Ihr Revier ist die Nacht. Sie sind klein, ziemlich selbstbewusst, haben magische Kräfte und lieben alles, was funkelt und glitzert. Seit Jahrhunderten treiben die Oterbaankin ihren Schabernack mit den Insulanern. Viele Föhrer Kinder glauben bis heute an die listigen kleinen Kobolde mit großen Köpfen, dünnen Armen und krummen Beinen, die kurze rote Jacken, grüne Hosen und rote Zipfelmützen tragen.
Die Jungs und Deerns fürchten den mahnenden Satz ihrer Eltern: „Kem'am föör’t jonken tüs, ölers kem a oterbaankin beeft jam uun.“ Aus dem Friesischen übersetzt heißt das: „Kommt vor der Dunkelheit nach Hause, sonst verfolgen euch die Unterirdischen.“ Denn diese treiben bevorzugt in der Nacht ihr Unwesen. Im Dunkeln unter der Erde liegt auch das Zuhause der Oterbaankin, bevorzugt unter jahrhundertealten Grabhügeln haben sie sich ihre Stuben und Schlafplätze eingerichtet. Vor allem unter der großen Hügelgruppe „Triibergem” an der gleichnamigen Straße in Utersum. Ein Zauber liegt bis heute über diesem Ort, besonders in den Zeiten zwischen Tag und Nacht oder an trüben, nebligen Wintertagen. Sind dort. nicht Trippelschritte oder leise Stimmen zu hören? War da nicht ein Schatten? Lugt da nicht eine Zipfelmütze hinter dem Stamm einer Kiefer hervor? Es scheint bis heute so, dass man an diesem geschichtsträchtigen Ort tatsächlich einen echten Oterbaankin treffen kann. Ganz sicher aber die steinernen Skulpturen, die seit vielen Jahren von den Oterbaankin angefertigt werden. Überall im Utersum trifft man auf diese sagenumwobenen kleinen Gestalten. Sie liegen keck auf dem Bauch auf einem Stein, schauen neugierig hinter einem Baumstamm in die Ferne oder blicken uns in der Hocke sitzend frech an. Immer scheinen sie den Schalk im Nacken und einen Schabernack vor Augen zu haben.


Was heute eine magische Bereicherung eines schönen Dorfspaziergangs ist, reicht weit in die Geschichte der Insel-Friesen zurück. In der Vorstellung vieler Föhrer galten Kobolde und Zwerge seit jeher als Verursacher für alles, was man sich nicht erklären konnte – im Guten und Bösen. Wenn also zum Beispiel eine Kuh plötzlich mehr Milch gab, aber auch wenn der Stall abbrannte. Die freundlichen Hausgeister hießen Puken. Eine kleine Schüssel Brei mit einem Klecks Butter reichte als Gabe, um sich ihrer Unterstützung im Alltag sicher zu sein. Ganz anders die Oterbaankin. Sie taten den Menschen nur selten Gutes und hielten sich auch lieber fern von ihnen. Manchmal saßen sie aber plötzlich doch mit am Tisch oder auf einem Boot, das zu einer anderen Insel fuhr. Zum Glück sind die Oterbaankin bestechlich. Allem, was blinkt und funkelt, können sie nicht widerstehen. Um sie freundlich zu stimmen, legten die Föhrer den Zwergen oft eine Münze oder ein blankes Stück Metall abends auf einen Grabhügel. Beides war dann am Morgen verschwunden - ein Brauch, den abergläubische - Friesen bis heute pflegen. Den zuweilen boshaften Zwergen wird bis heute im Namen eines Föhrer Vereins Respekt gezollt. Der „Borigsem Oterbaankin e.V.“ hat sich die Förderung der Heimatpflege und Jugend nicht nur im kleinen Inselort Borgsum auf die Fahnen geschrieben, unter anderem durch die beliebte Friesen-Olympiade.
Die steinernen Oterbaankin können heute als zauberhaftes Souvenir von Föhr mit nach Hause genommen werden. Doch wenn sich dort plötzlich kleinere oder größere Missgeschicke häufen, darf man sich nicht wundern, ein Blick in die mystische Sagenwelt der Insel sollte Warnung genug sein.
Text: Anja Werner