Eine stimmungsvolle Weihnachtsdekoration wird von den Mitarbeitern der Paritätischen Werkstätten in Handarbeit gefertigt und verkauft. Der friesische Weihnachtsbaum.
Alle Jahre wieder. Ab Anfang September liegt es Im Supermarktregal. Das Weihnachtsgebäck. Die Kunden wollen es so, sagen die Lebensmittelhändler und sprechen auch von Herbstgebäck. Also, Zeit über eine friesische Besonderheit zu Weihnachten zu berichten. Den Kenken- oder auch Julbuum. So wird er genannt auf Föhr und Amrum: der friesische Weihnachtsbaum.
Es ist Anfang August, als die Mitarbeiter und Betreuer der Paritätischen Föhrer Werkstätten ihren Verkaufswagen auf dem Oevenumer Dorfmarkt aufbauen. Voll gepackt mit Handarbeiten, die in den Werkstätten hergestellt werden. Auf dem Wagen ist alles liebevoll arrangiert. Mittendrin ein friesischer Weihnachtsbaum. Die Sonne scheint. Es ist angenehme 20 Grad warm und es ist voll auf dem Dorfmarkt. Hauptsächlich Feriengäste. Die essen gerne eine Wurst, eine Waffel oder ein Eis. Weihnachten scheinen sie noch nicht im Kopf zu haben. Nur eine Besucherin und ihr kleiner Begleiter interessieren sich für den in der Mitte des Stands aufgebauten Kenkenbuum. Liane, Mitarbeiterin in der Werkstatt und ihre Betreuerin erzählen den Beiden, was es mit dem Friesenbaum auf sich hat.

Der friesische Weihnachtsbaum entstand im 19. Jahrhundert. Ob am Anfang oder in der Mitte, scheint unklar. Der Julbuum besteht aus einem Gestell mit Bogen und Querstreben. Der Bogen wird mit Buchsbaum umwickelt. Aber seit der Buchsbaum immer mehr vom Zünsler, einem ostasiatischen Schmetterling befallen wird und dessen Raupen den Strauch kahlfressen, ist einfach nicht mehr genügend vorhanden. Es müssen also Alternativen her. Efeu eignet sich oder aber auch Buchsbaum aus Kunststoff. Und schon um 1860 war Pflanzengrün stets knapp und so wurde „die Vorstellung eines Baumes erweckt durch Bewickeln des ganzen Gestells mit grünem Papier“, schrieb Hinrich Cornelius Ketels im Nordfriesischen Weihnachtsbuch. So ausgestattet wird der Baum dann geschmückt mit den Kenkentjüch. Das sind Figuren aus Salzteig. Am Fuß des Baumes stehen Adam und Eva, deren Namenstag am 1. Weihnachtsfeiertag ist. Darüber hängen ein Schwein, eine Kuh, ein Fisch, ein Segelschiff und eine Mühle. Sie symbolisieren die wichtigsten Erwerbsquellen der Inselbewohner. Und oben auf dem Julbuum thront ein Hahn, wie auf einem Kirchturm. Geschmückt wird der Bogen noch mit einer Kette aus Rosinen, die auf einen Bindfaden aufgefädelt werden. Rosinen waren ein Zeichen von hohem Lebensstandard, konnten doch nur Wohlhabende sich die getrockneten Früchte leisten.

Im Kreativbereich der Paritätischen Werkstätten entstehen friesische Weihnachtsbäume in Handarbeit, so wie sie in den historischen Schilderungen beschrieben worden sind. 21 Menschen arbeiten in den Werkstätten. Menschen, die unterschiedliche Behinderungen haben. Dietmar Völcker, der Bereichsleiter der Paritätischen Werkstätten, spricht lieber von„Beeinträchtigungen“, da„Behinderung“ inzwischen einen abwertenden Charakter habe. Die Voraussetzungen der Männer und Frauen sind ganz unterschiedlich. Manche haben psychische Erkrankungen, andere das Downsyndrom und wieder andere sind Autisten. Begleitet werden sie bei ihrer Arbeit von Svenja Voller. Sie berichtet, dass in der Werkstatt jedes Jahr zwischen 300 bis 800 Friesenbäume entstehen. Wie viele es tatsächlich werden, hängt von vielen Umständen ab. So habe es 2023 kein Holz mehr gegeben, erzählt Svenja Voller Grund sei der Krieg in der Ukraine gewesen. Und die Mitarbeiter der Werkstätten würden älter. Einige seien über 60 und mit zunehmendem Alter seien sie schwieriger zu motivieren.„Aber viele sind fleißig und motiviert bei der Arbeit.“, sagt Dietmar Völcker über seine Mitarbeiter. „Sie sind stolz, stolz auf das, was sie leisten“, charakterisiert er die Gefühle seiner Schützlinge. Für das Gestell des Friesenbaums müssen sie drechseln und schmirgeln. Und für die Kenkentjüch wird in den Paritätischen Werkstätten nicht gebacken, sondern gesägt.
Am Ende wird alles zusammengesetzt und für den Versand verpackt. Die Friesenbäume können in der Werkstatt in Oevenum gekauft, aber auch online bestellt werden. Die Preise variieren zwischen 34,50 und 89,00 Euro, abhängig von der Größe und ob mit oder ohne Dekoration gekauft wird. Aber anders als das Weihnachtsgebäck im Supermarkt, ist der friesische Weihnachtsbaum in den Werkstätten dann doch erst etwas später im Jahr gefragt. „Ab November geht es los mit dem Verkauf. Vor Ort und online.“, erzählt Svenja Voller.
www.haus-schoeneberg.de/produkte/kreativprodukte
Rezept: Kenkentjüch
Zutaten:
250 g Zucker
500 g Mehl
1 TL Hirschhornsalz
20 g Butter
rote Lebensmittelfarbe

Zubereitung:
333 ml Wasser in einen Kochtopf geben, Zucker einrühren, kurz aufkochen lassen. Mehl, Hirschhornsalz und Butter zugeben und zu einem Teig kneten. Teig ausrollen und Figuren (Adam und Eva, Hahn, Kuh, Schaf, Segelschiff) ausstechen. Im vorgeheizten Backofen bei 150°C 30 Minuten backen. Nach dem Abkühlen die Konturen der Figuren mit Lebensmittelfarbe nachzeichnen.