In Schleswigs Gärten und Vorgärten stößt man häufig auf ihn: den Hausbaum, oft beeindruckend freistehend, manchmal imposant, mit eigener Persönlichkeit und fast immer verbunden mit der Geschichte des Hauses oder seiner Bewohner. Denn gepflanzt wurde er gern zum Einzug ins neue Domizil oder zur Geburt oder Taufe eines Kindes. Anlässlich einer Hochzeit oder eines anderen Ereignisses von Rang.
Viele Menschen glauben, dass Hausbäume mit ihrer eigenen Geschichte auf besondere Weise mit den Bewohnern des Hauses verbunden sind. Unseren Vorfahren dienten sie als Schutz vor Unheil und bösen Geistern, und damals wie heute symbolisieren sie Sicherheit und Bodenständigkeit. In dieser Reihe werden wir uns mit den Hausbäumen in Schleswigs Gärten und Vorgärten beschäftigen.
Der Ami und die Schönheit aus dem Norden
Beginnen wollen wir an der Rennkoppel, am Rande des Pöhler Geheges, eines Waldgebiets im Norden Schleswigs. Um den Beginn der sechziger Jahre herum wurden hier die ersten Einfamilienhäuser gebaut, so auch das Haus der Familie Wessin, zum Walde hin gelegen. Kurz nach Anlage des Gartens "fand“ das Ehepaar, so wurde es in der Familie erzählt, auf einem Spaziergang im angrenzenden Tiergarten eine rotlaubige Blutbuche. Unübersehbar in einem Feld von tiefgrünen Rotbuchenschösslingen, sprang ihnen das Pflänzchen aufgrund der Farbe seiner dunkelroten Blätter sofort ins Auge und fand so seinen Weg auf das Grundstück an der Rennkoppel.
Die Blutbuche macht sich breit
Gepflanzt auf „grüner Wiese“, einem recht großen Grundstück mit Haus und Garage, konnte sich die Blutbuche am Waldesrand trefflich einrichten. Buchen findet man als Hausbäume eher selten, denn wenn man ihnen genügend Platz einräumt, wachsen sie zu mächtigen Bäumen heran, deren Kronen fast genauso breit wie hoch sind. Freistehende Exemplare erreichen mit ihren waagerechten Ästen einen Kronendurchmesser bis 25 Meter - in Bodennähe.
Man freute sich über den Anblick eines freistehenden Solitärs
So ganz bewusst war man sich dessen seinerzeit an der Rennkoppel wohl nicht. Nach verhaltenem Höhenwachstum in den ersten 20 Jahren legte die relativ freistehende Blutbuche aus, und zwar gewaltig.
Doch man freute sich an dem gefälligen Anblick eines freistehenden Solitärs, nun schon halb so breit wie das Grundstück, mit seinen bordeaux- bis schwarzrotfarbenen Blättern. Lediglich sehr tief hängende Zweige wurden hin und wieder zurückgeschnitten. Doch die Blutbuche blieb trotz ihres beeindruckenden Auftritts nicht allein. Als sie die 30 erreichte, kam nämlich Besuch aus Amerika - und blieb.
Kay Wessin
Die Blutbuche
Sie kann bis zu 300 Jahre alt werden
Die Blutbuche ist eine Mutation der Rotbuche. Die Rotfärbung der Blätter ist auf das Fehlen eines Enzyms zurückzuführen, sodass ein Pflanzenfarbstoff nicht mehr abgebaut wird und die Blätter bis zum Herbst matt schwarzrot gefärbt bleiben. Diese Mutation tritt in der Natur immer wieder auf. Rotbuchen gehören zu den wenigen Laubbäumen, die ein stattliches Alter von bis zu 300 Jahren erreichen können.