Alle Jahre wieder verwandelt sich die Gastronomielandschaft in und um Elmshorn pünktlich zur Faschingszeit in eine Hochburg für Traditionsbewusste. Während andernorts bunte Kostüme im Vordergrund stehen, dreht sich hier alles um eine eher unscheinbare, aber geschmacklich gewaltige Feldfrucht: die Graue Erbse. Längst hat dieser kulinarische Brauch die Stadtgrenzen Elmshorns hinter sich gelassen und ist in die 6 Speisekarten der umliegenden Städte und Gemeinden eingezogen. Wer in diesen Tagen ein herzhaftes Mahl in geselliger Runde genießen möchte, sollte allerdings vorausschauend planen. Da die Gerichte oft nur an wenigen aufeinanderfolgenden Tagen angeboten werden, ist eine rechtzeitige Tischreservierung in den lokalen Gaststätten nahezu unverzichtbar.
Hinter dem vermeintlich einfachen Gericht verbirgt sich eine logistische und zeitliche Herausforderung für die Küchenchefs der Region. Die getrockneten Hülsenfrüchte, die wissenschaftlich als Pisum sativum bezeichnet werden, lassen sich nicht spontan zubereiten. Da sie einen sehr hohen Eiweißgehalt besitzen und im getrockneten Zustand extrem hart sind, müssen sie mindestens einen vollen Tag vor der eigentlichen Verarbeitung eingeweicht werden. Doch damit ist es nicht getan: Nach dem Wasserbad verbringen die Erbsen noch mehrere Stunden auf dem Herd, bis sie schließlich die gewünschte, herrlich weiche Konsistenz erreichen, die die Liebhaber dieses Essens so schätzen. Serviert wird der Klassiker ganz traditionell und deftig mit einer Auswahl an Fleisch und Kochwürsten, begleitet von Salzkartoffeln und der unverzichtbaren Speckstippe.
Die Dimensionen dieses Brauchtums sind beeindruckend. Schätzungen zufolge werden allein im Raum Elmshorn jedes Jahr rund neun Tonnen der getrockneten Kapuzinererbsen verarbeitet. Dabei kalkuliert man pro Gast mit einer Portionsgröße von etwa 150 Gramm der Trockenfrucht. Dass die Erbse heute als Delikatesse gilt, war nicht immer so. In ihrer Hauptanbauregion Osteuropa dient sie aufgrund ihrer Nährstoffdichte überwiegend als hochwertiges Viehfutter. Eine botanische Besonderheit ist zudem ihre namensgebende Farbe. Unmittelbar nach der Ernte sind die Früchte tatsächlich grau, verändern jedoch durch eine ein- bis zweijährige Lagerung ihren Ton ins Bräunliche. Erst nach dieser Reifezeit entwickelt die Erbse bei der Zubereitung ihren charakteristischen, linsenartigen Geschmack.
Der Ursprung dieser kulinarischen Leidenschaft ist tief in der Geschichte Elmshorns verwurzelt, wobei sich um die Entstehung zahlreiche Legenden ranken. Eine der bekanntesten Erzählungen führt zurück in einen besonders entbehrungsreichen und harten Winter. Als die Lebensmittelvorräte der Stadt restlos erschöpft waren, entdeckten die Bürger am Hafen - der sogenannten Kruck - die letzten verbliebenen Vorräte: einige Säcke mit Grauen Erbsen. Diese wurden in der Not gratis an die hungernde Bevölkerung verteilt und retteten die Einwohner über die Fastnachtstage. Als Dank und zur steten Erinnerung an diese Rettung wird die Tradition des gemeinsamen Erbsenessens von den Gastwirten bis heute rund um den Fastnachtsdienstag lebendig gehalten. tiljfa