Es ist ein windiger Tag im Mai 2008 als Sina Beerwald mit zwei vollgepackten Koffern am Sylter Bahnhof ankommt. Zwischen ihrer schwäbischen Heimat Stuttgart und der Nordseeinsel liegen gut 1000 Kilometer und ein Rückfahrtticket hat die Mittdreißigerin nicht in der Tasche. Einmal bitte das Leben auf links drehen, ganz neu anfangen. Sina Beerwald kündigt ihren sicheren Job als wissenschaftliche Bibliothekarin und setzt alles auf eine Karte: das Schreiben von Büchern. Mit den Einnahmen ihres im Jahr davor erschienenen Erstlingswerks„Die Goldschmiedin“ kann sie sich erst einmal über Wasser halten. Doch warum ausgerechnet Sylt, so hoch im kühlen Norden? Ein unverkennbarer Kontrast zum sonnigen Süden. Die Liebe zur Insel, so glaubt sie, muss sie von ihren Eltern geerbt haben. „Wir haben unzählige Familienurlaube hier verbracht, für mich ist Sylt immer meine zweite Heimat gewesen“, lautet die Antwort.
Im Souterrain eines Neubaus bekommt Sina Beerwald ein winziges Personalzimmer. Eine Matratze auf dem Boden, eine kleine Kochnische, das muss erst einmal reichen. Für einen Schreibtisch ist kein Platz. „Geschrieben habe ich mit dem Laptop auf den Knien“, erinnert sie sich„, aber ich war einfach glücklich da zu sein.“ Immer wieder erklärt sie sich selbst für verrückt. Auch bei ihren Freunden löst sie Erstaunen aus. Häufig bekommt sie zu hören, wie mutig sie sei, alles hinter sich zu lassen. „In Wahrheit hatte ich Schiss ohne Ende“, gibt sie zu. „Doch irgendwas in mir drin hat gesagt, ich muss das machen.“
Mit zehn Jahren hat Sina Beerwald schon den Gedanken im Kopf, einmal Schriftstellerin zu werden. Ihrem Vater erzählt sie als erstes von ihrem Berufswunsch, der antwortet „Lern mal was Ordentliches, Mädchen“. Es folgt ein Studium des Bibliothekswesens. Doch die Idee, ein Buch zu schreiben, schlummerte all die Jahre weiter in ihr. Die Initialzündung wird die Frage bei einem Regenwetter-Tee-Gespräch: „Was möchtest du noch so in deinem Leben machen?“ Ein Buch schreiben. Mit knapp 30 Jahren beginnt Sina Beerwald ihren ersten Roman. Da noch„nur für mich selbst und um zu gucken, ob ich das Schreiben bis zum Ende durchhalte“. Als die ersten Kapitel fertig sind, gibt sie die Seiten auf wiederholtes Nachfragen ihrer Mutter zum Lesen. Sie wird es auch sein, die ihre Tochter mit Engelszungen dazu überredet, das Manuskript an einen Buchverlag zu geben. „Ich hatte im Leben nicht daran gedacht“, sagt Sina Beerwald. Sie schickt dennoch den halbfertigen Entwurf an einen Literaturagenten in München. „Aber nur, damit dieser das Buch ablehnen kann und meine Mutter Ruhe gibt.“ Die Prüfung kostet nichts, was der Schwäbin in ihr entgegenkommt. Doch wider Erwarten bekommt sie bald schon den Anruf: „Ich habe jetzt noch nicht alles gelesen, aber es gefällt mir so gut, ich gehe jetzt einen Verlag für Sie suchen“, heißt es am anderen Ende der Leitung. Drei Tage später folgt ein weiterer Anruf: „Was halten Sie vom Heyne-Verlag?“ Bis der Groschen bei Sina Beerwald fällt, habe es eine Weile gedauert. „Erst einmal stand bei mir kein Stein mehr auf dem anderen.“ Kurze Zeit später fährt die Stuttgarterin nach München und unterschreibt ihren ersten Buchvertrag. Erst als sie das Cover ihres Erstlingswerks im Katalog sieht, begreift sie das Ganze.
„Die Goldschmiedin“ ist ein historischer Roman, den geschichtlichen Hintergrund hat die Autorin lange und sorgfältig recherchiert. „Ich habe mich schon als Schülerin sehr für Geschichte interessiert“, erzählt sie. Doch es sind nicht allein die Kriege, Bündnisse, Friedensschlüsse, Zahlen und Daten, die Sina Beerwald sich ansieht. Sie will wissen, wie die Menschen in dieser Zeit gelebt, gelitten und gefühlt haben. Viele Stunden verbringt die Autorin deswegen in Stadtarchiven und Bibliotheken. In jedem ihrer historischen Romane wird daher im Nachwort erklärt, was im Roman Dichtung und Wahrheit ist, das ist der Autorin wichtig.


Fünfmal wird die Wahl-Sylterin in den ersten vier Jahren auf der Insel umziehen. „Bei der letzten Runde habe ich mir versprochen: Wenn ich jetzt noch einmal etwas Neues suchen muss, dann gebe ich auf.“ Doch nach langem Warten bekommt sie endlich eine gemütliche Wohnung mit Garten von der Gemeinde. Einen Schreibtisch hat Sina Beerwald mittlerweile auch. Doch schreiben, so sagt sie, kann sie überall. So sieht man die hübsche Autorin auch häufiger in den Cafés oder im Strandkorb am Wasser sitzen. Viele ihrer Geschichten finden noch mit Kugelschreiber den Weg aufs Papier. Mittlerweile zeigen sich deswegen schon kleine Schwielen am Zeigefinger ihrer rechten Hand.
