Herr Madsen, beginnen wir gleich mit einer persönlichen Frage: Wie geht es Ihnen in dieser herausfordernden Zeit?
Mir geht es nach wie vor hervorragend. Ich bin gerade mit meiner Familie aufs Land gezogen. Es ist eine völlig neue Erfahrung für mich, in einem Dorf zu leben. Vorher habe ich mehr als 30 Jahre in Großstädten in Deutschland verbracht. Das Landleben hier in Schleswig-Holstein hat seinen ganz eigenen Charme, besonders die Gemeinschaft ist beeindruckend. Beispielsweise kümmern sich meine Nachbarn darum, die Mülltonne heraus- und wieder hereinzustellen, wenn ich es zeitlich nicht schaffe. Auch das zeigt, wie offen und freundlich die Menschen hier sind. In Schleswig-Holstein erlebe ich immer wieder eine Offene-Arme-Mentalität.
Und wie ist Ihre Stimmung aus der Position des Wirtschaftsministers heraus?
Politisch fühle ich mich ebenfalls gut aufgestellt, trotz der vielen globalen Herausforderungen. Wir leben in einer Zeit, in der viel Unruhe herrscht, aber ich sehe das auch als Chance. Es ist jetzt besonders wichtig, dass wir uns auf unsere Stärken besinnen und gemeinsam an einem Strang ziehen. Ich habe es immer so gehandhabt, eher darauf hinzuweisen, was wir können, anstatt uns auf das zu konzentrieren, was wir vermeintlich nicht können. In Deutschland und auf der internationalen Bühne sollten wir aufhören, uns nur auf negative Auseinandersetzungen zu konzentrieren. Wir müssen Wege finden, um konstruktiv gemeinsam voranzukommen, um den Herausforderungen dieser Zeit zu begegnen. Das verlangt Vertrauen und eine positive Haltung.
Sie scheinen optimistisch in die Zukunft zu blicken. Welche Chancen sehen Sie aktuell für Europa und Deutschland?
Ja, ich bin definitiv optimistisch. Die gegenwärtigen globalen Umwälzungen, wie die Veränderungen in den USA, könnten uns als Europäer näher zusammenschweißen. Jetzt ist die Gelegenheit, unsere europäischen Werte zu stärken und neue Allianzen zu bilden, zum Beispiel mit Kanada. Ich denke, wir haben die Möglichkeit, einen positiven Wandel herbeizuführen, wenn wir mutig sind und bereit, Dinge gemeinsam anzugehen. Wir hatten lange Zeit ein friedliches Miteinander. Das ist jetzt leider anders geworden. Aber Angst ist ein ganz schlechter Berater. Wir brauchen mehr Courage. Mehr Mut zum Umsetzen. Dazu gehört aber auch stärkeres Zusammenhalten und eine langfristige Vision.
Lassen Sie uns über den Standort Schleswig-Holstein sprechen: Für welche Karrieremöglichkeiten sind wir hier besonders gut aufgestellt?
Wir haben wunderbare Rahmenbedingungen hier und Schleswig-Holstein bietet eine Fülle an Karrierechancen. Wir sind wirtschaftlich gut aufgestellt, insbesondere durch unsere Investitionen in erneuerbare Energien und innovative Technologien. Unsere hervorragende Infrastruktur, kombiniert mit einer hohen Lebensqualität und einem noch bezahlbaren Leben, macht die Region besonders attraktiv. Wir möchten ein Land für junge Menschen sein, die die Welt verbessern wollen. Unser Fokus auf nachhaltige Technologien und die Nähe zur Natur ziehen viele Fachkräfte an. Wir sind ein moderner und nach vorne blickender Teil Deutschlands. So hat Schleswig-Holstein sich als Zentrum für Windkraftanlagen etabliert und es gibt zahlreiche Unternehmen, die in diesem Sektor tätig sind. Karrieren in der Windenergiebranche, sowohl in der Produktion als auch in der Forschung und Entwicklung, sind hier sehr vielversprechend. Aber auch der Tourismus spielt eine wichtige Rolle, insbesondere entlang der Küstenregionen und in Städten wie Lübeck. Zudem gibt es immer mehr Start-ups und Technologieunternehmen, vor allem im Bereich der digitalen Wirtschaft und der Industrie 4.0. Besonders Städte wie Kiel bieten gute Bedingungen für Karrieren in der IT-Branche oder in innovativen, technologiegetriebenen Unternehmen. Schleswig-Holstein setzt aber auch Maßstäbe bei nachhaltigen Lebensmitteltechnologien. Die Ernährungswirtschaft in Schleswig-Holstein ist breit aufgestellt und eine der größten Branchen des verarbeitenden Gewerbes.
