Herr Biercher, war Ihr Karriereweg immer geradlinig?
Nein, definitiv nicht. Mein Karriereweg hatte einige Zickzack-Bewegungen. Ich habe meine berufliche Reise in Münster begonnen, bin dann für bessere Aussichten nach Düsseldorf gegangen und nach drei Jahren wieder nach Münster zurückgekehrt. Nach weiteren zwei Jahren erkannte ich, dass ich dort in einer Sackgasse war, was mich schließlich nach Bonn führte. Dort hatte ich das Glück, meinen späteren Mentor zu treffen, der mich sehr gefördert hat und später nach Kiel holte. Mein Karriereweg ist auch von glücklichen Zufällen geprägt.
Wie definieren Sie für sich das Wort „Karriere“ mit nur einem Satz?



Also meine persönliche Übersetzung lautet: Es hat etwas mit Fortkommen und Weiterentwicklung zu tun.
Welchen Berufswunsch hatten Sie in jungen Jahren? Und wie sind Sie schließlich zur Bundesagentur für Arbeit gekommen?
Ursprünglich wollte ich Polizeibeamter werden, inspiriert durch meinen ältesten Bruder, der Polizist war und mich sehr geprägt hat. Leider wurde ich aufgrund eines gesundheitlichen Hindernisses abgelehnt. Es war ein Zufall, dass meine Mutter eine Anzeige entdeckte, in der das Arbeitsamt Nachwuchs suchte. Sie ermutigte mich zur Bewerbung, ehrlich gesagt, schrieb sie die Bewerbung und legte sie mir zur Unterschrift vor. Es erfüllt mich, wenn ich einen Beitrag leisten kann, der für viele Menschen von Bedeutung ist. Bis heute bin ich überzeugt, dass das die richtige Berufswahl für mich war. Für mich kommt Erfolg aus Leidenschaft.
Und wenn man Erfolg hat, stellt sich auch die Karriere ein. Ich habe durch ein duales Studium bei der Bundesagentur von der Pike auf gelernt. Doch lebenslanges Lernen ist der Schlüssel. Ich habe immer aus der Zusammenarbeit mit anderen gelernt. In Beratungen mit arbeitslosen Menschen habe ich viel über verschiedene Lebenswege erfahren. Gespräche mit Unternehmern haben mir neue Perspektiven eröffnet. Mit meinen Kollegen diskutiere ich über verschiedenste Themen und lerne dabei viel. Auch durch den Austausch mit Medienvertretern habe ich gelernt, was ihre Interessen sind und wie die Medienwelt funktioniert. Für mich sind alle Begegnungen mit Menschen eine Gelegenheit zum Lernen.



Würden Sie besonders jungen Menschen raten, auch mal ungewöhnliche Wege zu gehen?
Unbedingt. Der Horizont erweitert sich dadurch erheblich. Eine rein lineare Karriere, die man auch als „Kamin-Karriere“ bezeichnen könnte, kann begrenzend sein. Unterschiedliche Regionen, Mentalitäten und Aufgaben bereichern einen ungemein, fördern das Verständnis für Diversität und eröffnen neue Perspektiven.
Was würden Sie sagen, wie nimmt die Arbeitswelt Lebensläufe mit vielen Stationen wahr? Das lässt sich ja aus verschiedenen Perspektiven sehen.
Ein roter Faden ist wichtig. „Job-Hopping“ macht tatsächlich keinen guten Eindruck. Es sollten klar erkennbare Ziele vorhanden sein. Auf der anderen Seite zeigt Bewegung auch, dass man motiviert ist und sich weiterentwickelt. So richtig pauschal lässt sich das nicht sagen.



Was sagen Sie, als Chef der Agentur für Arbeit Nord, lassen sich in Schleswig-Holstein gute Karrieren machen?
Absolut. Unsere Wirtschaftsstruktur mit kleinen und mittelständischen Unternehmen bietet flache Hierarchien und die Möglichkeit, schnell Verantwortung zu übernehmen. Schleswig-Holstein ist stark in der maritimen Industrie, bei regenerativen Energien und in der Logistik, um nur einige Wirtschaftsbereiche zu nennen.
Was sind wesentliche Faktoren für eine erfolgreiche Karriere?
Leidenschaft und Neugierde sind entscheidend. Menschen zu mögen, das ist für mich die wichtigste Fähigkeit, die man mitbringen sollte. Vor allem dann, wenn man eine Führungsposition anstrebt. Authentizität und soziale Intelligenz spielen ebenfalls eine große Rolle, ebenso wie die Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Stichwort: Fachkräftemangel. Welche Projekte stehen bei der Agentur für Arbeit auf der Agenda?
Wir sind mit einer Vielzahl von Projekten, die unterschiedliche Themenbereiche abdecken, dabei. Ein Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit Verkehrsverbünden im Norden, um das Thema Fachkräftemangel im Schienen- und Busverkehr anzugehen. Mit Partnern wie dem HVV in Hamburg und Nahverkehr Schleswig-Holstein arbeiten wir intensiv zusammen, um Lösungen zu entwickeln. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Erwerbsmigration, für die wir ebenfalls diverse Projekte ins Leben gerufen haben. Zudem bieten wir regelmäßig unser „Ich-bingut-Camp“ an, das Förderschülerinnen und Förderschüler bei der Berufsorientierung unterstützt, in Zusammenarbeit mit der Norddeutschen Gesellschaft für Diakonie.
Und zum Abschluss, was treibt Sie an?
Leidenschaft für das, was ich tue. Die Arbeit erfüllt mich und erlaubt mir, kreativ und neugierig zu bleiben, was ich sehr zu schätzen weiß. // Julia Voigt