Über 20 Bücher und zahlreiche Kurzgeschichten gehören heute zu der Liste ihrer Veröffentlichungen. Einige Auszeichnungen hat sie für ihre Werke schon bekommen. „Wobei es mir um das Schreiben selbst geht, nicht um Literaturpreise.“ In Genre-Schubladen stecken kann man die Autorin nicht. Neben ihren historischen Romanen stehen auch (unblutige) Psychothriller und lustige Sylt-Krimis im Programm. Dazu kommen Reiseführer, oder wie der Verlag sie nennt „Erlebnis-Führer“, für die Inseln Sylt und Föhr.„Das waren Aufträge und für mich Neuland“. Denn jetzt heißt es für die Autorin auf Zeile schreiben und eigene Fotos liefern. Radtouren und Spazierwege für die beiden Titel „22 Touren auf Föhr, die man gemacht haben muss“ und „111 Orte auf Sylt, die man gesehen haben muss“, hat die Süddeutsche alle selbst entdeckt und, wo es möglich war, auch geschichtliche Hintergründe recherchiert. Die heute 47-Jährige geht jede Stelle, die sie beschreibt, zu Fuß ab. „Man sieht beim Gehen einfach am meisten.“
Auch wenn in ihren Romanen die Liebe immer eine Rolle spielt, will sie keine reinen Liebesgeschichten schreiben. „Das ist mir zu einseitig“, erklärt sie. Die Autorin hat eine leichte Feder. Von lustigheiter, nervenkitzelnd bis historischspannend zeigt sich die Vielfalt ihres Könnens. Zu den Rennern unter ihren Veröffentlichungen gehören die Sylt-Romane„Die Strandvilla“, „Das Dünencafé“ und „Das Inselmädchen“. Mit den Buchhändlern am Ort ist die Schwäbin längst per „Du“. So stellt die Autorin ihre Werke auch gern bei Lesungen vor. Auch wird sie hin und wieder auf der Straße erkannt und angesprochen.„Mit Sonnenbrille auf, hält sich das aber in Grenzen“, lacht sie. Ihr Schwäbisch ist noch leicht herauszuhören und ein „Himmel, Herrgott, Sakrament“ lässt sich auch einmal in ihren Büchern finden. Doch ansonsten ist Sina Beerwald längst zur Insulanerin geworden.„Ich bin immer gern für ein paar Tage im Süden, aber dann muss ich auch schnell wieder zurück an die Nordsee.“ Nur die langen Winter auf der Insel machen der Süddeutschen manches Mal zu schaffen.„Das Schöne allerdings ist, dass wir Einheimischen dann näher zusammenrücken.“
Ihre Mutter ist bis heute ihre engste Vertraute geblieben und bekommt jedes neue Projekt als Erstes zu lesen.„Mittlerweile hat sie nicht mehr so viel zu meckern.“ Auf die Frage, ob sie ein Lieblingsbuch hat, hat Sina Beerwald immer die gleiche Antwort parat.„Das ist wie die Frage nach dem Lieblingskind, das gibt es nicht. Jedes hat seinen ganz eigenen Charakter.“ Auch wenn Sina Beerwald sich Bestsellerautorin nennen darf und das Schreiben zum Beruf geworden ist, ist es für sie immer wieder eine Mischung aus „Erstaunen, Faszination und Glücklichsein“, wenn ein Paket mit Belegexemplaren eines neuen Buches ankommt. Dann formt sich jedes Mal die Frage in ihrem Kopf: „Habe ich das wirklich alles geschrieben?“ Durchschnittlich hat Sina Beerwald für jedes Buch gut ein Jahr Zeit gebraucht. Nie schreibt sie zwei Bücher parallel. „Was ich zeitgleich mache, ist die Recherchearbeit für das nächste Projekt anzufangen, das hilft mir dabei, mich zwischendurch mit etwas anderem zu beschäftigen.“ Auch Schreibblockaden kennt die Autorin, doch Angst habe sie davor nicht. „Für mich sind sie eher ein Wegweiser, dass mein Kopf gerade in die falsche Richtung will.“
Vor ein paar Jahren ist um die Schriftstellerin herum eine kleine Schreibwerkstatt entstanden, mit Menschen, die Freude an der deutschen Sprache haben. „Schreiben ist Handwerk, das man ein Stück weit lernen muss.“ Ob jeder ein Buch schreiben könne? Das beantwortet die Autorin mit einem klaren „Ja“. Das Wichtigste sei dabei Sitzfleisch und die Fähigkeit, Kritik nicht persönlich zu nehmen.
Gerade erst ist der dritte Band ihrer Sylt-Reihe „Pfotenglück“ erschienen. Nun liegt wieder eine Sylt-Trilogie auf dem Beerwald-Schreibtisch, dieses Mal spielt die Geschichte in den 1930er-Jahren. Die Reihe wird den Titel „Die Sylt-Schwestern“ bekommen. Mehr will die Autorin jetzt aber noch nicht verraten.