Welche Eigenschaften sind Ihrer Meinung nach notwendig, um im Beruf erfolgreich zu sein?
Die wichtigste Fähigkeit ist, auf sein Herz hören zu können und das zu tun, was das Herz einem sagt. Dadurch wird man in dem, was man tut, sehr erfolgreich. Ebenso wichtig ist es, gut zuhören zu können und sich respektvoll zu begegnen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollten als Team zusammenarbeiten. Teamfähigkeit ist besonders wichtig. Wenn man mit Verstand und Überzeugung arbeitet und in einem Umfeld ist, in dem man sich gegenseitig verständigen kann, kann man darin wirklich gut sein.
Denken Sie, dass der Schleswig-Holsteiner ein guter Unternehmer ist?
Ja, ich glaube, dass die Menschen in Schleswig-Holstein schon seit Urzeiten der Natur ausgeliefert waren und verstanden haben, dass sie als Mannschaft zusammenhalten müssen, um den Herausforderungen zu begegnen. Ich denke, Neugier ist eine wesentliche Eigenschaft des typischen Norddeutschen. Ein neugieriger Mensch ist offen für Lernen und Austausch mit anderen, hinterfragt Gegebenheiten und ist bereit, neue Wege zu erkunden. Die Bereitschaft, durch Türen zu gehen, im übertragenen Sinne Herausforderungen anzunehmen und neue Möglichkeiten zu erkunden, ist entscheidend. Neben Neugier spielen auch Ehrgeiz und Leidenschaft eine wichtige Rolle, um im Leben voranzukommen und Chancen zu ergreifen. Mut ist erforderlich, um diese Chancen anzunehmen, insbesondere bei risikoreichen Vorhaben wie der Gründung eines Unternehmens.
Nicht jeder will seinen Arbeitsplatz alle paar Jahre wechseln. Gibt es heute noch Branchen, die Kontinuität versprechen und - wichtiger - aus Ihrer Sicht auch halten?
In Schleswig-Holstein gibt es einige Branchen, in denen die Arbeitnehmer tendenziell eine längere Betriebszugehörigkeit haben. Laut aktuellen Arbeitsmarktdaten und Untersuchungen zu Arbeitsmobilität und -bindung sind dies oft Branchen, in denen es stabile und langfristige Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Zu diesen gehören neben dem Öffentlichen Dienst und der Verwaltung und vor allem das Gesundheits- und Sozialwesen, die Landwirtschaft und Agrarwirtschaft, aber auch Bildung und Forschung. So bleibt etwa in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder bei sozialen Diensten die Belegschaft in der Regel länger im Unternehmen. Aufgrund der zunehmenden Bedeutung der Gesundheitsversorgung und der Stabilität des Sektors sind hier oft langfristige Arbeitsverhältnisse zu finden. In ländlichen Regionen von Schleswig-Holstein, wo die Landwirtschaft eine bedeutende Rolle spielt, gibt es viele Familienbetriebe, die eine langfristige Arbeitsbindung pflegen. Hier arbeiten viele Mitarbeitende über Jahre hinweg, oft in einem stabilen Arbeitsumfeld.
Ist denn erkennbar, dass gerade jetzt in diesen unsicheren Zeiten weniger Unternehmensgründungen zu verbuchen sind, weniger von diesem Unternehmergeist zu spüren ist?
Wenn wir uns konkret die Statistik anschauen, dann muss ich sagen, ja. Das Umfeld ist natürlich entscheidend dafür. Beispielsweise befinden wir uns derzeit in Zeiten, in denen Banken vielleicht etwas vorsichtiger geworden sind, was die Vergabe von Krediten für neue Geschäftsideen angeht. Dadurch wird es auch schwieriger, ein Unternehmen zu gründen. Zudem sind wir in einem erheblichen Wandel, beispielsweise durch die Einführung neuer Technologien wie KI. Es gibt allerdings auch krisenfeste Branchen, wie etwa die Pflegebranche, wo es relativ wahrscheinlich ist, dass es immer Nachfrage gibt.
Wie empfinden Sie die Stimmung in den Betrieben und welchen Herausforderungen stehen Unternehmer aktuell gegenüber?
