Mal Hand aufs Herz? Schon einmal hinterfragt, warum denn nun ein Hase und nicht ordnungsgemäß ein Huhn zu Ostern die Eier bringt? Wahrscheinlich nicht. Denn von Kindesbeinen an werden zum Osterfest Naturgesetze einfach ausgehebelt, ohne weitere Diskussion und das schon seit Jahrhunderten. Im Jahr 1682 wird der Brauch erstmals in einer Abhandlung erwähnt: Der Mediziner Georg Franck von Franckenau beschreibt das Phänomen, dass der Osterhase Eier versteckt - und nennt es „eine Fabel, die man Simplen und Kindern aufbindet“. -
Um den Ursprung des langohrigen Tieres als Eierlieferant ranken sich seither zahlreiche Geschichten. „Es gibt drei Hypothesen in der Brauchtumsforschung“, erläutert Volkskundler Rainer Wehse von der Ludwig-Maximilians-Universität München. So könnte der Deutschen liebster Osterbrauch das Resultat einer verunglückten Osterleckerei sein. „Es ist möglich, dass ein missratenes Lammgebäck an Ostern eher nach einem Hasen ausgesehen hat und daraus der Osterhase entstanden ist“, sagt Wehse.
Auch aus dem sogenannten Drei-Hasen-Bild könnte der Brauch hervorgegangen sein. Dabei sind drei Hasen so im Kreis angeordnet, dass ihre Ohren in der Mitte ein Dreieck ergeben. Dieses Bild sei vermutlich schon sehr früh als Symbol der christlichen Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist auf Eier gemalt worden, erklärt der Forscher. Das Motiv ist auch am Paderborner Dom zu sehen, als „Drei-Hasen-Fenster“.
Eine dritte Erklärung hält Wehse dagegen für wenig wahrscheinlich: Manche Wissenschaftler gingen davon aus, dass ein mit Eiern unterlegter Hasenbraten an Ostern den Anfang der Osterhasen-Tradition darstellt. Mit einem weit verbreiteten Glauben räumt der Forscher auf: „Obwohl sich Hasen in der Zeit um Ostern stark vermehren, ist der Osterhase kein Fruchtbarkeitssymbol.“ Dasselbe gilt auch für die vom Osterhasen gelieferte Ware. Denn dass an Ostern Eier gegessen werden, habe ebenfalls nichts mit der Fruchtbarkeitssymbolik zu tun. Der Ursprung liege in rein praktischen Gründen.
„Als tierisches Produkt waren Eier in der Fastenzeit seit dem 7. oder 8. Jahrhundert verboten. Da die Hennen deswegen aber nicht mit dem Legen aufgehört haben, mussten die Eier anschließend einfach dringend weg“, sagt Wehse.
Regional kamen die Ostereier nicht immer vom Hasen. Bis in die 1930er-Jahre hinein musste sich Meister Lampe starker Konkurrenz erwehren: Je nach Gegend waren auch der Fuchs, der Hahn, der Kuckuck, der Storch oder sogar das Christkind oder der Nikolaus als Eier-Lieferant aktiv.
Der Osterhase gewann im Laufe des 19. Jahrhunderts deutschlandweit an großer Popularität. Zuckerbäcker trugen zu seiner Verbreitung bei, indem sie süßes Hasengebäck herstellten. „Der Osterhasenbrauch wurde vor allem von bürgerlichen Familien in städtischen Räumen weitergetragen“, sagt Volkskundlerin Dagmar Hänel vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte im Rheinland.
„Später machten dann niedliche Bilderbücher wie „Die Häschenschule„ den Hasen beliebt“. Der deutsche Osterhase ist aufgrund seiner biologischen Fähigkeiten auch im internationalen Vergleich ein echtes Unikat. „Es gibt zwar auch im angelsächsischen Raum das Easter Bunny, das auf den Osterhasen zurückgeht. Aber nur der deutsche Osterhase kann Eier selbst legen“, sagt Wehse. Noch viel älter als der Osterhase ist der Brauch des Eierfärbens. Für die Speisenweihe, die noch heute bei Katholiken verbreitet ist, wurden die Eier schon im 13. Jahrhundert bemalt. Damals kamen sie aber noch vom Huhn und nicht vom Hasen.
Julia Voigt