Ich bin gerannt, ich bin gesprungen und ich bin stehen geblieben… um zu fühlen, wer ich bin und zu wissen, was ich will…“ So lautet eine Zeile aus Johannes Oerdings Song „Hier gehör ich hin“. Ein Bild des Musikers hängt im Flur vor Stefan Gauls Studio und der Text passt zu seinem Leben. Hier, in Wyk, befindet sich die „Heimatstation“ von „Mein Inselradio Föhr“. Der 40-Jährige hat die Räume von einem Föhrer Unternehmer gemietet. Der helle, gepflegte Raum des Studios erinnert an eine Wohnung. Eine Küchenzeile steht bereit, um Gäste und Interviewpartner in großen, samtbezogenen Ohrensesseln mit Kaffee zu versorgen. Die Stimme des gebürtigen Westfalen ist mittlerweile auch weit über die Fahrrinne hinaus bekannt. 2017 zog er mit seiner Frau Valentine von Bielefeld auf die Insel, welche ihm aus Urlauben mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder vertraut und ans Herz gewachsen war.
Die Entscheidung, an der Nordsee zu leben, entsprang dabei einem traurigen Hintergrund. Stefans früh verstorbene Mutter hatte das Meer so geliebt, dass sie unweit von Föhr eine Seebestattung für sich verfügt hatte. Um sich ihr näher zu fühlen, folgte der Älteste ihr in den Norden, was sich zunächst nicht so einfach gestaltete, musste doch zunächst aus der Ferne eine Wohnung gefunden werden. Doch das Leben meinte es ab jetzt gut mit Stefan Gaul. Ein Zuhause wurde nicht nur gefunden, sondern schon bald mit zwei neugeborenen Insulanern geteilt. „Ich habe es nie bereut, hierher zu ziehen. Es ist für mich immer noch etwas ganz Besonderes, auf Föhr leben zu dürfen“, sagt Stefan.
Beruflich führte sein Weg zunächst in den Einzelhandel. Parallel dazu nahmen kreative Ideen in dem lebhaften Westfalen Gestalt an - eine davon: Das Inselradio Föhr, das während der Corona-Pandemie entstand. Zunächst war es ein Hobby, um besonders die Zeit der Lockdowns mit positiver Energie zu füllen.
Wenn man ihn danach fragt, wie Freunde und Familien ihn beschreiben würden, antwortet Stefan spontan: „Verrückt! Eindeutig! Und mutig vielleicht.“ Wer Gaul schon länger kennt, würde wahrscheinlich noch fleißig und kreativ hinzufügen, ungemein freundlich und offen, manchmal auch rotzfrech, dabei aber immer respektvoll und vor allem eines: absolut authentisch. Da kann es dann schon mal passieren, dass der schleswig-holsteinische Ministerpräsident versehentlich geduzt wird, was dieser einfach gutmütig erwiderte.
Das Projekt Inselradio entwickelte schon bald nach seiner Gründung eine eigene Dynamik. „Ich wollte den Insulanern etwas zurückgeben“, resümiert Gaul. Die Liebe zum Radiomachen wuchs beständig und im März 2023 wagte der Wyker einen Quantensprung in die Selbstständigkeit, kündigte sein Arbeitsverhältnis und verdient seitdem den Lebensunterhalt mit „Mein Inselradio Föhr“. Das bedeutet 365 Tage im Jahr Einsatz, rund um die Uhr erreichbar und unterwegs, gefühlt an mehreren Orten gleichzeitig. Ob Politik, Kultur oder Gesellschaftliches: Stefan ist da. „Ich habe noch dreißig Beiträge, die auf Veröffentlichung warten. Schneller geht es einfach nicht.“ Wohl jedem Insulaner ist er mit seinem Mikrofon in der Hand ein inzwischen vertrautes Bild und auch bei unzähligen Urlaubern ist er bekannt und beliebt.

Die Hörerschaft beschränkt sich dabei nicht nur auf Einwohner und Gäste der Insel. Via Internet wird das vielfältige Programm auch in Österreich, der Schweiz und gar den USA gehört. Es gibt mittlerweile eine breite Produktpalette des Radiosenders. Sämtliche Beiträge sind ein Jahr lang in der Mediathek abrufbar. Verschiedene Podcasts ergänzen das Programm, zum Beispiel „Watt'n Schnack“ oder „Klön Tied“ in Zusammenarbeit mit den Tourismusgesellschaften von Föhr und aus Dagebüll. Mit seinem Webmaster Peter Sikoll, der auf Borkum lebt und für das Musikprogramm verantwortlich zeichnet, pflegt Stefan einen engen Kontakt. Er sorgt zudem für die zeitliche Terminierung der Beiträge. Stefans ebenfalls auf dem Festland lebender „Wetterfrosch“ Markus Mösser wird demnächst erstmalig die Insel besuchen. Felix Berz ist als Sprecher die „Station Voice“ und sorgt mit Jingles, Openern, Trailern oder Programmhinweisen für einen hohen Wiedererkennungswert. Trotz der Unterstützung vom Festland bleibt aber die Tatsache, dass Stefan auf der Insel auf sich allein gestellt ist. Längere Abwesenheit - aktuell undenkbar. Auch und besonders wegen des enorm hohen Anspruchs an sich selbst.
Bislang scheute Stefan sich, für seine Beiträge Geld zu verlangen, die für viele Insulaner eine kostenlose Werbung darstellen und gerne auch mal wie selbstverständlich eingefordert werden. „Ich befinde mich in einem Entwicklungsprozess, der mir zeigt: So wie bisher kann ich nicht weitermachen. Ich möchte meine Kinder aufwachsen sehen, mehr Zeit mit ihnen und meiner Frau verbringen. Würde gerne Hobbys nachgehen, meine Kenntnisse der Fotografie vertiefen“, sinniert Stefan. Einziges gemeinsames Ritual mit seiner Frau Valentine ist das morgendliche Frühstück. Aber das soll sich ändern. „Ich schaffe es nicht dauerhaft alleine und möchte jemanden anstellen. Dafür reicht das Geld aber noch nicht ganz.“ In Zukunft wird Stefan also seine Zeit und Kraft zu Recht nicht mehr wahllos verschenken. Außer für diejenigen, die ihm besonders am Herzen liegen: die Hilfebedürftigen und Übersehenen, die rettenden Hände, die manchmal hilflosen Helfer - wie etwa für die deutsche Luftrettung, die seiner Mutter einst während eines Föhr-Urlaubes geholfen hatte. Im vergangenen Jahr initiierte er eine seiner zahlreichen Spendenaktionen und sammelte 2500 Euro für die Einrichtung. Gleichzeitig sorgte er für ein nachhaltiges Erinnerungsstück: Auf Gauls linkem Arm prangt seitdem eine Tätowierung des Rettungshubschraubers Christoph Europa 5. Annette Keisat