Es gibt gute Nachrichten für all diejenigen unter uns, die gerne etwas auf den letzten Drücker machen. Wobei niemand so recht weiß, wo diese Redensart letztlich herkommt. Dass sie aber bei vielen Menschen Beklemmungen hervorruft, hat seine guten Gründe. Wir alle schieben hin und wieder etwas auf. Wenn es allerdings gewohnheitsmäßig geschieht, kann das zu einem Problem werden, mit erheblichen Folgen für die Betroffenen.
Eleganter gesagt, die Erledigung anstehender Pflichten (beruflich oder privater Art) wird hinausgezögert - häufig kompensiert oder verschleiert durch Ersatztätigkeiten. Der Fachbegriff hierfür lautet Prokrastination. Umgangssprachlich spricht man von Bummelei, Aufschieberitis oder Drückebergeritis. Aufschieberitis findet man häufig dort, wo Arbeitszeit frei eingeteilt werden kann, wie beispielsweise im Studium. Auch deshalb prägte der israelische Physiker Eliyahu Moshe Goldratt für dieses Verhalten den Begriff Studentensyndrom. Doch betroffen sind mehr oder weniger alle Bevölkerungsgruppen. Was weiß man eigentlich über die Gründe für dieses Verhalten?
Warum man aufschiebt
Es gibt tatsächlich Menschen, die aufschieben, um Spannung in ihr Leben zu bringen – man nennt diese Erregungsaufschieber. Kann man das wirklich glauben? Die Wissenschaft sagt ja! Hier wird die Entscheidung zum Aufschieben ganz bewusst getroffen. Erzeugt also eine Aufgabenerledigung auf den letzten Drücker tatsächlich ein besonderes Hochgefühl, eines, das mit gut geplanter Arbeit nicht zu erreichen ist? Es gibt Menschen, die so empfinden. Andere schieben auf, um negative Gefühle zu vermeiden - die sogenannten Vermeidungsaufschieber. Da würde man sich vielleicht schon eher einreihen wollen: Im Vorfeld der Aufgabe ist man unkonzentriert, Vorarbeiten ziehen sich in die Länge, das Zeitmanagement haut nicht hin. Man will Unlust vermeiden, die Aufgaben sind einem eher unangenehm, eine Belohnung ist nicht in Sicht oder liegt weit in der Zukunft. Also wird aufgeschoben bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.
Trotz vorhandener Gelegenheit und Fähigkeit werden Aufgaben entweder gar nicht oder erst nach langem Abwarten und dann oft zu spät erledigt. Stattdessen werden häufig Dinge erledigt, die vergleichsweise angenehmer sind (z. B. Aufräumen). Viele von uns kennen dieses Verhalten. Unangenehm wird es immer dann, wenn man unter den Folgen des Aufschiebens leidet. Es handelt sich hier zumeist um ein Problem mit der Selbststeuerung.
Wie auch immer man sich selbst in diesem Zusammenhang einschätzt – sollte man sich betroffen fühlen, gibt es drei mögliche Lösungen:
• Sie machen einfach das, was Sie bisher aufgeschoben haben (einen Brief schreiben, putzen, die Schule oder Ausbildung abschließen, den Auftrag in der Firma erledigen).
• Sie quälen sich nicht länger, Aufgaben erledigen zu müssen, die Sie schon lange Zeit vor sich herschieben und wählen ein Leben mit weniger Stress und Belastung.
• Sie schieben weiterhin auf, lernen aber, mit den Folgen zu leben.
Die guten Nachrichten
Wenn Sie aufschieben... Sie sind nicht faul, Sie sind aktiv! Das ist schon mal eine gut Nachricht. Faule wollen sich nicht anstrengen, sind tatenlos und träge. Aufschieber sind im Gegensatz dazu ziemlich aktiv und investieren eine Menge Energie, um ihre Vermeidungsstrategie die in die Tat umzusetzen. Ist diese erfolgreich, ist man allerdings erst recht nicht zufrieden, weil aufgeschoben oder vermieden wurde, was eigentlich wichtig gewesen wäre. Deshalb jetzt nächste gute Nachricht: Sie können Ihr Verhalten ändern. Prokrastination oder Aufschieberitis ist erlerntes Verhalten. Und alles was man gelernt hat, kann man auch wieder verlernen, sprich vergessen!
Was also kann man tun?
Prokrastination resultiert häufig aus hoher Arbeitsbelastung, übertriebenem Perfektionismus oder dem Unvermögen, Aufgabenblöcke so aufzuteilen, dass sie beherrschbar und lösbar sind. Im Internet finden sich einen Menge Tipps, um Prokrastination zu überwinden. Ziel ist dabei, sein eigenes Verhalten besser an selbst gesteckte oder auferlegte Ziele ausrichten zu können. Bausteine sind pünktlicher Beginn, realistisches Planen und Arbeitszeitminimierung. Aber auch das Vermeiden von Störungen, das Teilen von großen Aufgaben in kleine Blöcke und das Abgrenzen von Arbeit und Freizeit können helfen, Probleme in den Griff zu bekommen. Auch die 50-Prozent Regel sollte man bei der Zeitplanung berücksichtigen: Alles, was man sich vornimmt dauert etwa doppelt so lang, wie man anfangs denkt.
Hin und wieder etwas aufzuschieben ist nicht verwerflich. Und man kann auch ruhig etwas aufschieben, wenn man die ernsthafte Absicht hat, die betreffende Aufgabe zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzugreifen und abzuschließen. Denn wie heißt es im Volksmund so schön: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ein Versprechen und wirkmächtige Kampfansage an jede Form von Aufschieberitis.
Kay Wessin