
Weihnachten und Musik - das ist in den meisten Familien eine Geschichte voller Missverständnisse. Deswegen möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht weiter auf das Thema eingehen. Obwohl: Meine früheste Erinnerung, in der „Weihnachten“ und „Musik“ als Begriffspaar vorkommen, ist praktisch traumatisch und hat die große und prächtige Gruppe der Kernspaltflöten für immer von der Landkarte meiner musikalischen Präferenzen getilgt.
Eine solche Kernspaltflöte ist auch die Blockflöte, und eine Kernspaltung (oder eher: Kernschmelze) hat eines der Exemplare der Gattung in jenen frühen 1970er Jahren hinter dem Stördeich kurz vor der Elbe um ein Haar verursacht. Und das, obwohl das nahe gelegene AKW Brokdorf damals noch gar nicht am Netz war. Denn meine ältere Schwester hatte sich, ermuntert von skrupellosen Eltern und in unverantwortlicher Weise angefeuert von den Großeltern, dazu bereit erklärt, die weihnachtlichen Festlichkeiten nach vollbrachter Bescherung mit einem kleinen Konzert auf der Blockflöte noch weiter aufzuwerten. Den von mir zu leistenden Beitrag hatten unsere Eltern knapp und prägnant zusammengefasst: „die Klappe halten und keinen Unsinn machen“. Wohlweislich hatten sie mich darüber hinaus eindringlich ermahnt, meinen berüchtigten Sinn für Humor doch bitte bis zum 1. Weihnachtstag in den Kurzurlaub zu schicken.
So saß ich also an Heiligabend auf dem kleinen Absatz in unserem Wohnzimmer, beleuchtet von den echten Kerzen im echten Tannenbaum, schielte nach den Geschenken, die so nah waren und doch so unerreichbar schienen und harrte der Dinge, die da kommen sollten. In diesen bangen Minuten, während die Künstlerin ihre Vorbereitungen abschloss und sich noch einmal sammelte, beschlich mich ein sich stetig verstärkendes Gefühl dräuenden Unheils. (Falls Sie so was auch einmal beschleichen sollte, laufen Sie weg, solange Sie noch können!) Meine Schwester begann ihre Aufführung meiner Erinnerung nach mit „Es ist ein Ros' entsprungen“ und mein Schicksal war besiegelt. Ich versuchte wirklich - Gott ist mein Zeuge - mir das Lachen zu verkneifen, während ich den schrillen Tönen lauschte, die dem so unschuldig wirkenden Instrument entlockt wurden. Ich konnte nicht verstehen, wieso diese grauenvolle Darbietung allerorten andächtige Gesichtsausdrücke (Oder heißt es Gesichtsausdrucke?) hervorrief. Nach ein paar Takten war es jedoch um mich geschehen und ich platzte heraus...
Meine Schwester wusste die Freude, die ihr Spiel in mir erzeugte, ganz und gar nicht zu schätzen. Sie unterbrach ihren Vortrag mit empörtem Gesichtsausdruck und der so unausgesprochenen wie deutlich vernehmbaren Aufforderung an die gemeinsamen Erziehungsberechtigten, dem kunstfeindlichen Heiterkeitsausbruch unverzüglich einen Kontrapunkt zu setzen. Um mal in der Sprache der Musik zu bleiben.
Der weitere Ablauf ist ebenso vorhersehbar wie er aus vielen Familien bekannt sein dürfte: Unterbrechung der Vorführung, Ermahnungen ans ungebärdige Publikum, erneuter Versuch, erneuter Lachanfall, weitere Versuche, weitere Lachanfälle, zunehmend heftigere Ermahnungen, Tränen und schließlich der Abbruch dessen, was eigentlich der feierliche Höhepunkt des Heiligabends hätte sein sollen. Tiefsitzende Traumata hätten die Folge sein müssen, doch insgeheim waren wohl alle erleichtert, dass meine Schwester kurzerhand ihre Blockflöten-Karriere für beendet erklärte und das Instrument des Anstoßes für immer zur Seite legte. (Dass sie später mit dem Saxofon spielen begann und ich mich mit dem Schlagzeug revanchierte, soll hier nicht das Thema sein...)
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Ich nahm mir, während die Kerzen noch brannten, vor, den ganzen langen Rest des Jahres besonders nett zu meiner Schwester zu sein. Denn mir war schon klar, dass ich irgendwas Unschönes angestellt hatte. Doch am 1. Weihnachtstag waren wir bereits wieder gut miteinander.
Der Groll, den die Erstgeborene gegen das infantile Nesthäkchen zu Recht hegte, war vergessen und wir spielten einträchtig unter dem Weihnachtsbaum mit unseren Geschenken. Die älteren Generationen kamen ebenfalls recht schnell über das unerfreuliche Ereignis hinweg.
Und doch spielt seitdem in unserer Familie Musik zu Weihnachten keine wirklich tragende Rolle mehr. Gesungen wird nicht, was im Übrigen kein Verlust ist. Was aus der Mundharmonika wurde, die wir Kinder viel später dem Vater zu Weihnachten schenkten, muss ich ihn an Heiligabend mal fragen. Ja, außer zum festlichen Weihnachtsmenü, wenn im Hintergrund und nur knapp über der Wahrnehmbarkeitsgrenze Bachs passend benanntes Oratorium läuft, ist es bei uns an Heiligabend erfreulich still. Und es heißt ja auch „Stille Nacht“...
|| Arne Jens