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Markus Biercher im Interview: „Für mich kommt Erfolg aus Leidenschaft“

FOTOS: BUNDESAGENTUR NORD (1), ADOBESTOCK (2), SHUTTERSTOCK (1)

Karriere in Schleswig-Holstein - Gespräch mit dem Chef der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit über Chancen, Herausforderungen, Zusammenarbeit und Wachstum in der Arbeitswelt

Herr Biercher, würden Sie sagen, dass man in Schleswig-Holstein gut Karriere machen kann?

Auf jeden Fall. Die entscheidende Frage ist jedoch: In welchem Bereich möchte man Karriere machen? Schleswig-Holstein bietet eine Unternehmens- und Wirtschaftsstruktur, die stark von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt ist. Solche Unternehmen bieten oft die Chance, schneller Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen selbst zu treffen. Und das ist es auch, was ein Stück weit Karriere ausmacht.

Was verstehen Sie persönlich unter„Karriere machen“? Was treibt Sie an?

Mein Karrieremotor war immer das Streben nach Autonomie. Also auch eigenständig Entscheidungen treffen zu können. Und es gibt ja ganz unterschiedliche persönliche Gründe, die Menschen motivieren, sich beruflich zu engagieren. Für den einen ist es Geld, für die andere ist es vielleicht auch Macht. Für mich heißt es auch, dass man auf meine Erfahrung und meine Kompetenz vertraut. Das halte ich für sehr erstrebenswert.

Welchen Berufswunsch hatten Sie in jungen Jahren? Und wie sind Sie schließlich zur Bundesagentur für Arbeit gekommen?

Ursprünglich wollte ich Polizeibeamter werden, inspiriert durch meinen ältesten Bruder, der Polizist war und mich sehr geprägt hat. Leider wurde ich aufgrund eines gesundheitlichen Hindernisses abgelehnt. Es war ein Zufall, dass meine Mutter eine Anzeige entdeckte, in der das Arbeitsamt Nachwuchs suchte. Sie ermutigte mich zur Bewerbung ehrlich gesagt, schrieb sie die Bewerbung und legte sie mir zur Unterschrift vor. Es erfüllt mich, wenn ich einen Beitrag leisten kann, der für viele Menschen von Bedeutung ist. Bis heute bin ich überzeugt, dass das die richtige Berufswahl für mich war. Für mich kommt Erfolg aus Leidenschaft. 

Und wenn man Erfolg hat, stellt sich auch die Karriere ein. Ich habe durch ein duales Studium bei der Bundesagentur von der Pike auf gelernt. Doch lebenslanges Lernen ist der Schlüssel. Ich habe immer aus der Zusammenarbeit mit anderen gelernt. In Beratungen mit arbeitslosen Menschen habe ich viel über verschiedene Lebenswege erfahren. Gespräche mit Unternehmern haben mir neue Perspektiven eröffnet. Mit meinem Kollegen diskutiere ich über verschiedenste Themen und lerne dabei viel. Auch durch den Austausch mit Medienvertretern habe ich gelernt, was ihre Interessen sind und wie die Medienwelt funktioniert. Für mich sind alle Begegnungen mit Menschen eine Gelegenheit zum Lernen.

Sind lebenslanges Lernen und Veränderung wesentliche Bestandteile Ihrer Karrierephilosophie?

Auf jeden Fall. Ich finde es wichtig, die Bereitschaft und den Willen zu haben, sich ständig weiterzuentwickeln und offen für neue Dinge zu sein. Karriere bedeutet letztendlich auch immer Veränderung, und das kann für manche Menschen herausfordernd sein. Ich selbst bin für den Beruf mehrmals umgezogen und habe meine Familie dabei mitgenommen. Das war für sie nicht immer einfach, aber sie haben mich unterstützt - ein sehr wichtiger Faktor in meiner Karriere.

Welche Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit mit anderen Menschen?

Zusammenarbeit mit anderen ist für mich entscheidend - es ist mein Antrieb. Besonders in den Zeiten der Pandemie wurde mir klar, wie wichtig der persönliche Austausch ist. Im Büro zu sein, aber keinen direkten Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen zu haben, war für mich sehr herausfordernd. Die Möglichkeit, Netzwerke zu knüpfen, zu pflegen und in einen kontinuierlichen Austausch zu treten, hilft enorm bei der eigenen Weiterentwicklung.

Welche Chancen und Branchen sehen Sie in Schleswig-Holstein besonders für junge Menschen?

Wir können in Schleswig-Holstein schon damit punkten, dass wir hier ein gutes Miteinander haben. Das Land bietet eine breite Palette an Chancen, insbesondere in Branchen wie Tourismus und Gesundheitswesen, die in unserer Region stark vertreten sind. Dazu kommt auch eine florierende Medizintechnik-Industrie. Unsere geografische Lage und die hohe Freizeitqualität machen Schleswig-Holstein zu einem attraktiven Ort. Die Nähe zum Wasser und das angenehme Klima sind für viele Menschen ein wichtiger Faktor für die Lebenszufriedenheit. Auch die norddeutsche Mentalität spielt eine Rolle, man hat hier ein anderes, oft entspanntes menschliches Miteinander. Diese Faktoren tragen alle auch zu einem attraktiven Arbeitsumfeld bei.

Wie würden Sie den typischen Unternehmer in Schleswig-Holstein beschreiben?

Ich erlebe die Unternehmer hier als sehr engagiert und mit einer starken Verbundenheit zu Schleswig-Holstein. Sie haben eine echte Leidenschaft für das, was sie tun.

