
Zu den reizvollen Aufgaben der Husumer Nachrichten gehört auch der Blick hinter die Kulissen: Sei es in der Kommunalpolitik, um wichtige Zusammenhänge zu beleuchten, oder einfach dort, wo der normale Leser keinen Zutritt hat, wie beispielsweise in einem der historischen Wohnhäuser von Friedrichstadt.
Wie ein Schlossherr fühlt sich Jan Stümpel, wenn er die alte Holztreppe heruntersteigt, die vom Wohnzimmer in die Buchhandlung führt. Mit seiner Frau Doreen und den drei Kindern lebt und arbeitet er in einem der ältesten Häuser in Friedrichstadt, errichtet in den Jahren 1622 und 1623. Herzog Friedrich III. hatte die Stadt zwischen Eider und Treene gerade gegründet. Das sogenannte Fünf-Giebel-Haus war ein Luxusbau der damaligen Zeit, in dem der herzogliche Statthalter residierte.
Manchmal stehen Touristen vor dem Haus und halten Ausschau nach fünf Giebeln. Stümpel erklärt ihnen dann, dass das Fünf-Giebel-Haus heute drei Häuser sind. Sie grenzen unmittelbar aneinander, ihre Fassaden unterscheiden sich aber. Stümpels Drittel ist saniert und weiß gestrichen. Blickt der Betrachter mit Abstand vom anderen Ufer der Gracht auf die Dächer, sieht er sie dann doch: fünf Giebel, einst ein Ganzes.
Im Buchladen schnackt Stümpel mit den Kunden, man kennt sich in Friedrichstadt. Unter den viereinhalb Meter hohen Decken könnte man sich verloren vorkommen, wären da nicht die Neuerscheinungen, die Postkartenständer, die Sitzecke, der Flügel und die Kronleuchter. Von Doreen Stümpel gemalte Aquarelle an der Wand stehen zum Verkauf. Buchhandlung und Atelier gehen ineinander über.
Im Erdgeschoss der Laden, gleich darüber die Wohnung - die Work-Life-Balance von Jan Stümpel ist nicht ganz ausbalanciert. „Wenn ich mal krank im Bett liege, höre ich alles, was unten passiert. Und wenn ich mir einen Tee machen will, muss ich durch das Geschäft in die Küche.“ Ein Grundriss, wie ihn wohl kein Architekt der Welt mehr zeichnen würde. Mehrfach wurde das Haus ausgebessert und grunderneuert. Die stuckverzierten Türrahmen, der Holzboden, fast die gesamte Ausstattung stammt aus dem 19. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien hier Flüchtlinge untergekommen, berichtet Stümpel, bis zu 80 Familien hätten auf engstem Raum gehaust.
Lange befand sich das Haus im Besitz der Kirche, bis die Stadt es in den 1980er Jahren erwarb, um daraus ein Museum zu machen. Dann ging plötzlich das Geld aus. Anstelle einer Ausstellung zog der Maler Thomas Freund ein, Stümpels Vormieter. Die Stümpels wohnten damals in Seeth, hatten aber einen Keramikladen in derselben Straße. Sie freundeten sich an, tranken gemeinsam nach Feierabend Wein vor dem Fünf-Giebel-Haus. „Ich habe immer gesagt: so müsste man wohnen“, erinnert sich Stümpel. Als der Maler auszog, schlug er die Familie als Nachfolger vor, ohne ihr Wissen.
Kein Zögern bei der Entscheidung
Die damalige Bürgermeisterin unterbreitete ihnen ein Angebot, sie zögerten keine Sekunde. 2014 zogen die Stümpels und ihr Keramikladen ein. Kurz darauf kündigten die Inhaber des einzigen Friedrichstädter Buchladens ihren Ruhestand an. Jan Stümpel, früher Lehrer, fühlte sich berufen und wurde kurzerhand zum Buchhändler. So fand neben der bildenden Kunst seiner Frau auch die Literatur Einzug in das Fünf-Giebel-Haus.
Die Familie musste sich zunächst an einige Umständlichkeiten gewöhnen, die in erster Linie den Umbauten für das nie eröffnete Museum geschuldet sind. Die Küche im Raum hinter dem Buchhandel sollte ein Café werden, erkennbar am noch vorhandenen Durchreichfenster.
Keine Tür, nur ein dickes Seil trennt die Geschäftsräume von der Treppe, die ins Wohn- und Arbeitszimmer führt. Die Decken sind oben etwas niedriger als unten. In Regalen und auf Tischen stehen mehr Bücher als im Laden selbst. Der Blick durchs Fenster geht auf die Gracht. Im Nebenraum hat Doreen Stümpel ihre Keramikwerkstatt mitsamt massiver Brennöfen. Der Charme des Altbaus, er geht auch ins Geld. Zu den Heizkosten sagt Stümpel nur:
„Hier zu wohnen muss man wollen.“ Die doppelverglasten Sprossenfenster sehen zwar gut aus, sie zu putzen sei aber eine tagesfüllende Angelegenheit. Dafür ist ihr Garten im eng bebauten Stadtkern ein Privileg. Ohnehin erläutert Stümpel die Widrigkeiten seines Wohnhauses stets mit einem Lächeln. Ihren Einzug bereut hat die Familie nie. „Ich gehe noch immer jeden Morgen gerne die Treppe herunter“, sagt Stümpel. Marc Dimpfel