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Bekleidungszentrum der Bundeswehr in Rendsburg: Der unbekannte Riese

FOTO: MICHAEL STAUDT

Mitten in Rendsburg betreibt die Bundeswehr ein gigantisches Lager - der Warenwert beträgt fast eine Milliarde Euro

Mit Abstand betrachtet wirkt das Bekleidungszentrum wie eine überdimensionierte Turnhalle. Nur ein kleines Schild neben dem Tor an der Kaiserstraße in Rendsburg deutet auf die Liegenschaft hin. Drinnen entpuppt sich das Gebäude als Meisterwerk der Logistik.

Das Lager kann bis zu 14.700 Paletten aufnehmen. In den bis zu 28 Meter hohen Regalen werden rund 7,7 Millionen Teile aufbewahrt - vom Schnürsenkel bis zum Gefechtshelm. Der durchschnittliche Bestand entspricht einem Warenwert von knapp einer Milliarde Euro. Viele Artikel wurden im benachbarten Aufbereitungszentrum gewaschen und repariert.

ERÖFFNUNG IM JAHR 1999

Das Bekleidungszentrum der Bundeswehr ist der unbekannteste Riese von Rendsburg. Kaum zu übersehen und trotzdem unsichtbar. Zum letzten Mal öffentlich in Erscheinung trat die militärische Einrichtung bei ihrer Eröffnung im Oktober 1999.

Manfred Diehr war damals dabei. Als er bei der Bundeswehr anfing, sahen Rendsburg und sein Arbeitsplatz noch etwas anders aus. 1993 existierten in der Stadtzwei rege genutzte Kasernen und Diehrs Arbeitsplatz war noch das Wehrbereichsbekleidungsamt an der Alten Kieler Landstraße.

Die Automatisierung hielt sich damals in Grenzen. Diehr und seine Kollegen nutzten Handhubwagen und Eisenhaken, um die schweren Paletten von A nach B und in die richtige Position zu bewegen. 30 Jahre später erledigen Maschinen und Computer diesen Job.

VOR ZWEI JAHREN MODERNISIERT

Ein Mann mit Gabelstapler saust über die 2000 Quadratmeter große Wareneingangs- und Bearbeitungsfläche. Sie ist die Schnittstelle zwischen dem Aufbereitungszentrum, das in einem eigenen Gebäude untergebracht ist, und dem Bekleidungszentrum. Eine Treppe führt ins Hochregallager. Dort deutet Dirk Münzer, Abteilungsleiter Lagerwirtschaft, auf die gelben Geräte, die Paletten vollautomatisch aus dem Regal heben und auf Rollbändern ablegen. „Wir haben die komplette Anlage vor zwei Jahren für 1,7 Millionen Euro modernisiert“, berichtet Münzer. „Daran sieht man, dass Rendsburg ein Zukunftsstandort ist.“

Der Eingang zum Bekleidungs- und Aufbereitungszentrum der Bundeswehr an der Kaiserstraße. FOTO: FRANK HÖFER
Der Eingang zum Bekleidungs- und Aufbereitungszentrum der Bundeswehr an der Kaiserstraße. FOTO: FRANK HÖFER

Aufbereitete Artikel werden über das Bekleidungszentrum wieder dem Kreislauf zugeführt. Der Bereich, für den Manfred Diehr verantwortlich ist. Der Chef des Aufbereitungszentrums, kurz „AZ“, steht im Raum mit vier mannshohen Waschmaschinen und zwei Trocknern. An Sichtungsplätzen wurde zuvor entschieden, ob ein Artikel noch brauchbar ist. Falls ja, wird er gereinigt. Entweder von einem externen Unternehmen oder im eigenen Haus. Alle Prozesse sind aufeinander abgestimmt. Auch im Waschzentrum. „Die Waschmaschinen sind so getaktet, dass wir keine Staus vor den Trocknern haben“, erklärt Diehr.

