
Matthias Nanz ist der letzte Fischer in seiner Familie. Nach ihm wird niemand die jahrhundertealte Tradition fortführen. Ein Gespräch über Veränderung, Tradition und das Leben an der Schlei.
Mit der Fischerei geht es zu Ende. Das zumindest glaubt Matthias Nanz und er muss es wissen, schließlich hat er 40 Jahre lang auf Schlei und Ostsee gefischt. In seiner Familie väterlicherseits waren alle Männer Fischer, seit Hunderten von Jahren. Nanz ist jetzt in Seemannsrente gegangen. Aus seiner Familie ist er der letzte Fischer, mit ihm wird die Tradition enden. Er selbst sieht das gelassen und sagt: „Das macht mir nichts aus, irgendwann ist immer Schluss“. Direkt am Ende der Straße „Fuß am Holm“ in Schleswig bläst der Wind das Wasser der Schlei ruhig und grün vorbei. An ein paar Stegen schaukeln kleine Boote, Netze und Reusen hängen zum Trocknen aus.
Mit einem kräftigen Ruck öffnet Matthias Nanz eine Reuse, die über einem Holzbalken hängt. Sie schaukelt leicht im Wind, die Sonne steht tief und glitzert auf der Schlei. Es riecht nach Fisch und Süßwasser. „Das hier ist eine invasive Art.“ In seiner Hand liegen drei kleine getrocknete Zuiderzeekrabben, er schüttelt sie leicht hin und her. „Die gab es hier früher nicht, als ich mit dem Fischen angefangen habe. Die heimischen Arten, die gibt's alle fast nicht mehr“, sagt er. Die Fischer stören die Neulinge nicht, „die sind Futter für die Aale.“ Trotzdem gebe es generell seit Jahren immer weniger Fisch, so Nanz. „Es wird uns oft suggeriert, dass die Fischerei Schuld hat, am Niedergang der Fischbestände.“ Nanz sei sich sicher, dass das in manchen Regionen auch einer der Gründe sei, jedoch nicht in der Schlei. Vielmehr liege es doch am großen Ganzen: Durch den Klimawandel haben sich Strömungen verändert, du hast hier invasive Arten, die den einheimischen Arten das Leben schwer machen.“ Die Tierwelt habe einfach keine Zeit gehabt, sich richtig auf diese neuen Arten, den Klimawandel und wie er sich auswirkt, einzustellen, sagt Nanz. Mit drei großen Schritten ist er am Anfang seines Stegs angekommen, fasst in ein Netz, das hier ebenfalls im Wind hängt. Mit gekonnten Griffen untersucht er es auf Löcher, seine Arme wirbeln durch die Luft, er knotet es geschickt zusammen, wo eine Öffnung klafft. Matthias Nanz hat jeden Tag gut zu tun, obwohl er in Rente ist. „Vor sieben, acht Jahren habe ich angefangen, mich zu verkleinern“, sagt der 61-Jährige. Netze und Reusen habe er verschenkt oder verkauft, neue besorge er sich seitdem keine mehr. „Wenn ich nichts mehr hab, hab ich nichts mehr. Wenn alle ist, ist alle.“


