Golf ist längst eine Trendsportart für (fast) jedermann. Mit den hochmodernen - Schlägern sind Schlagweiten von über 200 Metern keine Seltenheit. Angesichts der zunehmenden Technisierung vermissen allerdings immer mehr Spieler den Charme ihrer Sportart- und wechseln zum sogenannten Hickory Golf - dessen Wurzeln im schottischen Golfsport liegen. Hier wird mit historischen Schlägern und dazu passender Kleidung gespielt. Zum 100-jährigen Bestehen des Golf Clubs Föhr wurden im August auf der Nordseeinsel die deutschen Hickory-Golf-Meisterschaften ausgetragen. Dabei ging es nicht nur um sportliche Erfolge, sondern auch um ein Lebensgefühl.



Knickerbocker oder Faltenrock, Schottenkaro und Wollpullunder - klingt nicht gerade nach sportlicher Funktionskleidung. Und soll es auch gar nicht sein: Zum Hickory Golf gehören nicht nur historische Schläger, die vor 1935 hergestellt wurden, sondern auch Kleidung im Stil der 1920er- oder 30er-Jahre.



Die meisten Herren beschränken sich auf eine Fliege zum weißen Hemd und Schiebermütze und manchmal Hosenträger. Sebastian Luckei aus Kassel erscheint an diesem Tag dagegen im hellen Tweed-Zweiteiler zum Turnier: Mit Weste und Knickerbockern, Schlips und Kragen, dazu helle Kniestrümpfe und gediegene, zweifarbige Lederschuhe. Auch sein Golfbag hat den perfekten Antik-Look und ist mit nur sieben Schlägern komplett üblich beim Hickory Golf. „Es fasziniert mich, dass mit dem historischen Material früher fast die gleichen Ergebnisse erzielt wurden wie heute. Man musste als Spieler kreativer sein“, begründet der Retro-Golfer seine Leidenschaft. Beatrix Behrens-Steins und Friedrich Zimmermann sind im Partnerlook erschienen, im roten Schottenkaro- und erweisen damit dem Mutterland der Sportart die Ehre. Die Kölnerin Inga Kramer besitzt inzwischen einen kleinen Fundus von stilechten Kleidungsstücken und Accessoires, um bei jedem Wetter auf Fairway und Grün passend gekleidet zu sein. Drei bis vier Hickory-Turniere spielt sie pro Jahr. In Nieblum ist sie mit wadenlangem Plissee-Rock und kurzem, hochgeschlossenem Wolljäckchen bei spürbarer Nordseebrise gut gerüstet.



Das Holz des Hickory-Baums, einer nordamerikanischen Walnussart, hat dem Sport seinen Namen gegeben. Es ist besonders hart, dabei gleichzeitig elastisch und wird für die Schäfte der Schläger verwendet. Die Griffe sind aus Leder, die hölzernen Schlägerköpfe mit Eisenplatten oder Messing verstärkt. Anstelle von Nummern - wie heute üblich – tragen die Schläger von damals fast romantische Namen: Spoon, Brassie oder Mashie.
Hickory Golf findet zunehmend Anhänger, nicht nur in Deutschland. Nach Föhr sind Spieler aus Schottland, England, der Schweiz, Norwegen oder Schweden angereist. Ein Gast hat einen besonders weiten Weg auf sich genommen: Wayne Xing stammt aus China, wo Golf - allerdings vor Maos Zeiten durchaus eine lange Tradition hat. „Technisch ist das Spielen mit dem historischen Material besonders anspruchsvoll“, erklärt„Captain“ Christoph Meister, der Vorsitzende der Deutschen Hickory Golf Society.„Der Ball fliegt nicht so weit und die Schläger verzeihen keine Fehler“. Der sogenannte Sweet-Spot, also der Punkt der Schlagfläche, an dem ein Ball perfekt getroffen werden kann, ist kleiner. Aber: „Wer's kann, der spielt auch mit einem Besenstiel gut“, urteilt der Golf-Historiker.
Text: Susan Müller-Paulsen
Fotos: Benjamin Lehmann