Auf Sand gebaut? Geologisch betrachtet ist dies nur auf den großen Geestkerninseln Amrum, Föhr und Sylt der Fall, wo auf dem sandhaltigen Geestboden ebenso wie Marschrändern die sogenannten Uthlandfriesischen Häuser zu finden sind, traditionelle und heute heißbegehrte Bauernhäuser. Die Uthlande, zu Deutsch Außenlande, bezeichnen dem nordfriesischen Festland vorgelagerte Inseln, Halligen und Marschen. Über die dänische Grenze hinaus sowie auf den nicht eingedeichten Halligen ist diese gefährdete Art von Gebäuden vertreten, deren Bewohner sich vornehmlich auf Viehzucht und weniger auf Ackerbau konzentrierten. Im südlichen Nordfriesland finden sich die etwas anders aufgeteilten Geestharden-Häuser und auf Eiderstedt riesige sogenannte Haubarge, welche Raum für die Einlagerung größerer Heumengen boten.

Ausgrabungen in den Amrumer und Sylter Dünen belegen eindrucksvoll eine Urform der sogenannten Langhäuser, die auf frühgermanische Besiedelung zurückgeht und jene charakteristische Ständerbauweise zeigt, bei der das mit Reet gedeckte Dach auf einer Konstruktion aus kräftigen Balken auflag, rund 1,50 Meter tief in den Boden eingegraben und auf Feldsteinen ruhend. Diese hatte den Vorteil, dass bei Beschädigungen der Wände, die ursprünglich aus Reet-, Gras- und Heidesoden oder Holz, später aus Ziegelsteinen bestanden, der Rest des Gebäudes intakt blieb. Die Abkehr von der jahrhundertelang bewährten Bauart, die ursprünglich nichts mit Schutz vor Fluten zu tun hatte, bedeutete für die Halligen eine Katastrophe.
Hier, wo sich auf künstlichen Hügeln, den Warften, Häuser zum Schutz vor dem „blanken Hans“ zusammendrängen, fielen bei der Jahrhundertsturmflut im Februar 1825 79 von 339 Häusern dem Meer zum Opfer. 74 der 940 Einwohner ertranken. 223 der verbliebenen Häuser waren so stark beschädigt, dass sie für unbewohnbar erklärt wurden. Die finanzielle Nothilfe des dänischen Königs Friedrich VI. war mit der Forderung verbunden, zur Ständerbauweise zurückzukehren. Hielt man sich daran? Nun ja…
Nach schlimmen Erfahrungen mit der Orkanflut von 1962 wurde bei neugebauten Häusern das Giebeldach auf im Warftboden verankerte Betonpfeiler gesetzt. Sollte also das Mauerwerk zerstört werden, gäbe es noch einen Schutzraum auf den bei extremen Wetterverhältnissen entstehenden Mini-Inseln. Das Holz für die alten Holzkonstruktionen wurde schon im Mittelalter aus Norwegens riesigen Wäldern eingeführt. Auf Amrum und Sylt war häufig erst die Strandung eines Schiffes nötig, um Bauvorhaben, für die es keinerlei Vorschriften gab, umsetzen zu können. In einigen alten Friesenhäusern bestehen die Deckenbalken noch heute aus den Masten verunglückter Segelschiffe.

Die meisten Arbeiten wurden übrigens von den Hausherren selbst ausgeführt – bis in das 19. Jahrhundert hinein fehlte es an klassischen Handwerksberufen. Neben dem Wasser war Feuer eine weitere erhebliche Gefahrenquelle für die schmucken Heime. Im Jahre 1857 vernichtete ein Großbrand etwa die Hälfte der Stadt Wyk und machte 118 Familien obdachlos. Ungünstige Umstände wie Ebbe erschwerten die Rettung der Gebäude und es existierte noch keine freiwillige Feuerwehr, die zur Hilfe hätte eilen können. Sie wurde erst zwölf Jahre später gegründet – nach einem weiteren Inferno, dem viele der zuvor verschont gebliebenen Häuser zum Opfer fielen. Auch der historische Ortskern von Norddorf auf Amrum mit zehn Friesenhäusern wurde 1925 durch einen Brand vernichtet – am gleichen Tag zerstörte eine ebenfalls durch monatelange Trockenheit begünstigte Feuersbrunst in Boldixum auf Föhr sechs Reetdachhäuser.
Das Reet, eine Schilfart, die heute mittlerweile häufig vom ungarischen Plattensee kommt, war ursprünglich mit sogenannten Reepen aus Strandhafer geflochtenen und plattgeklopften Seilen befestigt. Diese wurden häufig von verarmten Witwen, die sich als Tagelöhnerinnen verdingten, hergestellt. Im Falle eines Feuers brannten diese mit und die brennenden „Geschosse“ aus Reet fielen zu Boden. Der spitze Giebel über der Eingangstür hielt diese im Ernstfall frei und ermöglichte einen Fluchtweg. Unter günstigen Bedingungen stellt das Reetdach im Winter einen perfekten Wärmeschutz dar, im Sommer sorgt es für angenehme Kühle in den ursprünglich als Schutz gegen den vorherrschenden Westwind in West-Ost-Richtung errichteten Gebäuden.
Durch eine in alten Häusern häufig zweigeteilte Klönschnacktür, Kunsthandwerk unter einem gemauerten Zierbogen, ließen sich mit Nachbarn und Passanten Neuigkeiten austauschen, Sprossenfenster sorgten für mäßige Beleuchtung in den niedrigen, früher von Tranlampen erhellten Räumen, welche im Winter nur durch sogenannte Belegöfen und ihre ausgebreiteten Kohlen erwärmt wurden. In eine Luke im Giebel über der Eingangstür wurde das geerntete Heu in den Dachbodenraum eingebracht, welcher mit Erstarken des Fremdenverkehrs meist zu Wohnraum umgebaut wurde. Im Zuge dieser Entwicklung wurden viele kunstvolle (DeIfter) Fliesen zerstört, da sie als unmodern galten. Landwirtschaft spielte übrigens in den Zeiten des Walfangs eine untergeordnete Rolle und lebte erst mit dessen Ende und durch die Probleme im Zusammenhang mit den napoleonischen Kriegen deutlich auf.

Alte Friesenhäuser waren in einen Wohn- sowie einen Wirtschaftsteil unterteilt. Durch die gesamte Hausbreite führte vom Eingang ein schmaler Flur, der an einer kleineren Hoftür endete. Während Pferde und Kühe im Wirtschaftsteil untergebracht waren, bestand der Wohnteil aus der Küche, der Wohnstube sowie der guten Stube – dieser sogenannte Pesel wurde nur zu feierlichen Anlässen beheizt – und einer Kammer, die als Wohnraum für eine Magd oder als Aufbewahrungsraum diente. An den inneren, wärmeren Stubenwänden standen sogenannte Alkovenbetten – mit Luken und Gardinen verschließbar und so kurz, dass in ihnen nur halb sitzend geschlafen werden konnte. Mehrere Hausbewohner nutzten dabei ein Bett gemeinsam. Dies schützte im Winter vor Kälte – die „Familienplanung“ aber musste wohl in den Sommermonaten stattfinden. Die historischen Fakten in diesem Text stammen u. a. aus dem Buch „Was man über Friesenhäuser wissen sollte“ von Georg Quedens.
Text und Fotos: Annette Keisat