Kühnheit, Kraft und Mut – das ist der erste Eindruck von Marten Thaden, Krabbenfischer auf Amrum. Einer der Letzten seiner Art und bereits in sechster Generation tätig, wie sich später im Gespräch herausstellen wird, nachdem zuvor per Whats-App-Chat ein Termin vereinbart wurde. Der Mann auf dem Profil-Foto sieht eigentlich zu jung für diesen Job aus. Die Souveränität, mit der er wenige Tage später auf dem Deck seines Schiffes im Amrumer Seezeichenhafen erscheint, lässt allerdings keinen Zweifel daran, dass hier einer weiß, was er tut. "Männer mit Bärten, die müssen mit ..." Auf Kaperfahrt, wie die in dem flämischen Volkslied Besungenen, wird der blonde Amrumer im klassischen, dunkelblauen Troyer wohl eher nicht gehen. Heute hat der 34-Jährige wegen starken Windes einen fangfreien Tag und viel zu erzählen.
Aufgewachsen im Fischerdorf Fedderwardersiel am Jadebusen mit seinem traditionellen Krabbenkutterhafen, zog es die Eltern mit ihren beiden Söhnen 1999 nach Amrum, wo Marten bis nach der neunten Klasse die Schule besuchte und wie viele Amrumer mangels eines Gymnasiums bereits in jungen Jahren die Insel verlassen musste, um das Abitur absolvieren zu können. Ein Jahr auf einer als unkonventionell geltenden deutsch-dänischen Schule im dänischen Tinglev ging der Hochschulreife in Apenrade voraus. Danach lockte erst einmal das Abenteuer in Australien und Thailand.
Als der Ernst des Lebens lauter nach ihm zu rufen begann, begab sich der Sohn eines selbstständigen Krabbenfischers zurück nach Amrum, um zunächst mit Strandkorbvermietung und anderen Jobs die strapazierte Reisekasse wieder aufzufüllen. Wie schon viele Männer in seiner Familie vor ihm, zog es auch Marten schließlich auf das Meer hinaus und er begann 2012 eine Ausbildung zum Fischwirt - bei seinem Vater Andreas. "Da musste ich durch. Das war in erster Linie schön, weil ich all sein Wissen aufsaugen konnte - aber für beide auch sehr eng." Bereits während sämtlicher Schulferien hatte Marten seinen Vater auf See begleitet, zumeist auf eigenen Wunsch, mit 16 absolvierte er vor Norwegen ein Praktikum der Hochseefischerei. Zuhause wohnen, zusammen arbeiten.
Mit Beendigung der Ausbildung und nachdem er einige Zeit als Geselle gearbeitet hatte, brauchte Thaden einen Cut. In Bremen schrieb er sich für zwei Semester Biologie ein, eigentlich in dem Ansinnen, Forschung und Quotenermittlung zu betreiben, erkannte aber schon nach dem ersten Semester doch eher die Natur eines Praktikers in sich.
Nach sechs Monaten als Decksmann bei seinem Onkel in der Nähe der Wesermündung landete Marten für eine Saison auf Elba in Italien. Während er selbst seinen Beruf mit Herz und Leidenschaft lebe, habe er feststellen müssen, dass die Fischerei hier einen ganz anderen Stellenwert habe. Ein starker Kontrast zum eigenen hohen Anspruch an die Arbeit.
Es hielt ihn nichts und in weiblicher Begleitung einer Amrumerin, die er in Bremen traf - kehrte er ins Wattenmeer zurück. Da die Mannschaft seines Vaters zu diesem Zeitpunkt komplett war, verdingte der Seemann sich nun eine Weile als Zimmermann und baute etwa an einem Bohlenweg mit, wie in dem Amrum-Film„Luv und Lee“ von Constantin Löhrmann und Ralf Thomsen zu sehen ist.
Doch die See ließ ihn nicht los, also machte Marten in Sassnitz sein Kapitänspatent und wurde, zurück auf dem Schiff des Seniors, ins kalte Wasser geworfen. "Wir waren fischen, super Wetter. Ich hatte geschlafen und wurde von meinem Vater mit den Worten geweckt: Ich werde jetzt abgeholt. Für drei Tage war ich alleine mit einem Decksmann auf dem Schiff, während mein Vater ein schönes Wochenende mit einem Kumpel hatte. Alle sind heil wieder nach Hause gekommen, auch das Schiff."