Die wirtschaftliche Stimmung in Schleswig-Holstein ist relativ stabil und krisenfest, was auf den hohen Anteil an Klein- und Mittelstandsunternehmen zurückzuführen ist. Dennoch gibt es Herausforderungen, da Schleswig-Holstein weniger internationalisiert und globalisiert ist und daher bei großen globalen Aufschwüngen nur niedrige Wachstumszuwächse verzeichnet. Aktuelle Herausforderungen für die Betriebe sind die multiplen Krisen wie Corona, der Ukraine-Krieg und die Inflation, die zur Sorge in der Bevölkerung beitragen. Zudem stellt die wirtschaftliche Politik der USA, insbesondere die Zölle auf chinesische Produkte, ein Problem dar. Dies könnte zu einem verstärkten Druck durch preiswerte chinesische Produkte auf dem europäischen Markt führen. Einige Maßnahmen, wie das Bewusstmachen der Herkunft von Produkten in Supermärkten, könnten helfen, den Konsum stärker auf europäische Produkte zu lenken und so die lokale Wirtschaft zu unterstützen.
Wenn Sie in Ihr Heimatland Dänemark gucken, können unsere Nachbarn etwas besser als wir?
Es ist die Unternehmenskultur in Dänemark, die besonders ist, denn sie verkörpert eine Mischung aus fortschrittlichen Werten, Vertrauen und Inklusivität. Die dort gelebte Zusammenarbeit, die Selbstbestimmung und das Wohlergehen der Mitarbeitenden führen zu einem hohen Maß an Arbeitszufriedenheit und Produktivität. Und auch eine flache Organisationsstruktur, die Förderung der Work-Life-Balance und die Förderung der Gleichstellung am Arbeitsplatz sind einige der Schlüsselfaktoren, die zu Dänemarks vorbildlicher Unternehmenskultur beitragen. Aberdeutsche Unternehmen lassen sich zunehmend vom dänischen Modell der Unternehmenskultur inspirieren. So gewinnen das Wohlbefinden der Mitarbeitenden, Diversität und nachhaltige Praktiken auch bei uns an Bedeutung.

Ein großes Thema unserer Zeit ist die Künstliche Intelligenz (KI). Was denken Sie, wie wird sie die Unternehmensstruktur auch im Norden verändern?
KI eröffnet viele Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung und Prozessoptimierung. In meinem Ministerium beispielsweise verwenden wir KI-Technologien zur Unterstützung bei Text- und Vortragserstellungen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, um innovative Lösungen hervorzubringen. Allerdings müssen wir sicherstellen, dass die Integration von KI nicht auf Kosten der menschlichen Kreativität und des kritischen Denkens geht. KI kann helfen, Prozesse effizienter und schneller zu machen, doch wir sollten bei aller technologischen Euphorie die menschliche Perspektive nicht aus den Augen verlieren. Wichtig ist, dass wir nachvollziehbare und transparente Prozesse entwickeln, um das Beste aus beiden Welten zu kombinieren.
Wie beeinflusst die Digitalisierung den viel beschriebenen Fachkräftemangel und die Arbeitsprozesse in Unternehmen?
Die Digitalisierung wird oft als Lösung für den Fachkräftemangel gesehen, da sie Arbeits- und Fachkräfteeinsparungen ermöglichen könnte. Es zeigt sich jedoch, dass die Digitalisierung fast jeden Prozess verändert und zu neuen oder veränderten Aufgabenbereichen führt, anstatt einfach Mitarbeiter zu ersetzen. In vielen Unternehmen wird Automatisierung und Robotik eingeführt, was bestehende Mitarbeiter in neuen Rollen wie der Programmierung oder Überwachung von Maschinen einsetzt.
Blicken wir einmal in die Glaskugel. Wo sehen Sie Schleswig-Holstein in zehn Jahren?
In zehn Jahren sehe ich Schleswig-Holstein in einer sehr guten Position. Unsere frühzeitigen Investitionen in erneuerbare Energien und digitale Infrastruktur werden sich auszahlen. Wir werden wirtschaftlich gut aufgestellt sein, da wir als Region von innovativen Technologien und internationalen Verbindungen über den Fehmarnbelt profitieren. Der Tourismus wird weiter florieren, und gemeinsam mit unseren Projekten wie der Batteriezellproduktion nehmen wir eine zentrale Position in Europa ein. Ich bin überzeugt, dass wir in zehn Jahren viele Meilensteine erreicht haben und weiterhin eine der glücklichsten und zufriedensten Regionen Deutschlands