"Die Nordsee ist kein Meer, das dich warnt“, sagt Andre Wiersig. Für den Extremschwimmer und UN-Botschafter zum Schutz der Meere, der 2024 in mehreren Etappen von Husum nach Sylt schwamm, stellt sie eines der gefährlichsten, weil unberechenbarsten Gewässer der Erde dar. Ein System, das sich ständig neu sortiert. Geringe Wassertiefe, kleine Wellen und flach abfallende Strände lassen besonders während der Sommermonate vergessen, wie rasch Strömungen sich verändern, Sandbänke und Priele sich verschieben und welcher Respekt einem Wechsel der Gezeiten gebührt.
Glücklicherweise sorgen auf Föhr und Amrum, wie an allen deutschen Küsten, gut ausgebildete, ehrenamtliche Rettungsschwimmer der 1913 gegründeten Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) für Sicherheit an den Stränden und dienen jenen als Schutzengel, die in medizinische oder andere Notfälle geraten, sich überschätzen oder schlecht informiert sind.
An verschiedenen Standorten sind diese Idealisten etwa von Mitte Mai bis September zugegen und übernehmen in kleinen Gruppen mit wechselnder Zusammensetzung Verantwortung. Im Austausch für eine Aufwandsentschädigung und Unterkunft kommen in den Sommermonaten Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen. Doch auch eine "feste Mannschaft" ist dauerhaft zugegen, die je nach zeitlicher Kapazität für jeweils meist eine Woche ihre Dienste zur Verfügung stellt.
Nina Friedel ist Gymnasiallehrerin und unterrichtet an der Wyker Eilun Feer Skuul, wo Mathis Dallmann und Emil Werner Schüler sind. Frithjof Borth hat dort gerade sein Abitur gemacht. Eine Vertrautheit der häufig gemeinsam agierenden Gruppe ist spürbar, die Rollen im Alltag sind am Strand irrelevant. Nina kam über das Rettungsschwimmen von Bayern nach Föhr, erstmalig als Achtjährige. Emil zog mit seinen Eltern von Halle an der Saale auf die Insel, Mathis und Frithjof wurden hier geboren.
Während Mathis zehn Jahre lang Wettkampfschwimmer war, sind Frithjof und Emil zusätzlich im Schulsanitätsdienst aktiv. Alle haben bereits im Alter von 14 Jahren ihr Rettungsschwimmabzeichen in Silber absolviert, was als Voraussetzung für den Einsatz im Wasserrettungsdienst gilt. Ergänzt wird dieses durch Erste-Hilfe-Kurse, die spätestens alle zwei Jahre aufgefrischt werden müssen. Alle drei bieten im Hallenschwimmbad Aquaföhr zudem regelmäßig Schwimmtraining an.
Danach gefragt, wie sie angesichts ihres Alters mit der relativ großen Verantwortung umgehen, zucken die jungen Männer schmunzelnd mit den Schultern. "Man sitzt natürlich nicht auf dem Wachturm und denkt darüber nach, für wie viele Menschen man gerade verantwortlich ist“, sagt Mathis. Erfreulicherweise komme es nur selten zu dramatischen Situationen, häufig werde man etwa zur Versorgung von Schnittwunden konsultiert. Immer mal wieder müsse für abgetriebene SUP-Fahrer Sorge getragen werden.
"Besonders belastend empfinde ich die Suche nach Kindern. Die sind aber Gott sei Dank bisher alle wieder zu ihren verängstigten Eltern zurückgekommen“, sagt Nina. Auch psychosoziale Betreuung zählt also zu den Aufgaben eines Rettungsschwimmers. "Kürzlich musste ich eine Familie ermahnen, weil ein Kind einen langen und tiefen. Tunnel bis unter den Strandkorb der Eltern gegraben hat“, erzählt Frithjof. Dies berge große Gefahren und sei grundsätzlich verboten.


Es gibt aber auch lustige Begebenheiten
Sein erster Rettungseinsatz gestaltete sich laut Frithjof folgendermaßen: Ein Kind tauchte offenbar immer wieder auf und unter, die Situation wirkte dramatisch. Im Baywatch-Stil stürzte der junge Föhrer vom Wachturm, rannte von einem Adrenalinschub unterstützt über den Strand und ins Wasser, wo er in ein gegrabenes Loch trat und einen Bauchklatscher hinlegte. Schon einmal unten, entschied er, zu schwimmen. Bei dem Kind angekommen, stellte er fest, dass er an dieser Stelle stehen konnte. Der Junge vor ihm blickte zu ihm hoch und sagte mit heller Stimme: "Ich kann schwimmen. Ich habe ein Bronzeabzeichen."



Die DLRG freut sich über jeden Zuwachs an Rettungsschwimmern
Insgesamt findet auf Föhr eine hervorragende Kooperation zwischen DLRG und Feuerwehr statt, da man mit gebündelten Kräften viel handlungsfähiger ist und Personal- und Materialmangel ausgleichen kann. Auf Amrum arbeitet die DLRG eng mit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) und dem insularen Rettungsdienst zusammen. Um weiterhin Sicherheit an den Stränden zu gewährleisten, freut sich die DLRG über jeden Zuwachs an Rettungsschwimmern. Auch für das laufende Jahr gibt es noch ausreichend freie Plätze. Zwischen 10 und 18 Uhr Gutes tun und in der restlichen Zeit selbst Badegast sein – vielleicht einmal eine Überlegung wert.
Text: Annette Keisat
Baderegeln des DLRG Landesverbandes Schleswig-Holstein
• Ich gehe nur baden, wenn ich mich gut fühle.
• Ich gehe nur baden, wenn mir bei Problemen jemand helfen kann.
• Wenn ich Probleme im Wasser habe, dann rufe ich laut um Hilfe und winke mit den Armen. Ich helfe Anderen, wenn sie im Wasser Probleme haben.
• Ich rufe nie "Hilfe", wenn alles in Ordnung ist.
• Ich sage jemandem Bescheid, wenn ich ins Wasser gehe.
• Ich gehe weder hungrig noch direkt nach dem Essen ins Wasser.
• Ich kühle mich ab, bevor ich ins Wasser gehe.
• Ich bade nur, wo es erlaubt ist und springe nur, wo das Wasser tief und frei ist.
• Ich nehme Rücksicht, renne nicht, schubse nicht und drücke niemanden unter Wasser.
• Schwimmflügel, Luftmatratze und Schwimmtiere sind nicht sicher und schützen nicht vor dem Ertrinken.
• Bei drohendem Gewitter und Starkregen verlasse ich sofort das Wasser.