32 bis 36 Ladungen à 32 Kilogramm sind das Tagespensum. Alles wird sorgfältig sortiert und in Rollwagen gestapelt. Was Schäden aufweist, wird repariert. „Patchen“ nennt sich das Flicken gebrauchter Regenjacken. „Die Jacke wird über einen Leuchttisch gezogen, um zu erkennen, wo kleine Löcher sind oder sich eine Naht gelöst hat“, erklärt Diehr.

OBERSTES GEBOT: PRÄZISION

Unter der Flagge der Vereinten Nationen: In der Wareneingangshalle herrscht tagsüber reger Betrieb. FOTO: MICHAEL STAUDT
Unter der Flagge der Vereinten Nationen: In der Wareneingangshalle herrscht tagsüber reger Betrieb. FOTO: MICHAEL STAUDT

Sandra Ipsen ist eine von sieben Mitarbeiterinnen, die Uniformen und andere Textilien wieder flott machen. Vor der gelernten Schneiderin liegt eine Marinejacke,deren Knöpfe geändert werden müssen. Präzision ist oberstes Gebot. „Die Knöpfe müssen genau auf einer Höhe sitzen“, erklärt die Frau, die seit 32 Jahren für die Bundeswehr arbeitet. „Der Soldat kann sich einen abgefallenen Knopf selber angenäht haben. Oder er ist fülliger geworden und hat sie umplatziert.“

300 bis 350 verschiedene Artikel durchlaufen das Aufbereitungszentrum. Wobei die Gesamtzahl der Teile um ein Vielfaches höher liegt. Damit die Dienstbekleidung bei jedem Soldaten wie angegossen sitzt, gibt es sie in zahlreichen Varianten. Diehr: „Allein bei den Marinehosen haben wir 45 unterschiedliche Größen und Zwischengrößen.“

Die Beschäftigten des Zentrums selbst müssen keine Uniform tragen 71 Vollzeitkräfte sind am Bundeswehr-Standort beschäftigt, 41 von ihnen im „AZ“. Tendenz: ihr Arbeitsplatz ist sicher. „Wir sind genauso überrascht worden von den Veränderungen, dass wir die Infrastruktur nachziehen müssen“, sagt Münzer zur Entwicklung seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs. „Wir benötigen deutlich mehr Fläche als früher.“

Weil der Platz an der Kaiserstraße nicht mehr ausreichte, musste ein zusätzliches Lager in Osterrönfeld eröffnet werden. Rendsburg und die Bundeswehr dieses Bündnis hat Zukunft. Münzer: „Die Stadt ist ein wichtiger Baustein in der Logistik und wird es auch bleiben.“                  Frank Höfer

INFO: Mehr Arbeit und bessere Ausrüstung durch den Ukraine-Krieg

Der Ukraine-Krieg sorgte dafür, dass das 1999 für 42 Millionen D-Mark gebaute Bekleidungszentrum Rendsburg an Bedeutung gewonnen hat. Mit 100 Milliarden Euro Sondervermögen soll die Bundeswehr nach dem russischen Überfall auf die Ukraine fit gemacht werden. Allein 2,4 Milliarden Euro fließen in die Ausrüstung. Auch Rendsburg profitiert davon. „Vorgezogene Beschaffung“ heißt die Losung. Nicht erst bis 2030, sondern bereits bis 2025 sollen alle Soldaten mit einer neuen Generation an Helmen, Rucksäcken, Schutzwesten sowie Kälte- und Nässeschutz ausgestattet werden. Ein Großteil der Ausrüstung wird in Rendsburg aufbereitet oder bereitgestellt. Das Bekleidungszentrum versorgt Servicestationen der Bundeswehr in ganz Deutschland und ist exklusiv für die Marinestandorte zuständig.

INFO: Das leistet das Bekleidungszentrum Rendsburg pro Jahr (Stand 2022):

2,4 Millionen Artikel in der Wäscherei 18.000 Erstausstattungen pro Jahr 2 Millionen Teile bei Erstausstattungen 31.000 verschiedene Bekleidungsarten 1 Million Teile pro Jahr im Tausch 513 Millionen Euro Beschaffungsbudget

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