Die Urlaubszeit ist dazu da, sich zu erholen und vom Alltag abzuschalten. Aber selbst in der schönsten Zeit des Jahres passieren kleinere oder größere Unglücke und der Weg zu einem Arzt ist unausweichlich. Im Interview erklärt Chefarzt Dr. Thomas Wander (54) von der Inselklinik Föhr-Amrum, wann tatsächlich die Notaufnahme einer Klinik zuständig ist und wann der Hausarzt die richtige Anlaufstelle ist.
Herr Dr. Wander, die Inselklinik Föhr-Amrum ist das kleinste Akutkrankenhaus Deutschlands. Welche Behandlungsbereiche bieten Sie an?
Dr. Wander: Wir haben eine innere und eine chirurgische Abteilung sowie eine Anästhesie und eine zentrale Notaufnahme mit insgesamt 18 stationären Betten. Dem Krankenhaus angegliedert ist außerdem ein medizinisches Versorgungszentrum mit einer Facharztpraxis Chirurgie. Unsere zwei chirurgischen Fachärzte arbeiten dort ambulant, praktisch wie in einer Praxis parallel zum Klinikbetrieb. Und wir haben in der internistischen Ambulanz die Möglichkeit, fachinternistische Fragestellungen auf Überweisung zu bearbeiten.



Von den Patienten werden sie trotz ihrer Größe meist wie ein Festlandshaus höherer Versorgungsstufe in Anspruch genommen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit ganz konkret?
Dr. Wander: Gerade außerhalb unserer Regelarbeitszeit nach 16 Uhr ist das eine tägliche Herausforderung. In der Klinik ist dann nur noch ein kleines Team tätig, das sowohl die stationären Patienten als auch die Notaufnahme betreuen muss. Oftmals müssen sie sich um Erkrankungen oder Verletzungen kümmern, für die eigentlich kein Krankenhaus erforderlich ist. Das bindet enorm viel personelle Kapazitäten.
Dabei gibt es auf Föhr auch eine andere Möglichkeit.
Dr. Wander: Genau. Auf der Insel gibt es einen gut funktionierenden ärztlichen Bereitschaftsdienst – organisiert von den Hausärzten, erreichbar über die Nummer 04681 580058, immer wenn die Praxen geschlossen sind, also abends oder am Wochenende. Aber viele Patienten finden trotzdem primär den Weg in die Notaufnahme. Und das führt bei so einer kleinen Einrichtung dazu, dass wir ständig an der Kapazitätsgrenze arbeiten – mit langen Wartezeiten und auch Unzufriedenheit.


Wann ist man denn ein Fall für die Notaufnahme?
Dr. Wander: Grundsätzlich gilt: Wenn ich ein medizinisches Problem habe, ist der ärztliche Notdienst beziehungsweise der ärztliche Bereitschaftsdienst die erste Anlaufstelle – also die Vertretung der Hausärzte. Wenn ich aber ein akutes Problem habe und denke, ich bin in vitaler Gefahr, dann ist der Rettungsdienst unter der Telefonnummer 112 der richtige Weg. Solange ich mich noch zu Fuß selbst bewegen kann, wäre der Hausarzt oder die Vertretung die richtige Anlaufstelle. Das primäre Anlaufen der Notaufnahme sollte man als Patient eigentlich vermeiden, da diese leichten Fälle in der Notaufnahme zu Wartezeiten führen. Nicht nur hier auf Föhr. Aber es gibt natürlich Ausnahmen: Wenn ich eine offensichtlich große Verletzung habe, kann man sich natürlich auch direkt melden. Sobald wir im Bereich von Knochen-Fehlstellungen nach einem Unfall oder massiven Schmerzen sind, spielt ohnehin der Rettungsdienst wieder eine Rolle.
Andersherum gefragt: Gibt es den klassischen Fall, wo Sie sagen: Das ist was für den Hausarzt, aber nicht für die Notaufnahmen?
Dr. Wander: Ja – die Klassiker sind Bagatellverletzungen wie kleine Schnittwunden oder der Patient hat sich gestoßen und will das begutachten lassen. Oder kleine Fremdkörper wie Splitter oder ein Zeckenbiss. Das kann ohne Probleme der Hausarzt versorgen. Dafür braucht man nicht die Mittel eines Krankenhauses. Und im nicht-chirurgischen Bereich sind es Halsschmerzen, Fieber, Erkältungssymptome, Schmerzen beim Wasserlassen, Harnwegsinfekte – dafür braucht man kein Krankenhaus. Das macht ebenfalls der Hausarzt beziehungsweise der hausärztliche Bereitschaftsdienst. Was nachgelassen hat, sind Patienten, die im Urlaub ihre Medikamente vergessen und ein Rezept benötigen. Das ist besser geworden, da es jetzt das E-Rezept gibt. Da können sie beim Hausarzt anrufen, und der spielt es auf die Karte. Das ist praktisch – das hat echt geholfen.
Sie sind aber nicht nur für Föhr zuständig, Amrum gehört ebenfalls zu Ihrem Einzugsgebiet.
Dr. Wander: Ja, das stimmt. Wobei da eine Selektion dazwischen ist: Auf Amrum haben wir ein großes hausärztliches medizinisches Versorgungszentrum – sehr leistungsstark, mit guten Kollegen – die fangen viel ab. Von Amrum kommt fast kein Patient, ohne dass er vorher dort vorstellig war.
In Zahlen ausgedrückt: Wie groß ist ihr Einzugsgebiet?
Dr. Wander: Rund 9000 Menschen leben fest auf der Insel. Und im Sommer, durch den Tourismus, sind es dann bis zu 30.000 Menschen täglich. Und das merkt man natürlich. 30.000 Menschen ist die Größe einer Kleinstadt. Und wenn man sich anschaut, welche Orte 30.000 Einwohner haben und wie groß deren Krankenhaus ist – dann sind wir natürlich sehr klein dagegen.
Wie viele Behandlungen haben Sie denn pro Jahr?
Dr. Wander: Wir als Standort inklusive unserer ambulanten Einrichtungen machen ungefähr 6000 Behandlungen pro Jahr. Das sind 6000 Patienten, die wir sehen – wobei viele natürlich mehr als einmal kommen. Es wäre also ein Trugschluss zu sagen: 6000, das ist ja super wenig. So einfach ist das nicht.
Text: Armin Struve
Inselklinik Föhr-Amrum
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