lindhof. Zum „alten Wissen“ gehört, dass Rinder ursprünglich Steppentiere sind und tatsächlich auf derselben gegrast haben. Bis etwa in die Mitte der 60er Jahre haben landwirtschaftliche Betriebe als Mischbetriebe mit Ackerbau und Tierhaltung gearbeitet. Die Fruchtfolge auf den Feldern wurde abgewechselt und die Naturräume beobachtet und entsprechend ihren Gegebenheiten bewirtschaftet. Mit der einsetzenden Spezialisierung auf entweder Ackerbau oder Tierhaltung ändert sich dies.

„Die Nutztierhaltung ging in einigen Naturräumen stark zurück“, sagt Sabine Mues. Das hatte Folgen: ökonomische, ökologische und auch gesellschaftspolitische. Wie viele Kinder haben heute noch eine Vorstellung davon, wie Milch ins Glas kommt? Vor diesem Hintergrund lernen Schülerinnen und Schüler altersgerecht bei Hofführungen die verschiedenen Betriebszweige des Gutes (Rinder, Schweine, Hühner, Kartoffeln, Getreide, Futterbau) näher kennen. Anschließend wird das neu erlernte Wissen in Zusammenhang gestellt, indem der gesamte Hofkreislauf den Schülern erkennbar gemacht wird. So soll bei den Schülern das Verständnis einer Kreislaufwirtschaft gefördert werden, wodurch sie weitere Zusammenhänge in der Natur und in der Gesellschaft besser begreifen.

Zu verstehen, dass eines vom anderen abhängt, dass Eins ins Andere greift, lässt Gemeinwohl-Orientierung entstehen und wachsen. Ein Blick auf die Weidehaltung bestätigt dies. So profitieren Natur und Umwelt von Weidehaltung. Kuhfladen sind Lebensräume für viele Insekten. Das sorgt für Artenvielfalt. Durch die Beweidung kann Gründland besonders gut erhalten werden. Grünland speichert mehr Kohlendioxid (CO2), wenn Rinderexkremente und Verbiss durch die Rinder das Wurzelwachstum anregen. „Verbissene“ Pflanzen reagieren mit stärkerem Wachstum, um mehr Nährstoffe aus dem Boden zu holen. Dadurch wird mehr CO2 gebunden.

Auf dem Lindhof wird noch weitergedacht. Der Betrieb wird seit den 90er Jahren ökologisch bewirtschaftet. Das heißt, hier wird nach den Richtlinien der Anbauverbände Bioland und Naturland gewirtschaftet. Dazu gehört die wechselnde Fruchtfolge der Futterpflanzen auf der Weide und speziell der Anbau von Kleegras. Rotklee gehört wie Erbsen oder Wicken zu den Leguminosen. Sie binden Luftstickstoff und verwandeln ihn in für Pflanzen verfügbaren Stickstoff. Als Futtermittel haben diese dann den Vorteil, dass mehr Proteinertrag im Vergleich zum reinen Ackergras produziert wird. Damit mindert sich der Bedarf an Eiweißfuttermittel wie Soja.

Auf dem Versuchsgut wird angebaute der Rotklee zudem mit Bitterkräutern im Anbau ergänzt. Dazu gehören Spitzwegerich, Wegwarte, Weißklee und andere. Die Bitterstoffe unterstützen, ähnlich wie beim Menschen, die Verdauung. Die wiederkäuenden Kühe verschieben einen Teil der Verdauung von ihrem Pansen in den Darm - und: müssen weniger „rülpsen“. Das schont die Umwelt, denn bei jedem Aufstoßen wird Methan-Gas ausgestoßen. Im Jahresdurchschnitt sollen das pro Kuh etwa 100 Kilogramm Methan sein. Die entsprechen 18.000 gefahrenen Autokilometern.

Die Beweidung und der spezielle Anbau darauf haben weitere Vorteile: Weidehaltung achtet das Tierwohl, denn auf der Weide können sie über weite Strecken grasen, auf trockenen, weichen Liegeflächen wiederkäuen und sich an Bäumen und Sträuchern scheuern. Viel Bewegung ist gut für Muskulatur und Gelenke der Tiere. Auf Gut Lindhof werden 100 Jersey-Rinder gehalten. Sie produzieren aus dem Grundfutter, und wenig Kraftfutter, etwa 7500 Kilogramm Milch pro Jahr und pro Kuh. Damit machen sie mehr Milch aus Gras, Silage und Mais als andere Kühe.

Die Milch der Lindhof Rinder ist dank des speziellen Futters und weil die Laktationskurve und Graswachstums-Perioden aneinander angepasst sind, besonders verdaulich für den Menschen, weil ihr Fettsäuremuster bekömmlicher als bei anderer Milch zusammengesetzt ist. Mehr als die Hälfte, der in Schleswig-Holstein produzierten Milch wird übrigens exportiert.

Sabine von Varendorff

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