Wer Dr. med. Marie Prüßmann das erste Mal trifft, könnte kurz stutzen. Mit ihren strahlend blauen Augen, sonnenblonden langen Haaren und Sportklamotten würde man in ihr eher die Surferin und Weltenbummlerin als Ärztin in Kiel sehenund Marie ist tatsächlich beides.
Geboren ist die heute 43-Jährige in Lübeck, und schon als kleines Mädchen hat sie sich für alles, was den Menschen ausmacht, begeistern können und ihren Vater, von Beruf Arzt, Löcher in den Bauch gefragt. Obwohl sie selbst findet, dass sie ein schüchternes Mädchen war, saß sie gern und oft am Gartenzaun des Elternhauses und ließ keinen Passanten ohne die Fragen nach dem "wer bist du?“ weitergehen.
Dass Marie Medizin studieren wird, war „genetisch bedingt“ für niemanden in der Familie überraschend. „Die größere Verwunderung war die Tatsache, dass ich es auch geschafft habe“, lacht sie. Schule hat sie nie sonderlich interessiert. „Statt guter Noten war mir wichtiger, dass meine Mitschüler ordentlich mit Bleistiften und Radiergummis versorgt sind.“ Trotz einer Realschulempfehlung wird Marie es bis zum Abi schaffen.
Zurück in den hohen Norden

Auf die Zulassung zum Medizinstudium muss sie warten und schiebt ein Freiwilliges Soziales Jahr in München dazwischen. So richtig heimisch wird sie in der bayerischen Hauptstadt nicht. Auch in der Klinik, in der sie ihr Freiwilliges Soziales Jahr macht, kommt sie nicht so richtig an. Immer in Bewegung gehört Sport für Marie zum festen Bestandteil ihres Alltags: „Ich bin vor meiner Unzufriedenheit im Job weggerannt.“ Als sie wegen einer Achillessehnenentzündung nicht mehr laufen kann, fängt sie mit dem Schwimmsport an.
Doch ihre große Leidenschaft ist das Windsurfen. Bald schon bekommt das Küstenmädchen Heimweh. „Ich bin und bleib ein Kind des Meeres“, und so geht es für sie zurück in den Norden nach Rostock.
Sie beginnt die Ausbildung zur Physiotherapeutin, ein Jahr später bekommt sie einen Teilstudienplatz für Medizin im niedersächsischen Göttingen. „Anscheinend hatte ich was falsch angekreuzt, da wollte ich auf keinen Fall hin.“ Zwei Jahre wird sie dennoch dort studieren und in der Klinik arbeiten, so oft es geht, fährt sie mit ihrem Bus, vollgepackt mit Surfmaterial, nach Rostock und macht sich als Windsurferin einen Namen in der Szene. Ihre Erfolge und ihr sonniges Wesen bringen ihr im Wassersport Sponsoren ein. Unter anderem holt sie sich beim „Ocean Jump“ der Kieler Woche den dritten Platz. Doch Profi werden will Marie nicht. „Mir sind zu viele Menschen schnell zu viel. Ich will lieber wissen, wo es Wind gibt, und nicht, wo der nächste Wettkampf stattfindet.“
„Ich kann nicht lange am Schreibtisch sitzen, ich brauche den direkten Kontakt zum Menschen.“
Die Norddeutsche zieht nach Kiel und beendet dort ihr Medizinstudium, macht verschiedene Praktika und reist um die Welt. „Ich kann nicht lange am Schreibtisch sitzen, ich brauche den direkten Kontakt zum Menschen.“


Später verletzt sie sich während des praktischen Medizintertials in Kapstadt beim Wellenreiten und schneidet sich an der Finne eines anderen Surfers eine Sehne am Fuß durch. Eine Verletzung, die sie lange ausbremsen wird. Aus ihrem ursprünglichen Plan Unfallchirurgie wird die Anästhesie. „Da konnte ich mich zwischendurch immer mal hinsetzen.“
Marie schließt die Qualifikation der osteopathischen Medizin an. Sie promoviert und arbeitet eine Zeit lang in verschiedenen Fachbereichen in Kiel und Umgebung. Doch immer unter Zeitdruck, so will die Wahl-Kielerin nicht arbeiten. Sie sammelt Erfahrung als Ärztin in der Intensivmedizin und baut sich nebenberuflich eine eigene Praxis auf, ihr Schwerpunkt liegt auf der funktionellen Medizin. „Für mich heißt das, den Menschen mit seinen ganz eigenen Gesundheitsfaktoren zuzusehen. Schritt für Schritt herauszufinden, welche Gesundheitsgeschichte der Mensch mitbringt, und alle Bereiche der Medizin miteinander zu verbinden.“ So gehören für Marie neben der Ernährungsanalyse, auch die Schlafanalyse und die Betrachtung der Alltagsbewegung dazu. Ebenso unterstützt sie Leistungssportler.
Ein wichtiges Werkzeug ist für die Ärztin eine richtige Atemtechnik zu schulen. Mittlerweile hat sie in Kiel gemeinsam mit einer Kollegin eine, wie Marie sie nennt, „Longevity Klinik“ mit Erfolg eingerichtet. So wie sie es wollte: ohne Wartezimmer, viel Zeit für ihre Patienten und für die Gesundheit. // Julia Voigt