EIN JAHRHUNDERTE ALTES PRIVILEG
Als Nanz in den 80er Jahren nach der mittleren Reife das Fischerhandwerk lernte, lebten noch über 30 Fischer auf dem Schleswiger Holm. Heute sind es noch sechs. Diese sechs werden die letzten sein, ist sich Nanz sicher: „Da wächst keiner nach, das geht vorbei mit der Fischerei“, sagt er. Sie alle sind Mitglied in der Fischerzunft und müssen auf dem Holm wohnen, wenn sie die Privilegien eines Holm-Fischers genießen wollen. Bereits im 12. Jahrhundert wurde vom dänischen König Christian I. den Einwohnern der Stadt Schleswig das exklusive Rechtgewährt, frei und ungehindert auf der Schlei bis ans Meer und sogar bis zu einer Seemeile über Schleimünde hinaus zu fischen. Dieses Recht gilt heute wie damals „unwiderruflich zu ewigen Zeiten“. Früher in Fischergemeinden organisiert, fingen die Männer gemeinsam große Mengen Fisch. „Das ist jetzt vorbei“, sagt Nanz. Schwankende Fischbestände, strenge Richtlinien und Vorgaben zu Fanggebieten würden den Beruf zusehends unattraktiv machen. Zwei Stege weiter kärchert jemand ein Netz ab, um Ablagerungen an den Maschen loszuwerden. Matthias Nanz schaut rüber, hebt die Hand zum Gruß. „Moin.“ Das Dröhnen des Hochdruckreinigers hallt über das Wasser.
„Kärchern mach‘ ich ja nicht, ich lass' das trocknen, weil da sonst das Material so drunter leidet“, sagt Nanz leise und wendet sich wieder der Arbeit seiner Hände zu. Den getrockneten Kalk, den der Kollege ein paar Meter weiter mit Hochdruck wegzusprühen versucht, streicht Nanz mit festen Handbewegungen von den Maschen. „Das haben wir schon immer so gemacht“, fügt er hinzu. Die Jahre, in denen Nanz zum Fischen raus fuhr, brachten auch technische Neuerungen mit sich. „Moderne Echolote und GPS das gehört heutzutage dazu“, sagt Nanz. „Aber ich hab noch gelernt zu navigieren mithilfe von Landmarken, das ist, wenn der Baum jetzt hinter der Landzunge weg ist, dann kommt da die Kante“, erklärt er und deutet in Richtung andere Uferseite. Den Grund ertaste er mit einer langen Bambusstange, die er immer dabei habe. Und bei Nebel oder schlechter Sicht? „Dann hast du Gefühl“, sagt er.


FISCHEN MIT MINIMALER TECHNIK
„Hier auf der Schlei fische ich wirklich mit minimalster Technik“, sagt Nanz. „Die einzige technische Errungenschaft, die ich aufm Schiff habe, ist ein Handy, damit ich mal telefonieren kann und da ärgere ich mich jedes Mal, wenn mir das wieder ins Wasser fällt“, sagt er, fasst sich an den Kopf und lacht. Anders als für die Kollegen der Hochseefischerei oder in anderen Fischereigebieten hielten sich auch seine finanziellen Ausgaben in Grenzen. Nur fünf Liter Diesel am Tag bräuchten seine 10-PS-Motoren. „Die schmeiße ich mit der Hand an, da ist nichts mit Elektrik und so'n Kram“, sagt er. „Ich fische wirklich noch sowie vor 40 Jahren, als ich angefangen habe.“ Mit Schwung wirft Matthias Nanz das geflickte Netz wieder über den Balken über seinem Kopf. „Ich mache nur noch, worauf ich Lust habe“, sagt er und geht in Richtung einer kleinen Bank, die auf einem neuen Teil des Steges steht.
„Die Brücke haben wir dieses Jahr neu gemacht“, sagt er und setzt sich. Obwohl Nanz in Rente und kein Berufsfischer mehr ist, bedeutet das nicht, dass er keine Fische mehr fängt. „Ich bin jeden zweiten, dritten Tag auf dem Wasser“, sagt er. Für den Eigenbedarf und Freunde dürfe er nämlich noch fangen, das sei das Gute bei der Seemannsrente. „Der Druck ist weg“, sagt er. Täglich Kunden zufriedenzustellen und liefern zu müssen, das falle nun alles weg – so jedoch auch die Einnahmen.

Sorgen habe er deshalb aber keine. „Ich bekomme eine kleine Rente und wenn ich Geld brauche, gehe ich zur Bank und hole mir was“, sagt er. „Ich wusste, dass ich nicht viel kriege, ich habe das Glück gehabt, dass ich vorsorgen konnte, aber ich gebe ja auch kaum etwas aus.“ Den Großteil seiner Mahlzeiten fange sich Nanz sich schließlichselber. „So lange ich kann und darf, fahre ich raus und fange Fisch“, ist er sich sicher. „Was soll ich sonst den ganzen Tag machen?“ Ein Schwarm Stare fliegt vorbei, die Schlei plätschert leise. „Wir haben das schon gut hier“, stellt Nanz fest und überschlägt die Beine. Von hier weg? Das komme für ihn nicht infrage, höchstens mal in den Urlaub. Und eine neue Aufgabe finden? Einen kurzen Moment ist es still, auch der Kärcher ist verstummt. Dann sagt Nanz: „Ne, ich war schon immer ein Fischer und ich werde immer einer bleiben.“ Mahé Crüsemann