2018, mit gerade einmal 26 Jahren, wagte Marten den mutigen Sprung in die Selbstständigkeit - mitten hinein in eine krisengeschüttelte Branche. "Das war das kälteste Wasser", beschreibt er den Schritt heute. Nach reiflicher Überlegung und gründlicher Rücksprache mit Bank, Steuerberater sowie Freunden und Familie erfüllte er sich den Wunsch vom eigenen Schiff, das mithilfe eines Bootsmaklers den Weg aus den Niederlanden nach Amrum fand. Die extrem gepflegte, rund 21 Meter lange "Maria 1" ist nach Mutter Thaden benannt. Diese verkauft einen Teil der fangfrischen Krabben auch heute noch am Seezeichenhafen, während der größere von verschiedenen Händlern auf dem Festland abgenommen wird.


Von März bis Weihnachten ist Marten Thaden mit mindestens einem Decksmann an Bord - meist 72 Stunden am Stück, wobei im Herbst Fangsaison ist. Die einst körperlich extrem anstrengende Fischerei ist durch moderne Technik, vergleichbar mit der eines Baggers, leichter geworden. Das Schlafen im Stop-and-go stellt zwischen Amrum, Dagebüll, Schlüttsiel, Büsum, Cuxhaven, Norddeich und Havneby, wo Marten abwechselnd unterwegs ist, eine Herausforderung dar, an die er allerdings seit Langem gewöhnt ist: "Man muss zäh sein."
Unbeständige Arbeitszeiten, die den Rhythmen der Natur angepasst sind, erschweren unter Umständen ein Familienleben, so der Single, bieten aber durch Selbstständigkeit auch viel Freiheit und Möglichkeiten zur Spontanität. "Wir fischen nach dem Umweltsiegel MSC. Das macht uns keine direkten Vorschriften, aber das Erreichen eines Nachhaltigkeitslevels ist für eine Zertifizierung notwendig, der Weg dorthin selbstbestimmt“, erklärt. Thaden, der neben seinem Job auch noch zweiter Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Schleswig-Holstein ist. "Es ist ein Managementplan vorzulegen, in dem es etwa um das Gesamtgewicht der Netze, deren Maschenweite und andere Faktoren geht, der aber Weiterentwicklung vorsieht, was bedeutet: einmal zertifiziert bleibt man dies nicht die nächsten 583 Jahre, sondern muss sich dafür immer wieder qualifizieren."
Auch persönlicher Fortschritt ist für Marten unerlässlich. Während Corona hat er ein zweites Kapitänspatent erworben, mit dem er seinen Aktionsradius bis nach Portugal, Norwegen oder Island ausdehnen dürfte. Den politischen Willen, der sich in den letzten Jahren formiert habe, könne er zwar teilweise nachvollziehen, etwa im Hinblick auf Offshore-Windparks, deren Vorteile er durchaus wahrnehme, er betrachte aber die Gesamtentwicklung mit Sorge, da sie unzählige Existenzen gefährde, auch weil Ausgleichszahlungen durch den Staat oft nie ankämen.


Durch Maßnahmen wie zum Beispiel Ausbaggerung der Elbe würden ganze Gebiete unbrauchbar gemacht, da dort Sondermüll verklappt werde. Das Verbot von Schleppnetzen käme für ihn einem Berufsverbot gleich, obwohl sein Schiff den wichtigsten Kritikpunkt der Schleppnetz-Gegner, das "Pflügen" des Meeresbodens, gar nicht erfüllt. Aufgrund der vorgeschriebenen maximal 300 PS seines Schiffes sowie des geringen Gewichtes seiner Netze berühren diese beim Fang den Meeresboden gar nicht. Zudem werden die gefangenen Krabben in einer speziellen Anlage gefiltert und größerer Beifang lebend wieder ins Meer gespült. Sein Wunsch für die Zukunft sei, dass sich mehr junge Leute für seine Branche interessieren, in den konstruktiven Dialog treten und beim Kauf von Fisch und Krabben auf Regionalität setzen würden - am besten direkt vom Kutter.
Text: Annette Keisat