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"Heute überlebt man nur.“

Von einem, der weitermachen muss. Foto: Jule Sönnichsen

Ted Sönnichsen ist Krabbenfischer in fünfter Generation, danach ist schluss. Er sieht keine Zukunft mehr darin.

Wenn Krabbenfischer Ted Sönnichsen an Deck steht und nachdenkt, fixiert sein Blick das Eider-Sperrwerk. Ein Koloss mit fünf Schleusen aus Stahl und Beton, gebaut, um Sturmfluten abzuwehren, um der wütenden Nordsee Einhalt zu gebieten. Jetzt, im Glanz der Sonne, wirkt die Nordsee ganz handzahm, sanft schaukeln auf ihr die Tönninger Krabbenkutter. Früher ankerten Dutzende von ihnen am Sperrwerk, übrig sind noch vier.

Sönnichsen trägt Blaumann und Crocks, an seiner Halskette hängt eine Krabbe aus Silber. Fischer in fünfter Generation, das Handwerk vom Vater gelernt. Sein Sohn wollte die Tradition fortführen und bei ihm in die Lehre gehen, aber Sönnichsen sagte Nein. Denn dieser kräftige, breitschultrige Mann gehört zu einer aussterbenden Spezies, so sieht er das.

Sönnichsens Schiff heißt wie seine Tochter, „Jule Marie“. Baujahr 1984, vor 14 Jahren gebraucht gekauft. Das Schiff davor hatte einen Rohrbruch und sank. „Ich kam morgens zum Hafen und nur noch der Mast hat rausgeguckt“, erinnert sich der Krabbenfischer. Für drei Jahre ging er zurück an Land und hat geklempnert, bis Geld für ein Neues zusammen war.

Im Führerhaus, genannt Brücke, läuft Nina Hagen aus dem Radio, „Du hast den „Du Farbfilm vergessen“. Ein holzvertäfelter Raum voller Bildschirme, Hebel und Knöpfe. Ruhig, fast lakonisch erzählt Sönnichsen von einer Kindheit auf See, einem festgelegten Lebenslauf, weil man die Fischerei eben im Blut hat, oder nicht. „Du brauchst einen guten Riecher, um Krabben aufzuspüren“, sagt er und tippt sich an die Nase. Auf den rechten Oberarm hat er einen garstig dreinschauenden Wikinger tätowiert.

Von Sonntag bis Freitag auf dem Meer

Ted Sönnichsen fährt seit Jahrzehnten zur See: Die Krabben werden noch an Bord gekocht. Foto: Marc Dimpfel
Ted Sönnichsen fährt seit Jahrzehnten zur See: Die Krabben werden noch an Bord gekocht. Foto: Marc Dimpfel

Jeden Sonntag fährt Sönnichsen raus aufs Meer und kehrt erst freitags zurück, seit Jahrzehnten. Neun Monate im Jahr sieht er die Familie nur an Wochenenden. „Geburtstage, Ostern, Pfingsten ist alles nicht.“ Kapitän Sönnichsen und sein Decksmann schlafen in gegenüberliegenden Kojen, teilen die Kombüse, springen an heißen Tagen zur Abkühlung ins Meer, es gibt keine Dusche.

Aber die meiste Zeit fangen die beiden Männer Krabben, kochen sie gleich an Bord und laden sie am Hafen in den Lkw des Abnehmers. Der fährt die Ware weiter nach Marokko. Dort werden sie von Arbeiterinnen gepult und dann nach Deutschland reimportiert, das spare Geld.

Das Meer, es gibt, aber es nimmt auch. Es zehrt an den Seeleuten, zeichnet ihre Körper. Sönnichsen schluckt Pillen gegen die schmerzenden Knochen. Er geht auf die 50 zu, ein paar Jahre noch, dann hat er Anspruch auf die Seemannsrente, ein Überbrückungsgeld der Knappschaft. Viele können nicht länger.

Manchmal, wenn Sönnichsen spricht, erhebt er plötzlich die Stimme, dann weicht die Ruhe einem Sturm. Weil er sich mit äußeren Kräften konfrontiert sieht, die sich nicht bändigen lassen. Weil Gewissheiten nicht mehr gelten. Früher habe man von der Fischerei gut leben können, sagt er. „Heute überlebt man nur.“

Die Fanggebiete schrumpfen, durch Nullnutzungszonen und durch Offshore-Windparks samt ihrer Kabeltrassen. In die verengten Korridore drängen niederländische Fischer mit hochmodernen Schiffen und erhöhen den Konkurrenzdruck. Die Lage sei prekär, Corona und Energiekrise hätten vielen Kollegen den Rest gegeben.

Zerstören Fischer die Natur?

Und zunehmend würden ihm Menschen mit Ächtung statt mit Achtung begegnen. Ihm, dem Krabbenfischer, der ein Handwerk beherrscht, das wie kein zweites für die Westküste steht. Sie werfen ihm vor, der Natur nachhaltig zu schaden. Die über den Meeresgrund schleifenden Netze Krabbenfischer der würden Lebensraum zerstören, sagen Umweltschützer.

Diskussion über die Folgen der Fangtechnik

Außerdem gebe es viel zu viel Beifang. Sönnichsen sagt, das stimme nicht. Wie schwerwiegend die Folgen der Fangtechnik sind, darüber streiten Fischereiverbände, NGOs und Politik seit Jahren.

Die Europäische Union sagt, Deutschland schütze seine Meere nicht genug. Bis T0P0 will sie die Grundschleppnetze von den Fischerbooten verbannen. "Ein Berufsverbot", nennt Sönnichsen das. "Wir Fischer kennen das Meer am besten. Wir arbeiten nicht nur in, sondern auch mit der Natur." In Brüssel sieht man das anders.

Einzelunternehmer mit hohem Risiko

Sönnichsen lehnt am Türrahmen der Brücke und raucht Zigaretten in engen Abständen: "Ich bin Einzelunternehmer, wenn ich pleitegehe, hafte ich mit allem. Altersvorsorge, Haus, das wäre alles weg." Schweigend schaut er nach draußen. Das Sperrwerk hat eine Schleuse geschlossen. So sorgt es dafür, dass die Eider nicht überläuft. Es sorgt für Sicherheit.

Eine Sicherheit, die Ted Sönnichsen für seine Zukunft vermisst. Marc Dimpfel

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