Wer auf den Hof Jerusalem bei Owschlag kommt, spürt sofort: Hier ticken die Uhren anders. Zwischen Wassertränke und Strohballen schnauben sanft fünf Großesel, die scheinbar nur darauf warten, dass jemand ihre weichen Nasen krauelt. Sabine Rathmann (65), Landwirtin, Tierheilpraktikerin und zertifizierte Landschafts- und Naturführerin, nennt sie ihre „lebenden Entschleunigungshelfer“. Seit 2009 bietet sie das ganze Jahr über Eselwanderungen in den Hüttener Bergen an. Im Advent wird daraus etwas ganz Besonderes.

Die Kulisse könnte kaum passender sein: Der Hof heißt Jerusalem, der Nachbarhof Bethlehem. „Das ist natürlich wie gemacht für die Weihnachtszeit“, sagt Rathmann lachend. „Ich musste das gar nicht künstlich aufbauen - das war einfach da.“
Zwischen diesen beiden Höfen starten ihre Adventswanderungen, die aus ihrer Sicht viel besser in die besinnliche Jahreszeit passen als der Lärm der städtischen Weihnachtsmärkte. Wer diese also hinter sich lassen will, findet hier das Gegenteil: Ruhe, Natur, Tiere. Und am Ende leckeren Honigkuchen und heißen Tee, während man den Eseln beim Fressen zuhören kann.
Vom Pferd zum Esel - und dann zur Adventsidee
Dass Sabine Rathmann heute Esel führt, war ein Zufall. Fast 30 Jahre hatte sie Pferde. Schon ihr ganzes Leben hat sie sich aber auch für Kräuter interessiert und wollte Kräuterwanderungen anbieten. Ein Freund schenkte ihr zwei Esel, da diese gut auf solchen Wanderungen begleiten können.
„Wenn du wandern willst, brauchst du Esel“, sagte er damals. Daran erinnert sie sich noch heute ganz genau. Esel wurden ihr Herzensprojekt. „Sie wirken wie Spiegel. Man sieht ihnen beim Denken zu. Und sie zeigen einem, wie man entschleunigt, ohne dass man das plant.“



Fünf sind es aktuell: vier Stuten und ein Wallach, die Älteste ist bereits 32 Jahre alt. „Großesel können 30 bis 40 Jahre alt werden, bei unserer alten Dame Carlotta hoffen wir darauf, dass sie 50 wird.“ Außerdem betont Sabine Rathmann, dass die Tiere die Nähe von Menschen, die Berührungen und die Bewegung wirklich brauchen.
Nicht nur die Menschen nehmen also etwas bei diesen Ausflügen mit. „Das ist hier eine absolute Win-Win-Situation. Die Menschen entspannen, und die Esel genießen: es, unterwegs zu sein.“ Bevor es losgeht, werden die Tiere gestriegelt, man lernt sich kennen und nähert sich an. Vor jeder Wanderung gibt es dieses Ritual.
Die zehn bis fünfzehn Teilnehmer - vom Schulkind bis zum Rentner - putzen die Tiere, streichen über das Fell, sprechen mit ihnen. „Esel sind neugierig und kontaktfreudig. Das ist kein einseitiges Interesse. Sie wollen uns genauso kennenlernen“, sagt Rathmann. Gelaufen wird im flotten Schritt.„Man muss schon eine Stunde gut marschieren können“, stellt die Landschafts- und Naturführerin außerdem klar. Esel seien ganz und gar nicht langsam.
Adventsstimmung mit Tee und Honigkuchen
Der Unterschied zu den normalen Touren zeigt sich am Ende einer jeden Adventswanderung. Sabine Rathmann richtet den Unterstand gemütlich ein, dekoriert, und es duftet nach Tee, nach Gewürzen und nach köstlichem Honigkuchen.

„Der Kuchen ist heiß geliebt“, hat sie festgestellt. Während die Menschen naschen, hört man die Tiere nebenan leise kauen und schnauben. „Das ist der absolute Gegenentwurf zu Weihnachtsmärkten“, sagt Rathmann. „Kein Gedränge, keine Musikbeschallung, keine Hektik. Nur Natur, Tiere und Zeit.“
Und dann ihr Satz, den sie schon hundertmal gesagt hat, aber noch immer mit Überzeugung: „Wenn ein Esel neben dir atmet, geht der Stress einfach weg.“ Gefüttert werden die Tiere, wie es sich für ehemalige Wüstenbewohner gehört: Stroh, Heu, Wasser, Holzanteile für die Verdauung. Grünes kennen sie kaum. „Aber gerade im Advent“, sagt Sabine Rathmann augenzwinkernd, „darf es auch mal ein Stück Apfel oder Möhre geben. So wie wir uns den Honigkuchen gönnen.“
Ruhe, Stroh im Mantel - und ein Lächeln
Dass die Begegnung mit Eseln Eindruck hinterlässt, dafür ist auch Doris Blindow aus Süderfahrenstedt ein Beispiel. Sie bekam vor vielen Jahren eine Eselwanderung geschenkt. Die Tiere haben sie seitdem nicht mehr losgelassen. Inzwischen kommt sie regelmäßig auf den Hof bei Owschlag. „Jetzt helfe ich freiwillig mit. Die Tiere machen einfach glücklich“, findet sie. Sabine Rathmann nickt. „Genau das ist es: Wer hier weggeht, nimmt etwas mit. Meistens Ruhe. Manchmal Stroh im Mantel. Und fast immer ein Lächeln.“ Britta Bünger
Adventswanderungen mit Großeseln unter dem Motto „Von Bethlehem nach Jerusalem“ werden in Owschlag am 29. und 30. November sowie immer samstags und sonntags im Dezember angeboten - letzter Termin ist der 21. Dezember (4. Advent).
Kontakt: Telefon: 04353 9987866, E-Mail: sabinerathmann@gmx.de; Homepage: https://eselwandern.wordpress.com