Erika Duncan drückt einfach mal ein Auge zu: Zwar hat sie seit rund zehn Minuten Feierabend, aber mit den beiden Touristen aus der Nähe von Stuttgart hat sie ein bisschen Mitleid. Die zwei sind nur an diesem Tag auf Amrum – und jetzt verpassen sie knapp die Hauptattraktion der Insel?
„Rauf mit Ihnen!“ Mit einer einladenden Handbewegung schickt sie das Ehepaar zur steilen, gemauerten Treppe, die zum Nebeler Leuchtturm führt. Vorher hat sie noch schnell die fälligen 3,50 Euro pro Person für die Turmbesichtigung kassiert und sich die Gästekarten zeigen lassen. Mit dem Abschließen muss sie sowieso noch warten, bis eine Schulklasse aus Hamburg wieder vollzählig am Fuß des Leuchtturms angekommen ist.
Ein paar Minuten später sind die 20 kleinen Hamburger unten, je nach Temperament die 125 Stufen vom Turm bis zum Eingangsbereich heruntergerannt, gehüpft oder geschlurft. Erika Duncan schließt das kleine Kassenhäuschen und macht sich mit ihrem Schlüsselbund auf den Weg. „Manchmal nehm' ich die Treppen, manchmal geh' ich außen herum“, sagt die über 70-Jährige, die ihr genaues Alter für sich behält. Sie kennt sich aus mit Höhenmetern: in Oberbayern geboren, Jahrzehnte ihres Lebens in Bayern verbracht. Sie ist geübt im Bergwandern.


Jetzt hat sie die Berge gegen die Nordsee getauscht. Seit Anfang April, Saisonbeginn, ist Erika Duncan Leuchtturmwärterin in Nebel. Lange geplant war dieser Schritt nicht: Als eine Freundin an einem Malkurs auf Sylt teilnehmen will, erwacht in der Frau aus Bayern die alte Nordsee-Liebe. Früher war sie häufiger in Ostfriesland im Urlaub, zweimal auch auf Amrum. Seit fast zehn Jahren ist sie im Ruhestand, jetzt hat sie das Gefühl, es kann noch mal losgehen.
Eines Abends stöbert sie im Internet, stolpert über ein paar Job-Angebote auf Amrum, das Übliche: Gastronomie, Verkauf. Ein Job in der Kurklinik. Unspektakulär. Aber dann: Leuchtturmwärter, männlich, weiblich, divers. Erika Duncan ist elektrisiert: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Sie überlegt drei Tage. „Sonntagabend um halb zehn hab' ich die Bewerbung abgeschickt“, erinnert sie sich. Schon am nächsten Morgen kommt ein Anruf von Amrum – und nach einer Videokonferenz ist eigentlich alles klar. Erika Duncan bewirbt sich noch auf das einzige Wohnungsangebot, das sie im Netz findet – und bekommt auch hier den Zuschlag. „Wenn alles so gut funktioniert, kann es nur gut sein“, glaubt sie. Einen Leuchtturm von innen gesehen, das hat sie zuvor noch nie.
Lange Zeit für Vorbereitungen bleibt nicht, sechs Wochen Vorlauf: „Was brauch' ich? Wo fang' ich an?“, überlegt sie und entscheidet: „Einfach machen!“ Sie packt für Winter, Sommer und Strand – Zweifel an ihrer Entscheidung hat die über 70-Jährige nicht. „Ja, Du hast einen Mut!“, sagen Bekannte zu Hause.
Mut zu einem großen Schritt hat sie schon häufiger bewiesen: Im Studium lernt sie einen US-Amerikaner kennen, fliegt mit einem Urlaubsvisum in die USA und bleibt als Ehefrau. Das Paar lebt in Washington D. C. und bekommt zwei Kinder. Aber das Glück hält nicht, nach ein paar Jahren kehrt Erika Duncan mit Sohn und Tochter nach Deutschland zurück, alleinerziehend. Sie ist oft umgezogen in ihrem Leben, „bestimmt 20 Mal“.
Jetzt sitzt sie fünfmal pro Woche, für vier, fünf Stunden im Häuschen an Amrums rot-weißem Wahrzeichen. Morgens wandert sie mit ihrem Schlüssel zum Leuchtturm nach oben, öffnet die schwere Holztür am Turmfuß und steigt dann die immer enger werdende Treppe nach oben zum Laternenhaus. 172 Stufen, so die offizielle Zahl. Hier auch noch eine Tür aufschließen – und Erika Duncan steht, knapp 68 Meter über Meereshöhe, auf der Galerie, guckt auf die Nordsee und lässt sich die Haare im Wind zausen. Abends geht's den gleichen Weg zum Abschließen. Dazwischen freut sich Erika Duncan über „glückliche Leute, die die Umgebung genießen. Keiner klagt!“ Manche sind. erwartungsfroh, manche etwas ängstlich ob des bevorstehenden Aufstiegs, wenn sie das Ticket lösen. Ein paar Tipps hat sie für die Flachländer, die sich auf „ihren“ Turm wagen: „Nicht zu schnell anfangen. Und ein gleichmäßiges Tempo gehen.“ Sie muss es wissen. Erika Duncan und der Leuchtturm – ist das mehr als eine Liebe für einen Sommer? „Schau'n mer mal“, sagt sie und rollt dabei ihr bayerisches ,Rrrr'.
Text: Susan Müller-Paulsen