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Rendsburg: Von Frachtern bis Funkstille

Peter Carstensen leitet das Schifffahrtsarchiv in der Königstraße in Rendsburg. Dort zeigt er Besuchern mehr als 120 Schiffsmodelle und Seefahrerantiquitäten. FOTOS: STAUDT

Im Schifffahrtsarchiv, das von Peter Carstensen geleitet wird, zeigt er den Besuchern die ausgestellten Schiffstechniken, Fotografien und Arbeitswerkzeuge.

Schifffahrts- und Stadtgeschichte gehen in Rendsburg Hand in Hand. Im Schifffahrtsarchiv in der Königstraße bringt Peter Carstensen mit 120 Modellschiffen und mehr als 1000 Seefahrerantiquitäten, Rendsburgern und Touristen die Stadt und ihre ehemaligen Reedereien und Werften näher

Woher wussten Matrosen früher, wie tief das Wasser unter ihnen ist, und woher kommt der Begriff Funkstille? Die Antworten auf diese Fragen gibt Peter Carstensen beinahe beiläufig, während er durch das alte Haus des Archivs führt. Immer wieder zeigt er beim Sprechen auf Antiquitäten, die aus Seglern und Frachtern stammen. Als Leiter der Schifffahrtsausstellung kennt er die ausgestellte Schiffstechnologie, die Fotografien und Werkzeuge genau und gibt dieses Wissen bei Führungen weiter. 

Mehr als einen Meter lang ist der schwarze Anker, der vor dem Eingang des Rendsburger Schifffahrtsarchivs liegt. Beim Betreten des alten Hauses fällt der Blick zuerst auf eine Garderobe. Verschiedene Kapitäns- und Matrosenjacken wurden ordentlich nebeneinander gehängt. Ein beigefarbenes Exemplar sticht farblich heraus: Eine Mannschaftsjacke für Fahrten in die Tropen, erklärt Peter Carstensen. „Die ist aktuell“, schiebt er hinterher. „Die wird so noch getragen.“ Ein Modell des Schiffes, mit dem die Mannschaft damals in die Tropen segelte, steht wenige Schritte weiter. 

Peter Carstensen genieße es, die Besucher durch die Ausstellung zu führen, sagt er. Bei seinen Erzählungen über die Vergangenheit und Gegenwart der Werften und Reedereien in Rendsburg vergesse er jedoch manchmal die Zeit. „Manche Führungen haben schon vier Stunden lang gedauert“, sagt er und lacht. „Dann werden viele Besucher schon mal unruhig.“

Der 70-jährige Peter Carstensen ist Experte auf seinem Gebiet. Schiffe und Boote faszinieren ihn seit seiner Kindheit. Seine Familie arbeitete in einer Reederei, er selbst war 40 Jahre als Schiffsmakler in Rendsburg tätig. Heute sammelt er für das Archiv Bootsreliquien aus Rendsburg und seiner Schifffahrtsvergangenheit. Das Archiv wurde von der Jens-Peter-Schlüter-Stiftung, der ehemaligen Rendsburger Reederei-Familie Schlüter, gestiftet. „Es ist ein Geschenk für Rendsburg“, sagt Carstensen. 

Mit seinem Sammelinteresse ist Peter Carstensen nicht allein in der Kanalstadt: „Wir bekommen oft Antiquitäten geschenkt“, erzählt der Archivleiter. So zum Beispiel eine alte Bibel aus dem späten 19. Jahrhundert. Carstensen identifizierte sie erst auf den zweiten Blick als Schiffsbibel. Das Exemplar ist gut erhalten, nur ein paar Seiten sind ein wenig ausgefranst. Die Bibel stellte sich als besonderes Geschenk heraus – nicht nur für Carstensen. Bei Nachforschungen fand er heraus, dass ein wohlhabender Mann aus Paris, Emile Robin, das Gebetbuch vor mehr als 100 Jahren an den Seenotretter Julius Jannen Jacob verschenkt hatte. 

Emile Robin musste von der Arbeit Jacobs, der Rettung Schiffbrüchiger, erfahren haben – und von seiner anstehenden Hochzeit, denn er widmete die Bibel dem frisch getrauten Ehepaar. Der Mann aus der Kanalregion war Mitglied der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, und der Franzose wollte sich auf diesem Weg für sein Engagement bedanken. Später gründete Emile Robin das französische Pendant, die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in Frankreich. 

Peter Carstensen steuert auf ein Schaltpult mit Funkgerät zu. Über dem Tisch, auf dem ein Kompass, einige Karten und Winkel liegen, hängt eine Uhr. Zwischen 12 und 12.03 Uhr ist die Fläche blau gefärbt, so auch zwischen 6 Uhr und 6.03 Uhr. 

„Alle halbe Stunde durfte drei Minuten lang nicht gefunkt werden“, erklärt Carstensen. „Also außer bei wirklichen Notfällen“, schiebt er hinterher. So konnten Notrufe empfangen und abgehört werden. Jedes Schiff, das Verbindung zu einem Funkmast hatte, konnte dann den Notruf hören, so Carstensen. Die Wahrscheinlichkeit, im Notfall Hilfe zu bekommen, sei dann am höchsten gewesen.

„Das ist die wahre Funkstille“, sagt der Archivleiter. Das Wort habe sich bis heute in unserem Sprachgebrauch gehalten, auch wenn es heute eher für den fehlenden Kontakt zwischen Menschen stehe. 

Peter Carstensen wendet sich ab und deutet auf verschiedene Taue. Auf den alten Dielen liegen verschiedene Seile und Werkzeuge. Eines der Taue nimmt er in die Hand. „Mit diesem Handlot ermittelte man früher die Tiefe des Gewässers“, sagt er, während er einen Teil des Taus vor seiner Brust straff zieht. Auf dem Boden liegt nun nur noch ein Gewicht aus Metall. „Das ist Eisen“, erklärt der Archivleiter. „Wenn das Schiff auf dem Meer still stand, warf man das Gewicht ins Wasser, sodass das Tau nass wurde“. Anschließend habe man das Handlot eingeholt und die Länge des nassen Endes gemessen. Jedoch: „In Faden, nicht in Metern“, betont er. Ein Faden entspreche sechs Fuß beziehungsweise der Armspanne eines erwachsenen Mannes, circa 1,82 Meter. „Praktisch, oder?“, sagt Carstensen lächelnd.

Im zweiten Dock, wie er die Stockwerke nennt, zeigt er auf das Modell eines Frachters. „Das ist in der realen Ausführung das größte Schiff, das wir hier zeigen“, sagt er. Mehr als 5000 Container könne der Frachter „Maersk Davenport“ bei einer Länge von etwa 290 Metern laden und über das Meer transportieren. Das Schiff wurde 2006 gebaut und passiert regelmäßig den Hamburger Hafen. „Die heutigen Schiffe können fast fünfmal so viel Ladung transportieren“, sagt Carstensen. Eines müsse man jedoch beachten: Frachter dürften nie mehr als 400 Meter lang werden. „Sonst können sie die Wellenbewegung nicht mehr ausgleichen. Dann würden sie in der Mitte durchbrechen.“ Die Naturkräfte, die die Seefahrt so essenziell beeinflussen, findet er beeindruckend. „Es gibt immer etwas Neues zu entdecken.“ Morgana Alienor Pfeifer

INFO

Das Schifffahrtsarchiv hat von April bis Oktober mittwochs von 10 bis 17 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr geöffnet. Von November bis März sind die Öffnungszeiten mittwochs von 13 bis 17 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr. Der Eintritt beträgt fünf Euro.

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