Wie sehen Sie dem Thema Künstliche Intelligenz entgegen? Eine Chance für die Arbeitswelt?

Definitiv. Die KI kann in vielen Bereichen als Unterstützung dienen und uns von Aufgaben entlasten, die durch den demografischen Wandel in Zukunft nicht mehr in gleichem Maße von Menschen erledigt werden können. Doch wir müssen stets sorgsam darauf achten, wie wir KI einsetzen.

Welche Fähigkeiten sind heute in der Arbeitswelt wichtig?

Soft Skills sind von entscheidender Bedeutung. Dazu zählen Kommunikationsfähigkeit, die Fähigkeit, Netzwerke zu knüpfen und Beziehungen zu pflegen. In einer zunehmend komplexen Welt müssen Führungskräfte in der Lage sein, den Fokus auf das Wesentliche zu legen. Entscheidend ist auch Authentizität - sie erlaubt es, aufrichtige und nachhaltige Beziehungen zu pflegen, und das ist etwas, was die KI niemals ersetzen kann. Außerdem können Mentoren und Unterstützer den Weg erheblich erleichtern. Es ist wichtig, von ihnen zu lernen, sowohl in guten als auch in schwierigen Situationen.

Wie hat sich die Arbeitssituation in Schleswig-Holstein seit der Pandemie verändert?

Die Pandemie war nur eines von mehreren einschneidenden Ereignissen in den letzten Jahren, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft verändert haben. Nach der Pandemie folgten der Angriffskrieg in der Ukraine, die Steigerung der Energiekosten und andere wirtschaftliche Herausforderungen wie die Inflation. Diese Faktoren haben neue Bedingungen geschaffen, unter denen wir leben und arbeiten müssen. Doch ich bleibe zuversichtlich, dass sich die wirtschaftliche Lage wieder stabilisieren wird. Die Wirtschaft bewegt sich in Zyklen, und obwohl wir derzeit in einer Delle sind, wird es wieder aufwärtsgehen. Das ist meine ganz feste Überzeugung. 

Welche Herausforderungen sehen Sie langfristig für den Arbeitsmarkt in Schleswig-Holstein?

Die demografische Entwicklung stellt uns vor die größte Herausforderung. Der Arbeits- und Fachkräftemangel wird nicht nur ein vorübergehendes Problem sein. Wir müssen über umfassende Lösungen nachdenken, wie etwa die Anpassung der Lebensarbeitszeit oder die Erhöhung des Arbeitsvolumens. Migration wird ebenfalls ein wichtiger Faktor sein, um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Diese Themen müssen wir proaktiv angehen, um für die Zukunft gewappnet zu sein.

Wie stellt sich denn die Bundesagentur für Arbeit selbst auf? Als Vorbild für andere Unternehmen vielleicht?

Als Arbeitgeber müssen wir uns aktiv darum bemühen, im Wettbewerb um Talente attraktiv zu bleiben und gleichzeitig die Arbeitsmigration zu fördern. Wir bieten flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten und setzen auf eine moderne Führungskultur. Auch die Sicherung von Arbeitsplätzen und die gezielte Weiterbildung, um Menschen auf die sich wandelnden Anforderungen der Arbeitswelt vorzubereiten, sind essenzielle Bestandteile unserer Strategie. Wir haben uns in den letzten Jahren stark weiterentwickelt, wie die Gesellschaft als Ganzes. Früher war das alles sehr viel offizieller, beispielsweise hatten die obersten Führungskräfte bei uns den Titel „Präsident“. Den gibt es zum Glück nicht mehr. Wir arbeiten intensiv daran, als moderner Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. Unsere Mitarbeiter können etwas Sinnstiftendes tun, das dem Gemeinwohl dient. Diese Zufriedenheit ist für viele Menschen einfach wichtig.

Was treibt Sie persönlich an, Herr Biercher, und welche Sie mit? Charaktereigenschaften bringen

Mein primärer Treibstoff ist die Freude an der Interaktion und Zusammenarbeit mit Menschen. Ich empfinde es als bereichernd, woran wir alle gemeinsam arbeiten und lernen können. Ich glaube, ich kann gut kommunizieren, Netzwerke knüpfen und die Bedürfnisse der Menschen erkennen. Diese Fähigkeiten ermöglichen es mir, langfristige Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, was sowohl im Beruf als auch im persönlichen Leben von großem Wert ist.

Und womit stellen Sie sich hin und wieder selbst ein Bein?

Ich bin manchmal ein westfälischer Bollerkopf. Mein Risiko ist, dass ich oft mit der Tür ins Haus falle. Wenn ich irgendwo Fehlentwicklungen sehe, wenn ich Dinge sehe, von denen ich der Meinung bin, dass sie nicht gut sind, dann benenne ich diese manchmal vielleicht zu direkt und nehme meine Mitmenschen nicht ausreichend mit. Aber ich arbeite daran.

Welchen Wunsch haben Sie, sowohl als Familienvater als auch aus Sicht des Agenturchefs?

Der Wunsch, den ich habe, ist immer im Dialog zu bleiben. Ob im familiären Bereich oder im beruflichen Umfeld - stetiger Austausch, Verständnis und Kommunikation sind essenziell. Dieser Dialog ist der Schlüssel zu einem besseren gegenseitigen Verständnis und einer erfolgreichen Zusammenarbeit. In einer sich ständig verändernden Welt ist es unerlässlich, zusammenzuarbeiten und sich kontinuierlich auszutauschen, um Herausforderungen zu meistern und gemeinsam zu wachsen.
// Julia Voigt

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